Smarte Bildung im Smart Country Estland

Diskussionsrunde mit Bildungsforscher Jens Buchloh

Was kann Deutschland in Sachen Bildungsvermittlung vom Digitalisierungsweltmeister und Pisa-Spitzenreiter Estland lernen? Um das herauszufinden, unternahm der Kieler Bildungsforscher Jens Buchloh Anfang des Jahres eine Reise in den nördlichsten Staat des Baltikums. Wesentliche Erkenntnisse hat er im Projekt erfolgreiches Lehren und Lernen (PerLe) an der CAU diskutiert. Sein Nachbericht fasst die spannendsten Punkte zusammen.

Text: Jens Buchloh
Bildungsforscher & Alumnus der CAU

Wie sieht gute Bildung aus? Muss Bildung im 21. Jahrhundert digital oder analog vermittelt werden? Und was kann Deutschland hinsichtlich Unterrichtsgestaltung und Bildungsvermittlung vom Europäischen Musterstaat Estland lernen? Fragen über Fragen, die ich im März rege mit PerLe-Mitarbeitenden diskutiert habe.

Mein Hintergrund: Ich bin nicht nur Pädagoge und CEO der Kieler Firma ergovia, sondern auch begeisterter Verfechter einer neuen Bildungsreform. Aus diesem Grund habe ich Anfang des Jahres eine Bildungsreise nach Estland unternommen.

Meine Mission: Herausfinden, was genau das estnische Bildungssystem so erfolgreich macht – und die Erkenntnisse auf das deutsche Bildungssystem übertragen.

Bei meinem Estlandbesuch interviewte ich Bildungsminister, Bildungstechnologen, den deutschen Botschafter, Schulleiter, Lehrer, Eltern und Schüler, aber auch Erzieher von Kindertagesstätten und Personen aus der freien Wirtschaft. Die zahlreichen Gespräche und Beobachtungen aus den verschiedensten Bereichen ermöglichten mir, das estnische Bildungskonzept in seinem vollen Umfang verstehen zu können. Das ist notwendig, da Bildung immer eingebettet ist in ein Sozialgefüge und nicht losgelöst als ein alleinstehender Begriff betrachtet werden kann.

 

Meine Erkenntnisse habe ich in einem Filmclip zusammengetragen:

 

 

Dieses Video diente der kontrovers geführten Diskussion mit den PerLe-Mitarbeitenden an der CAU als Grundlage. Gegensätzliche Einstellungen und Fragestellungen der verschiedenen Akteure prallten aufeinander und entfachten eine spannende Debatte. Dabei stachen besonders folgende Punkte hervor:

 

  • Digitalisierung als Ursache für den Wandel an Schulen = In welcher Form muss oder sollte Schule auf eine digitale Welt vorbereiten, damit Schüler lebenstüchtig sind?

 

  • Digitalisierung als Methode für den Wandel an Schulen = Wie viel Digitalisierung ist gut? Ersetzen oder ergänzen digitale Medien bisherige analoge Vorgehensweisen?

 

  • Digitalisierung von Schulen als Ziel eines Wandels = Wie weit muss eine Schule selbst digitalisiert werden, um erfolgreich zu sein? Wie weit muss Schule digitale Kompetenzen vorhalten und an Schüler vermitteln?

 

Ich habe die Diskussion zudem mit meinen Estlanderfahrungen unterfüttert, die hier noch einmal in aller Kürze hier aufgelistet sind:

 

  • Bildungsbegriff: Zunächst ist der Bildungsbegriff in Estland ein ganz anderer als in Deutschland. Im rohstoffarmen Estland nimmt Bildung einen extrem hohen Stellenwert bei der Bevölkerung, in der Politik und Gesellschaft ein. Bildung an sich wird nicht als ein abgeschlossener Prozess gesehen, der innerhalb der Schul- und späteren (Universitäts-) Ausbildung stattfindet, sondern es herrscht ein gesellschaftlicher Bildungskonsens hinsichtlich der Wichtigkeit des lebenslangen Lernens.

 

  • Infrastruktur: Estland weist eine weitaus bessere digitale Infrastruktur auf (z.B. offener Internetzugang für alle).

 

  • Die Schule als Lernort: präsentierte sich als sehr offen, es wird viel Wert gelegt auf die aktive Zusammenarbeit von Lehrern, Eltern und Schülern.

 

  • Kooperationen mit Unternehmen: Estnische Schulen setzen sehr stark auf die Expertise von Wirtschaftsunternehmen, die ihre spezielle Erfahrung in das Unterrichtsgeschehen einbringen. Die Lehrer sehen das nicht als Einschnitt in ihre Kompetenzen, sondern freuen sich darüber, dass ihre Schüler von dem Wissensschatz der Unternehmen profitieren können.

 

  • Lehrer und Digitalisierung: Lehrer stehen dem Thema Digitalisierung in der Bildung überwiegend neugierig und pragmatisch gegenüber. Der Einsatz digitaler Medien hängt vom jeweiligen Nutzen für den Lernerfolg ab. Lehrer sehen sich nicht in Konkurrenz zu den digitalen Medien gestellt, sondern vielmehr in der Rolle des Managers aller Möglichkeiten. Die interviewten Lehrer zeigten sich erleichtert ihr „Wissensmonopol“ hinsichtlich der neuen Medien abgeben zu dürfen und banden die Expertise ihrer Schüler mit ein.

 

  • Beruf des Lehrers: Der Beruf des Lehrers wird als zukunftssicher gesehen – allerdings stärker in pädagogisch-projektleitender Funktion. In Estland werden die Lehrer professionell für den Einsatz mit digitalen Medien ausgebildet. Schulen lassen digital interessierte estnische Lehrer in einem Masterstudiengang zu sogenannten Bildungstechnologen ausbilden. Zurück in der Schule sind diese Multiplikatoren für das Kollegium.

 

Mein Fazit: 

„Die Frage nach digital oder analog ist der falsche Ansatz. Blinde Digitalisierung ist genauso verpönt wie stures Festhalten an rein analogen Lernkanälen. Mein Rat: Bilden Sie Experten für die Schulen aus, welche die Digitalisierung auf ihren jeweiligen Nutzen für Lehrer und Schüler hin prüfen. Das oberste Ziel einer Schule muss es sein, Schüler optimal auf die zunehmend digitale Welt vorzubereiten.“

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