„Abwechslung im häufig monotonen Lehralltag“

Studierende entwickeln Planspiel über „Umweltkonflikte in Küstenregionen“

Als Student konnte er wenig mit Planspielen anfangen – inzwischen hat der Kieler Geograph Dr. Jonas Hein deren Mehrwert für seine Lehre erkannt und mit Studierenden ein eigenes Planspiel entwickelt. Warum, verrät er im Gespräch über sein Lehrprojekt „Umweltkonflikte in Küstenregionen“. Übrigens: Das englischsprachige Rollenspiel, das im gleichnamigen Seminar entstanden ist, ist ab sofort als On- und Offline-Variante für alle Interessierten frei abrufbar!

Studierende entwickeln ein Planspiel
Im Wintersemester 2020/21 haben Studierende der Geographie – unterstützt durch Studierende des Masterstudiengangs „Sustainability, Society and Environment“ – ein eigenes Planspiel entwickelt. Inhaltlich standen dabei die Konflikte zwischen dem Schutz und dem Nutzen mariner Räume im Fokus. Mit dem Ziel, die Rollen verschiedener Nutzergruppen auszuarbeiten, und das Szenario eines Verhandlungsprozesses, z.B. im Rahmen der Entwicklung eines Managementplans, zu entwerfen, sollte das Planspiel-Szenario dabei möglichst eng an real existierende Verhandlungen angelehnt sein. Zudem lernten die Studierenden, wie sich die erarbeiteten Inhalte didaktisch geschickt im Rollenspiel vermitteln lassen und – unterstützt durch die Agentur uxma – wie sich die Spielmaterialien ansprechend und intuitiv nutzbar gestalten lassen.

Fast hätte die Pandemie Projektinitiator Dr. Jonas Hein einen Strich durch die Rechnung gemacht. Doch mit Beratung durch das Projekt erfolgreiches Lehren und Lernen (PerLe) der CAU hat die Umsetzung des innovativen Lehrvorhabens auch online gut geklappt. Vor allem Conceptboard und Zoom haben sich dabei als nützliche Tools erwiesen. Von seinen Erfahrungen berichtet der Geographiedozent im Interview.

 

Herr Hein, in Ihrem innovativen Lehrvorhaben haben Sie gemeinsam mit Studierenden ein eigenes Planspiel entwickelt, das um Schutz und Nutzen mariner Räume kreist. Und zwar allen Hürden durch die die Pandemie zum Trotz! Wie ist das gelungen?

Dr. Jonas Hein: Ich war kurz davor, das Planspielseminar abzusagen, weil ich anfänglich sehr skeptisch war, ob es sich ausschließlich digital umsetzen lässt. Dann haben mich aber Mark Müller-Geers und Marc Sinnewe aus dem PerLe-Team beraten und davon überzeugt, es doch zu versuchen. Mithilfe von Conceptboard und verschiedenen Zoom-Sitzungen hat das, was die Erstellung anbelangt, auch erstaunlich gut funktioniert!

Die Kommunikation im Seminar funktionierte gut, gerade Conceptboard ermöglicht sogar eine asynchrone Arbeitsweise, die Studierenden konnten sich innerhalb ihrer Gruppen selbst einteilen, wann wer an was arbeiten will. Ansonsten haben wir Conceptboard zum Austausch und zum gemeinsamen Arbeiten genutzt – aber eben auch für das Spiel selbst. In der digitalen Version übernimmt Conceptboard sozusagen das Spielbrett.

 

Welche „Lessons Learned“ klönnen Sie im Zusammenhang mit Ihrem Lehrvorhaben an andere Lehrende weitergeben, die Vergleichbares planen?

Dr. Jonas Hein: Das Testspielen ist etwas, was bei uns – auch aufgrund der Pandemie – ein bisschen zu kurz gekommen ist. Beim nächsten Mal würde ich dafür von vornherein zwei eng verzahnte Studierenden-Gruppen bilden, sodass eine Gruppe das Spiel schwerpunktmäßig entwickelt, während die andere Gruppe immer wieder testspielt und Spielideen praktisch ausprobiert. Alternativ könnte man auch versuchen, das Spiel in der Entwicklungsphase mit wechselnden Seminargruppen zu testen, damit es für niemanden langweilig wird. Wir hätten unser Spiel viel lieber in Präsenz getestet, was in der aktuellen Situation schwer abseh- und planbar war. Online braucht man mehr Zeit, um Emotionen zu entwickeln im Vergleich zur Präsenzvariante.

Was ich auch mitnehme ist, dass man so etwas online sehr gut umsetzen kann. Ich hatte den Eindruck, dass die Studierenden eine Menge mitnehmen. Die Kernidee von so einem Planspiel, Konfliktsituationen ein Stück weit erlebbar zu machen, eigene Lösungsansätze zu entwickeln und eben nicht einfach nur einen Text darüber zu lesen, ist aufgegangen.

 

Könnte ein Grund dafür, dass Planspiele in der Lehre vieler dennoch nicht zum didaktischen Standardrepertoire gehören, der relativ große Zeit- und Betreuungsaufwand sein?

Dr. Jonas Hein: Ja, wobei man ein Planspiel nicht unbedingt selbst entwickeln muss. Es gibt viele online zugängliche Planspiele und Materialien. Auch unser Spiel haben wir nicht zu 100 Prozent neu entwickelt. Es geht auf ein Planspiel zurück, das ich am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik von der stellvertretenden Direktorin Prof. Dr. Imme Scholz übernommen und gemeinsam mit meinem Kollegen Dr. Jean Carlo Rodriguez de Francisco unterrichtet und weiterentwickelt habe. Allerdings haben wir den Kontext jetzt so geändert, dass Küstenregionen im Fokus stehen und sich dadurch die Akteurskonstellation verändert hat.

Die Grundplanspielstruktur folgt häufig einem ähnlichen Muster. Einhard Schmidt-Kallert von der TU Dortmund, der inzwischen emeritiert ist und uns auch unterstützt hat, hat so ein Spiel beispielsweise in entwicklungspolitischen Kontexten genutzt. Auch in der internationalen Lehre an der TU Dortmund kam ein Spiel mit vergleichbarer Struktur zum Einsatz. Im Wesentlichen wechseln sich Gruppen- und Diskussionsphasen ab, das ist gar nicht so furchtbar kompliziert.

Wenn in einer Gruppe fünf, sechs Leute gar keine Lust aufs Spielen haben, wird es natürlich schwierig. Ich war selbst so ein Student! Ich habe erst später entdeckt, dass Planspiele etwas Schönes, Gewinnbringendes sind. Meistens hat man im Seminar aber eine kritische Masse an Leuten, die gern mitspielen. Dabei kann es zwar passieren, dass ein Spiel am Ende nicht richtig aufgeht – aber dann hatte man trotzdem spannende Diskussionen und Abwechslung im sonst häufig relativ monotonen Lehralltag, den es in vielen Seminaren aufgrund der Prüfungsanforderungen noch immer gibt. Neben „Referat, Referat, Referat“ zwischendurch einfach mal etwas Anderes zu machen bringt, glaube ich, allen Beteiligten etwas.

 

Wie ist denn das Feedback der Studierenden ausgefallen?

Dr. Jonas Hein: Wir haben dadurch, dass das normale Evaluationssystem in Überarbeitung ist, kein anonymisiertes Feedback eingeholt, aber ich habe verschiedene Feedbackrunden mit den Studierenden gemacht. In Hinblick darauf habe ich das Gefühl, dass sowohl der Kurs, der das Planspiel entwickelt hat, als auch der Kurs, der es erstmalig testen durfte, es interessant fanden. Ein Kritikpunkt war tatsächlich, dass es online schwieriger war, beim Spielen auch einen emotionalen Zugang zu finden. Alle haben mitgespielt und Zeit in ihre Rolle investiert, aber online ist es doch viel stärker so, dass man die Anleitung runterspielt und sich weniger spontan aus einer Gruppendynamik heraus ergibt. Man will es nicht zu lang werden lassen, wenn alle vorm Computer sitzen und auf den Bildschirm starren. Das ist beim Livespiel im Klassenraum anders.

 

Gibt es darüber hinaus noch etwas, was Sie vielleicht überrascht hat oder von dem Sie noch berichten möchten?

Dr. Jonas Hein: Am meisten hat mich überrascht, dass die Umsetzung digital funktioniert hat – auch und gerade in Bezug auf das Design der Spielmaterialien, die eine Studierendengruppe zusammen mit der Kieler Agentur uxma entwickelt hat. Gestaltungsfragen lassen sich online sehr gut klären, wenn allen dieselben Entwürfe vorliegen, während sie ohnehin vor dem Computer sitzen und miteinander sprechen.

 

Und wie geht es mit Ihrem frischentwickelten Planspiel jetzt weiter?

Dr. Jonas Hein: Über die „European University of the Sea“, an der Kiel mit verschiedenen anderen europäischen Universitäten beteiligt ist, habe ich mich mit unserem Planspiel-Projekt an einem Call zu „Joint Teaching“-Initiativen beteiligt. Dabei wurde ich mit Ritienne Gauci von der Uni Malta gematcht, mit ihr ich mich inzwischen zusammengefunden und die Umsetzung geplant habe: Unser Joint-Teaching-Projekt soll im Herbst stattfinden. Die Idee ist, dass zehn bis zwölf Studierende aus Kiel, wahrscheinlich aus dem SSE-Master als Teil des Umweltgerechtigkeitsmoduls daran teilnehmen werden. In Kiel sind wir leider ein bisschen unflexibler als die Uni Malta, was die Vergabe von Credits anbelangt. Die Malteser haben dafür ein ganz tolles Programm, das sich Degree Plus nennt, in Richtung Schlüsselkompetenzen ausgerichtet ist und über das ebenfalls zehn bis zwölf Studierende teilnehmen sollen.

Im November werden wir das Planspiel mit dieser interdisziplinären, internationalen Gruppe gemeinsam spielen, im Oktober soll es bereits eine digitale Vorbereitungssitzung und im Anschluss eine Nachbereitungssitzung geben. Die einzelnen Akteure im Planspiel sollen immer sowohl von Maltesern als auch von Kielern besetzt werden, sodass eine gute Mischung und ein intensiver Austausch der Studierenden stattfindet.

 

Viel Erfolg dabei, berichten Sie gern im Anschluss darüber – und haben Sie herzlichen Dank für das Gespräch!

 

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