Von innovativen Methoden und unerwarteten Situationen

Über "Democrazy" in Apenrade – Eine subjektive Reflexion der Lehrendenrolle von Raphaela Traut

Die letzte Sitzung des Democrazy–Seminars hält eine Besonderheit bereit: Die Kieler Student_innen schlüpfen in die Rolle von Lehrenden und vermitteln ihre in den vorherigen Sitzungen erlangten Kenntnisse 50 Teilnehmer_innen aus Dänemark und Osteuropa. Der Erfahrungsbericht der Kieler Teilnehmerin Raphaela Traut zeigt die Herausforderungen und Grenzen bei der Umsetzung vor Ort auf.

Wir, die Kieler Studenten, haben uns in vier Kleingruppen aufgeteilt;  jede Kleingruppe wird im Laufe der zwei Tage eine Einheit rund um das Thema „Die Krise der Demokratie“ leiten. Als wir uns am Mittwoch gegen frühen Abend den anderen Teilnehmern vorstellen, übernimmt die erste unserer Gruppen direkt im Anschluss die Führung. Thema: Zufriedenheit mit der Demokratie.

Nach der Kennenlernrunde mit den dänischen und osteuropäischen Teilnehmern, die einen dreimonatigen Kurs an der Heimvolkshochschule besuchen, kommen alle im sogenannten  „world cafe´“ zusammen: Einige der Kieler Studenten haben Thesen zum Thema „Zufriedenheit mit der Demokratie“ vorbereitet... Foto: Raphaela Traut

World Café: Einige der Kieler Studenten haben Thesen zum Thema „Zufriedenheit mit der Demokratie“ vorbereitet, an denen die Kleingruppen jetzt im Wechsel miteinander diskutieren. Foto: Raphaela Traut

Um die Diskussion in Gang zu bringen, kommt gleich die Methode des Worldcafé zum Einsatz. An rund sieben Plakaten mit je einer These kommen alle Teilnehmer zusammen, buntgemischt. Alle dürfen Gedanken zu den Thesen notieren oder Skizzen hinzufügen. Nach fünf bis zehn Minuten ertönt ein Gong und man wechselt zur nächsten Plakat-Station. Am Ende ist im Idealfall ein vielfältiger Mix an Gedanken zu Papier gebracht, welcher anschließend präsentiert wird. Doch es läuft holprig.

Unklare Rollen: Die Diskussion stockt

Selbst ich als Kieler Teilnehmerin finde den Start unvermittelt, es fehlt eine Heranführung an das Thema – und das obwohl wir Kieler das Feld inhaltlich bereits in zwei vorangehenden Seminarblöcken bearbeitet haben. Wir wissen zwar, worum es geht, die anderen sind sowohl inhaltlich als auch methodisch unverbereitet. Irgendwann entsteht der Eindruck, als wollten die Kieler Teamer, die diese Einheit leiten, es möglichst schnell hinter sich bringen. Ich glaube, es liegt auch daran, dass wir auf Englisch kommunizieren müssen.

Ich arbeite gemeinsam mit einem Kommilitonen, einemJungen aus Ungarn und einem Dänen an den Thesen. Die beiden Fachfremden scheinen von uns in gewisser Weise zu erwarten, dass wir das schon machen. Die Rollen sind unklar, wir Kieler geben viel Input, eine Diskussion kommt in unserer Konstellation kaum zustande. Wenn doch – und der Ungar hat teilweise sehr spannende, von uns abweichende Meinungen – möchte er seine Gedanken nicht zu Papier bringen. Es kommt mir so vor, als denke er, es solle nur Positives, Zustimmendes auf der Flipchart stehen oder eine gemeinsame Position in der Gruppe gefunden werden. So, als sei unsere Meinung die richtige und als würden wir seine bewerten. Das ist schade, denn gerade in der Verschiedenartigkeit der Anschauungen liegt das Potential für eine wirklich spannende Diskussion. Das hättezu Beginn des Worldcafé vielleicht klarer kommuniziert werden müssen.

 Keine bloße Meinungsabfrage

Was sich zudem als Hürde erweist, ist die Größe der Gruppen. Wenn man zur nächsten These wechselt, nimmt das Einarbeiten und Anlesen der Gedanken der vorherigen Gruppe mehr Zeit in Anspruch, als im Anschluss noch für Ergänzungen und Diskussionen zur Verfügung steht. Bei den letzten Station fügen wir kaum mehr eigene Ideen hinzu, sondern können lediglich noch den bereits notierten Meinungen zugestimmen oder sie ablehnen.

Auffällig ist außerdem, dass sich unter den Teilnehmern, die schon seit knapp zwei Monaten in Apenrade sind, bereits Grüppchen gebildet haben. Die Dänen bleiben hauptsächlich unter sich und sprechen Dänisch, ebenso die Osteuropäer. Schade finde ich, dass das Präsentieren der Flipcharts am Ende zu kurz kommt. Ziel ist es, die wesentlichen Argumente zusammenzufassen. Weil sich jeder einzelne Teilnehmer mit jeder These auseinandergesetzt hat, ist dieser Teil eines Worldcafé aus meiner Sicht besonders spannend: Stimmen die anderen meinen Ansichten zu? Was wurde auf dem Plakat  hinzugefügt und verändert, seitdem ich dran gearbeitet habe? Es liegt am Ende in gewisser Weise ein Resultat vor, die Methode beschränkt sich nicht auf eine bloße Meinungsabfrage.

Spontaner Kurswechsel

Als die Einheit schließlich beendet ist und wir zum Abendessen übergehen, fühle ich mich ein bisschen frustriert. Wahrscheinlich zu diesem Zeitpunkt am stärksten von den Tagen insgesamt in Apenrade. Das Worldcafé lief so anders als in unserer recht homogenen Gruppe von Kieler Studenten bei beiden Sitzungen zuvor. Zwar war es inhaltlich nicht „meine“ Einheit, aber wir treten in Apenrade ja als „die Kieler“ auf und sind zudem aneinander gewachsen.

Meine Gruppe, die für die Einheit am nächsten Morgen zuständig ist, kommt am Abend nochmal zusammen, wir entscheiden uns für einen Kurswechsel. Ursprünglich wollten wir auch ein Worldcafé machen. Die Erfahrungen des Abends haben gezeigt, dass wir lieber umdisponieren sollten; wir haben das Gefühl, es wurde bereits alles aus der Methode herausgeholt, was in diesem Rahmen geht.

Apenrader Abenteuerstimmung

Da wir uns bereits in der Vorbereitung mehrere Alternativen überlegt haben, ist eine spontane Änderung kein Problem, fällt uns sogar leicht. In einem regulären Seminar wäre das vermutlich anders gewesen, die trotz erster Ernüchterung insgesamt aber positive „Abenteuer-Stimmung“ in Apenrade lässt es zu. Der holprige Abend klingt dann mit gemeinsamem Tanzen, Singen mit dem Musiklehrer und anschließend in der Bar aus. Von einer Teilnehmerin aus Slowenien erfahren wir, dass alle dachten, wir Deutsche sind angehende Lehrerund dementsprechend hätten sie mehr Aktivität unsererseits oder ‚Frontalinput‘ erwartet.

Am nächsten Morgen gestalte ich mit meinen Kommilitonen das Thema „Neue Medien“. Als Einstieg und kleinen Input präsentieren wir drei Videosequenzen, die Fakten und Daten, teilweise auch Kritik zu den Bereichen soziale Netzwerke, Handysucht und Datenschutz enthalten. Wir finden es überflüssig vorzutragen, was soziale Netzwerke und neue Medien sind und lassen lieber die Bilder sprechen.

Von Sprachbarrieren und Schauspieltalenten

Wir teilen alle Teilnehmer in Gruppen von etwa acht bis zwölf Leuten auf; nach den Erfahrungen von gestern lassen wir sie allerdings durchzählen, damit gemischte Gruppen entstehen und nicht nur in den üblichen Konstellationen gearbeitet wird. Jede Gruppe erhält eine These, die es dann nochmal in Pro und Kontra aufzuteilen gilt. Es entstehen praktisch pro Gruppe zwei Lager, die gegeneinander argumentieren und nach der Ausarbeitungszeit das Plenum von ihrer Argumentation überzeugen sollen.

Pro These entsteht eine Art Talkskow-Battle, das Publikum entscheidet anschließend durch Applaus, wer gewonnen hat, sprich, überzeugender argumentierte. Ziel unserer Methode ist das Hineinversetzen und Vertreten einer Position, die eventuell sogar der eigenen Meinung widerspricht.

Die Präsentation als Battle führt zu einer Aktivierung der gesamten Gruppe und es zeigen sich einige Schauspieltalente. Aber auch bei unserer Einheit werden Sprachbarrieren deutlich: Mir fehlt teilweise Vokabular, oft bewegt man sich nur an der Oberfläche des Themas und auch einige Osteuropäer haben Schwierigkeiten sich auszudrücken, insbesondere wenn es um sprachliche Feinheiten geht.

Frontalunterricht kann auch entspannend sein

Am späten Vormittag geht es weiter mit Einheit 3 und 4, die parallel stattfanden. Nach den letzten Stunden tut es ganz gut, dass wir nun weniger Leute im Raum sind. Ich nehme bei „Europaskepsis“teil, während die andere Hälfte sich mit dem Thema Jugendarbeitslosigkeit in Europa befasst. Meine Kommilitonen geben – anders als wir anderen zuvor – einen Input mit Präsentation: Was ist Euroskepsis, welche Ausprägungen gibt es, wie spielt Populismus mit rein?

Ich empfinde es als entspannend, Wissen präsentiert zu bekommen und mal nicht herumzulaufen und zu diskutieren. Sicherlich bietet sich das bei diesem Thema an, denn es geht jetzt nicht nur um persönliche Neigungen sondern um einen politikwissenschaftlichen Begriff. Nicht sicher bin ich mir jedoch, ob es für einige eventuell inhaltlich zu schnell oder zu schwierig ist, immerhin sind viele der Teilnehmer keine Studenten und erst recht keine Politikwissenschaftler.

Bevor auch diese Gruppe in eine aktive Phase überleitet, sind alle aufgefordert abzustimmen: Mit dem Gang zu drei selbstgebastelten Urnen kann ich entscheiden, ob ich Europa bzw. der EU gegenüber skeptisch, teilweise skeptisch oder nicht skeptisch eingestellt bin. Die Idee gefällt mir sehr gut, allerdings wird das Ergebnis im weiteren Verlauf weder genannt noch aufgegriffen, womit die Wahl für mich an Gehalt verliert.

Die Herausforderungen der heterogenen Gruppe

Es folgt ein gemeinsames Brainstorming über inhaltliche Gründe für Euroskepsis, wofür anschließend in Kleingruppen nach Lösungen gesucht wird. Dadurch, dass wir gemeinsam Probleme gesammelt haben, bearbeiten wir de facto nur Themenbereiche, die wir selbst als wichtig empfinden. Ich denke, das motiviert uns alle mehr als Themen vorgesetzt zu bekommen.

In meiner Gruppe suche ich nach Lösungen für die schwache institutionelle Stellung des Europäischen Parlaments, es wird schnell deutlich, dass die Gruppe über sehr unterschiedliches Hintergrundwissen verfügt. Wenn sowohl die Kenntnis über Rechte und Pflichten des Parlaments als auch über die der anderen EU-Institutionen fehlt, kann kaum über Verbesserungen nachgedacht werden. Ich möchte nicht als Besserwisser oder Lehrperson auffallen und versuche mich deshalb zurückzuhalten bzw. lediglich Impulse zu geben.

Es gehört eine ungeheure Portion Motivation dazu, andere zu motivieren

Während der abschließenden Präsentation der Ergebnisse fällt mir noch einmal auf, dass immer dieselben Personen sprechen und sich einige komplett ausklinken. Sicherlich ist das auch in jedem regulären Seminar der Fall – hier sind wir aber einfach davon ausgegangen, dass alle an unseren Themen interessiert sind, diese diskutieren möchten und das auch können. Tatsächlich war die Apenrader Gruppe jedoch so heterogen wie auch die jeweiligen persönlichen Beweggründe für die Teilnahme.

Das ist eine wesentlicher Aspekt, den ich aus der Erfahrung ziehe, selbst einmal in die Rolle der Lehrenden geschlüpft zu sein. Es gehört eine ungeheure Portion eigene Motivation dazu, andere zu motivieren, die wenig interessiert sind und vor allem eine andere Diskussionskultur leben als ich es gewohnt bin. Insgesamt waren die Tage in Apenrade lehrreich, aber vielleicht nicht im herkömmlichen Sinne. Inhaltlich bzw. fachlich habe ich nichts dazugelernt, die Themenbereiche haben wir größtenteils schon in Rendsburg und Leck besprochen. Anregend war der Austausch über bereits bekannte Inhalte mit Menschen aus verschiedenen Ländern und mit unterschiedlichen Hintergründen – wenn dies auch hätte ausgiebiger stattfinden können. An Lehrerfahrung habe ich viel dazu gewonnen und vor allem habe ich dazugelernt, wenn es darum geht mit Herausforderungen und mit Unerwartetem umzugehen.

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