Angewandte Gasthausarchäologie an der CAU

Studierende organisieren eigene Grabung

Archäologische Berufspraxis: Im Lehrprojekt „Angewandte Gasthausarchäologie“ dürfen Studierende eine eigene Grabung organisieren – vom Einholen der Grabungsgenehmigung über die wissenschaftliche Durchführung bis hin zur abschließenden Publikation.

 Text: Projektteam

Ziel:

Das im Rahmen des PerLe-Fonds geförderte Projekt Angewandte Gasthausarchäologie hat das Ziel Studierenden die praktische archäologische Feldarbeit näher zu bringen. Im Gegensatz zu regulären Lehrgrabungen, die das gleiche Ziel verfolgen, sollen bei unserem Projekt jedoch auch die Schritte zu einer Grabung vermittelt werden, die sonst im Hintergrund geschehen und verborgen bleiben. Dies ist von Bedeutung, da diese Aufgaben nach einem Studienabschluss erwartet werden, aber vorher selten selber durchgeführt werden. Hierzu zählen zum einen die Organisation einer Grabung, also das Einholen der Grabungsgenehmigung, das Zusammenstellen des Materials etc., zum anderen die wissenschaftliche Durchführung dieser. Hierzu zählt zuallererst die Auswahl des zu untersuchenden Objektes und verknüpft hiermit die vorbereitenden Recherchen zu diesen, z. B. die Analyse historischer Karten und Archivalien. Auf Grundlage dieser Ergebnisse muss dann die Planung der Grabungsmethodik erfolgen, wozu besonders die Positionierung der Grabungsschnitte gehört.

Ansprüche an ein auszuwählendes Grabungsobjekt:

In einer Übung im Wintersemester 2013/14 erarbeiteten die Studierenden mehrere Kurzbeiträge zu verschiedenen Themenkomplexen rund um die Archäologie von Gasthäusern, die in Kürze als Publikation erscheinen werden. Diese Quellengattung wurde archäologisch bislang wenig betrachtet. Zwar gibt es wie sich herausstellte zahlreiche ergrabene Gasthäuser, Überblicksdarstellungen fehlen bislang jedoch völlig, was ein großes Manko ist, da diese einen wichtigen öffentlichen Ort darstellten und ab dem Hochmittelalter überall vorhanden waren.

Als Ergebnisse der Übung konnten Fragen zum Aufbau, zur Verbreitung und zur Ausstattung und deren archäologischer Nachweis aufgegriffen und erörtert werden. Da die „Gasthausarchäologie“ durch die Übung mit der darauffolgenden Publikation einen Forschungsschwerpunkt am Lehrstuhl für historische Archäologie darstellt, scheint es erwartungsvoll auch eine Lehrgrabung an einem solchen Objekt durchzuführen, um die theoretischen Betrachtungen mit praktischen Erkenntnissen unterfüttern zu können.

Das Grabungsobjekt muss also folgende Kriterien erfüllen:

  1. Es muss ein Gasthaus an entsprechender Stelle durch historische Quellen überliefert sein.
  2. Das Areal darf nicht überbaut sein, da die Überreste sonst zerstört oder schwer zu ergraben sein werden.
  3. Innerstädtische Flächen fallen aufgrund der komplizierten Befundsituation und dem damit verbundenen hohen Zeitaufwand aus der Auswahl.
  4. Eine Grabungsmaßnahme muss innerhalb von wenigen Wochen mit entsprechenden Ergebnissen durchführbar sein.
  5. Der Grundstückseigentümer sowie das Landesamt als Denkmalschutzbehörde müssen mit der Grabung einverstanden sein und ihre Erlaubnis erteilen.

 

Abb. 2, Geomagnetik Boffzen

Quelle: googleearth

 

Krug an der Brückfeldwarte bei Boffzen (Ldkr. Holzminden/ Niedersachsen):

Auf diesen Krug (Krug = Gasthaus) wurden die Studierenden durch einen Aufsatz zur Landwehr (Landwehr = Befestigter Grenzwall) der Stadt Höxter (Nordrhein-Westfalen) aufmerksam. Zwei Karten aus den Jahren 1603 und 1674, die den Verlauf der Landwehr um die Stadt darstellen zeigen neben der Brückfeldwarte (Warte = Wachturm) einen Gebäudekomplex, welcher als Krug bezeichnet ist (siehe Abb. 1). Der Standort neben der Warte ist im Zusammenhang mit einem ebenfalls dort befindlichen Schlag (Schlag = Durchgang) zu betrachten.

Abb. 1, Alte Karte 1603

Ausschnitt aus der Krabbe-Karte von 1603. Zu sehen ist der Gebäudekomplex des Kruges neben der Warte (Abbildung: M. Koch, Zum Nutzen des ganzen Landes. Die Landwehr um Höxter im späten Mittelalter. In: C. Kneppe, Landwehren. Zu Erscheinungsbild, Funktion und Verbreitung spätmittelalterlicher Wehranlagen. Beiträge zum Kolloquium der Altertumskommission für Westfalen am 11. Und 12. Mai 2012 in Münster. Veröffentlichungen der Altertumskommission für Westfalen. Landschaftsverband Westfalen-Lippe 20 (2014) 155-172, Abb. 10).

 

 

An dieser Stelle konnten Reisende den Grenzwall, teilweise gegen Zahlung eines Zolls, passieren. Ein Gasthaus an entsprechender Stelle gewährte den Reisenden die Möglichkeit zur Rast oder Übernachtung, z. B. wenn der Schlag Nachts geschlossen war. Es war also wesentlicher infrastruktureller Bestandteil des Transportwesens. Auf den Karten sind mehrere Nebengebäude zu erkennen, die zum Abstellen von Gespannen und zur Unterbringung der Zugtiere dienten. Da das Aussehen auf beiden Karten variiert, kann von mehreren Ausbauphasen ausgegangen werden.

Die Lokalisierung des Standortes des ehemaligen Kruges im Gelände konnten die Studierenden vergleichsweise einfach bewerkstelligen, da die auf der Karte abgebildete Brückfeldwarte noch heute als Baudenkmal erhalten ist. Aufgrund der topographischen Gegebenheiten kann sich auch der ehemalige Wegverlauf nicht großartig geändert haben, sodass sich der Standort nördlich der heutigen Straße „Am Forsthaus“ und östlich der Brückfeldwarte befinden muss.

Nach Osten hin schließt ein Hang die Verdachtsfläche ab. Auf dieser Fläche steht das alte Forsthaus, welches aus zwei Gebäuden besteht und Mitte des 19. Jahrhunderts errichtet wurde. Eine größere Weidefläche zwischen dem Forsthauskomplex und dem Verlauf der ehemaligen Landwehr erregte die Aufmerksamkeit der Studierenden, da sie mit dem Krugstandort auf der alten Karte korrespondiert. Um sich vor einer aufwändigen Grabungsaktion zu versichern, dass sich die Gebäuderückstände tatsächlich an dieser Stelle im Boden befinden, entschied sich die Arbeitsgruppe dafür zunächst eine Magnetometermessung durchzuführen. Dabei wird das Gelände mit Sonden abgegangen, welche die Stärke des Erdmagnetfeldes messen.

Strukturen, wie Gruben oder Fundamentreste, erzeugen Störungen, die als Verfärbungen im Messbild erkennbar sind. Zur Durchführung dieser Begehung mussten die Teilnehmer die Erlaubnis der Grundstückseigentümerin und des Gebietsreferenten des zuständigen Kreisarchäologen beantragen, die beide freundlicherweise ihr Einverständnis hierzu gaben. Die Messung erfolgte am 30. April mit einer kleinen Gruppe und dauerte einen Tag lang. Zur Vorbereitung hierfür musste ein rechteckiges Messareal abgesteckt und der Wagen mit den Sonden zusammengebaut und kalibriert werden.

Hypothesen & Rückschläge mit Lerneffekt

Um die Messergebnisse nicht zu verfälschen, muss die Person, die den Wagen schiebt, absolut Metallfrei sein, darf also keinen Schmuck und keine Kleidungsstücke mit metallischen Reisverschlüssen, Nieten etc. tragen. Danach konnte der Wagen dann immer in 2 m breiten parallelen Tracks über das Massfeld geschoben werden, bis das gesamte Areal abgefahren war. Zwischenzeitlich erschienen noch der Stadtarchäologe und der Archivar der Stadt Höxter am Messort und konnten den Studierenden noch wichtige Erkenntnisse zur Archäologie dieses Raumes liefern.

Die Auswertung der Ergebnisse wurde direkt nach der Messung durchgeführt. Hierfür werden die Daten mit einem Laptop ausgelesen und mittels spezieller Software zu einer graphischen Schwarzweißdarstellung umgerechnet (siehe Abb. 2). Im Bild zeigte sich jedoch, dass auf dem Gelände keine größeren Anomalien zu erkennen waren, die Hinweise auf den Gebäudestandort geben konnten. Die weißen Flächen sind die Messfehler, die durch einen Baum und einen Holzpfahl verursacht wurden. Dementsprechend konnten die Studierenden den Krug nicht auf der Wiese nachweisen. Eine erneute Recherche am Ort führte zur Vermutung, dass der ehemalige Gasthof vermutlich durch das Forsthaus überbaut und so zerstört wurde. Hierauf deutet auch ein alter Gewölbekeller hin, der der Gruppe durch die Grundstückseigentümerin gezeigt wurde. Der Krug an der Brückfeldwarte bei Boffzen fiel also für die geplante Grabung aus, da er nicht lokalisiert werden konnte.

So mussten die Studierenden weitersuchen, was aber von großem Lerneffekt war, da Rückschläge wie dieser auf der archäologischen Tagesordnung stehen und sich die großen Funde selten auf dem Silbertablett präsentieren. Weiterhin war die Gruppe nun mit den Amtswegen und Formalia, die für eine Genehmigung notwendig sind, vertraut und beherrschten den Umgang mit dem Magnetometer.

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