Gewalt in medizinischen Berufen

Treffen der deutschen studentischen Anamnesegruppen in Kiel

Ekel, Verachtung, Trauer, Angst, Wut und Überraschung: Diese sechs Emotionen spielten beim diesjährigen Maitreffen der deutschen Anamnesegruppen eine zentrale Rolle. Studierende der Medizin und der Psychologie aus ganz Deutsschland trafen sich zwischen dem 10. und dem 13. Mai in Kiel, um sich mit dem Thema „Im Netz der Gewalt“ auseinanderzusetzen. Bereits 19 Monate davor hatte sich das neunköpfige Organisationsteam an die Planung der Veranstaltung gemacht.

Text: Eva-Lena Stange, Janina Bankstahl
(Studentinnen/PerLe)

 

Dieses Projekt wurde durch den PerLe-Fonds für Lehrinnovation gefördert.

An einem Wochenende im Mai parkten vor der Alten Mu blaue Leihfahrräder der Radstation Kiel.  Unter den blühenden Kirschbäumen in Kiels kreativem Zentrum kamen Studierende der Medizin und der Psychologie aus allen Teilen Deutschlands zum jährlichen Maitreffen der Anamnesegruppen  zusammen. In gemütlicher und vertrauensvoller Atmosphäre widmeten sie sich einem weniger angenehmen Thema: Gewalt in medizinischen Berufen.

Was sind Anamnesegruppen?

Anamnesegruppen sind Zusammenschlüsse von Studierenden der Medizin und der Psychologie, die sich mit einem Thema befassen, das im Studium eher nebensächlich ist, im späteren Berufsalltag aber einen Großteil der therapeutischen Qualität ausmacht: mit dem Umgang und dem Gespräch mit Patientinnen und Patienten. Besonders der erste Eindruck ist hierbei von großer Bedeutung – die Anamnese im Erstgespräch. Damit die Studierenden sich nach der Uni nicht ins kalte Wasser geworfen fühlen, treffen sie sich in den Anamnesegruppen und üben den Ablauf dieser Gespräche: mit realen Patienten und Patientinnen.  Jede Gruppe wird von Tutoren und Tutorinnen geleitet, die Menschen in Behandlung akquirieren und die Treffen leiten. Im Gespräch übernimmt dann ein Gruppenmitglied die Rolle der behandelnden Person während die Gruppe in der Beobachterrolle teilnimmt. Anschließend wird das Verhalten im Gespräch von der Gruppe auf unterschiedliche Art und Weise analysiert. „Wir haben einen Pool an Methoden, mit denen wir diese Treffen gestalten und reflektieren, viel Input kommt aber auch aus der Gruppe”, sagt die Kieler Tutorin und Mitorganisatorin des Maitreffens Antonia Kamp. Je nach Universität sind die Gruppen unterschiedlich organisiert, meistens treffen sie sich einmal in der Woche. Beim jährlichen Maitreffen kommen Gruppen aus verschiedenen Städten zusammen, um sich zu vernetzen. „Das Treffen ist sehr gut, um neue Leute mit den gleichen Interessen kennenzulernen und Bekannte wiederzutreffen”, sagt Teilnehmer Benjamin Weber, der in Marburg Medizin studiert.

19 Monate Vorlaufzeit für ein Wochenende

Das diesjährige Treffen fand zum ersten Mal in Kiel statt. Der gelungene Rahmen, das umsichtig zusammengestellte Programm bis hin zu den liebevoll gestalteten Programmheften sprechen für sich: Die Kieler Anamnesegruppe hat keine Kosten und Mühen gescheut, ein einmaliges Treffen auf die Beine zu stellen. Neben dem Projekt erfolgreiches Lehren und Lernen (PerLe) konnte die Gruppe noch andere Stiftungen und Unternehmen für eine finanzielle oder materielle Unterstützung gewinnen. Mit 19-monatigem Vorlauf stürzte sich das neunköpfige Organisationsteam in die Planung. Bis zum Treffen wechselten sich dabei weniger und mehr intensive Phasen ab. Im letzten Semester vor dem Treffen pausierten sogar die wöchentlichen Anamnese-Treffen, um alle Kräfte auf das Maitreffen fokussieren zu können. Das Thema „Im Netz der Gewalt“ wurde auf dem letztjährigen Maitreffen von allen Teilnehmenden gewählt, wobei die genaue Auslegung in der Hand der Kieler Anamnesegruppe lag. So spiegelt sich im Programm  auch das Interessenspektrum des Organisationsteams wider,

Sechs Basisemotionen bilden Grundgerüst für Workshops

Während des Maitreffens durchliefen die Teilnehmenden in verschiedenen Gruppen jeweils vier Programmpunkte. Alle Teilnehmenden  nahmen unter anderem an zwei Workshops teil, die sich primär mit dem Thema Gewalt auseinandersetzten und sekundär einen Bezug zu einer der sechs Basisemotionen nach Ekman herstellten: Ekel, Verachtung, Trauer, Angst, Wut und Überraschung. Während sich die Teilnehmenden unter dem Thema „Wut“ mit Täterarbeit bei Sexualstraftätern und der Frage, ob eine therapeutische Beziehung machtfrei sein kann, beschäftigte, ging es in der Gruppe „Trauer“ zum Beispiel um „Interaktive Übungen zur Wahrnehmung und Reaktion auf Gewalt, sowie Einblicke ins Frauenhaus“. Schwerpunkte waren dabei einerseits die Gewalterfahrung der Patienten an sich, zusätzlich aber auch mögliche Gewalt in der Beziehung zwischen Patienten und Therapierenden. Dazu kamen jeweils noch ein Einführungsworkshop mit einem Überblick über das Thema Gewalt, Selbstreflexion in der Gruppe und ein Anamnesegespräch mit Patienten und Patientinnen aus Kiel, die Gewalterfahrungen gemacht haben. „Ich finde es toll, dass wir innerhalb kürzester Zeit so viele Infos zu einem Thema bekommen, das lässt sich leicht zu einem Netz verknüpfen“, so Nadine Schneider, Psychologiestudentin aus Erlangen.

Zwischen den Sitzungen boten Gruppenspiele, eine Stadtführung und gemeinsame Mahlzeiten bei schönem Wetter eine gute Möglichkeit für den Austausch unter den Teilnehmenden. Als Impulse von außen hatte die Kieler Anamnese-Gruppe zudem vier Vortragende eingeladen, die verschiedene Aspekte von Gewalt in medizinischen Berufen verdeutlichten. Die Auswahl der Dozenten erfolgte über Kontakte oder eigene Praxiserfahrungen des Organisationseams.  Über die nicht-öffentlichen Vorträgen hinaus, wie zum Beispiel die philosophischen Betrachtungen über Gewalt in Sprache und Gesellschaft, bildeten Vorträge des Psychoanalytikers Lutz Götzmann über „Das Libidinöse in der Gewalt“ und dem Sinologen und des Medizinhistorikers Paul Unschuld den Abschluss des Treffens. Unschuld thematisierte einen eher unerwarteten Gewaltaspekt in der Medizin: Die Kommerzialisierung des Gesundheitssystems, die die Behandlung unter ökonomischen Druck setze. Für idealistische Studierende eine sehr demotivierende Perspektive. Auf die Frage aus dem Plenum, was man gegen diese Form der Gewalt tun könnte, antwortete der Medizinhistoriker: „Gleichgesinnte und ein Rezept zur Lösung finden.“ So sieht es auch Antonia Kamp: „In dem Moment hatten viele die Erkenntnis: Genau das tun wir auf dem Maitreffen gerade.“

Vielleicht ist das neben viel wertvollem inhaltlichem Input eine der wichtigsten Erkenntnisse des Maitreffens: In stark verschulten Studiengängen wie der Medizin oder der Psychologie ist es nie zu früh, sich Gleichgesinnte zu suchen und sich mit wichtigen Themen über den Lehrplan hinaus zu beschäftigen und sich Herausforderungen, die Arbeit mit Menschen mit sich bringt, zu stellen. Antonia Kamp nimmt aus dem Treffen die schöne Erkenntnis mit, dass es „viele wahnsinnig interessierte Menschen gibt, die sich, anstatt über bestehenden Verhältnisse nur zu beschweren, informieren und engagieren.“

 

Die Kieler Anamnese-Gruppe wird auch auf dem diesjährigen Tag der Lehre von PerLe am 30. November ihre Arbeit vorstellen. Interessierte sind herzlich dazu eingeladen vorbeizuschauen und mit den Mitgliedern ins Gespräch zu kommen. Wer selbst neugierig geworden ist kann unter anamnesegruppenkiel@gmx.de Kontakt zur Kieler Anamnese-Gruppe aufnehmen. Momentan sind gerade Studierende der Medizin gefragt, die Interesse daran haben Teil der wöchentlichen Anamnese-Treffen zu werden. 

 

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