Blended Learning in der Methodenausbildung

Empirische Sozialforschung: Neues Vorlesungsformat in der Geographie

Mehr Praxisnähe bei der Auseinandersetzung mit Methoden empirischer Sozialforschung: In der Geographie hat ein Dozententeam eine besonders theorielastige Vorlesung so umgekrempelt, dass Studierende die Inhalte anhand konkreter Anwendungsbeispiele einüben können. Blended-Learning-Elemente spielen dabei eine wichtige Rolle. Die Projektinitiatorin, Sakura Yamamura, schildert ihre Erfahrungen bei der Konzeption und der Umsetzung des neuen Formats.

Text: Sakura Yamamura
(Projektinitiatorin)

Die bisherige Vorlesung zur empirischen Sozialforschung litt darunter, dass sie seitens der Studierenden als „theorielastig“ empfunden und für die „fehlende praktische Anwendung“ des Erlernten kritisiert wurde. Die zweistündige Vorlesung sollte, beginnend mit wissenschaftstheoretischen Hintergründen, einen Überblick über Methoden der empirischen Sozialforschung geben. Durch die Abnahme der Prüfungsleistung in Form von Übungsaufgaben, die teilweise in Einzel-, teils in Gruppenarbeiten gelöst wurden, und die das Hören der Vorlesung nicht unbedingt voraussetzten, wurde die Lehrveranstaltung selten besucht. Dadurch wurden die Vorlesungsinhalte nicht ausreichend vermittelt. Hinzu kam, dass Feedbacks zu den Aufgaben nach Bedarf in den Sprechstunden des Dozenten eingeholt werden konnte, was jedoch selten wahrgenommen wurde. Die Benotungen erhielten die Studierenden meist erst zwei bis drei Wochen nach Abgabe der Aufgaben. Der Lerneffekt ließ durch dieses Vorlesungsformat zu wünschen übrig.

Die Vorlesung wurde nun neu konzipiert, um eine praxisnähere und anwendungsorientiertere Methodenlehre zu realisieren. Inhaltlich wurde ein stärkerer Fokus auf die Anwendung der Methoden gelegt, die mit Beispielen aus der Praxis veranschaulicht wurden. Hierzu gehörten nicht nur die kritische Auseinandersetzung mit Datenmaterialien und Berichterstattungen aufgrund von empirischen Studien, sondern auch das Einbinden von tagesaktuellen Bild- und Videomaterialien, die das methodische Vorgehen veranschaulichten. Außerdem wurden statt der ausführlichen Behandlung von wissenschaftstheoretischen Inhalten neue empirische Methoden aus den Sozialwissenschaften in das Lehrprogramm aufgenommen und neuere Studien als Beispiele vorgestellt.

Neues Blended Learning-Konzept

Durch ein Blended Learning-Konzept, das eTests und Gruppenarbeiten kombiniert, sowie anschließende direkte Feedbacks in der Vorlesung und begleitende Tutorien wurden Lehrinhalte effektiver und umfassender vermittelt. Im Zuge dessen wurde das übliche eLearning-System OLAT von der bisherigen Unterlagenverwaltung um umfangreiche eTests- und Notenverwaltungs-Funktionen erweitert. Trotz der umfangreichen eLearning-Erweiterung wurde bei dem Blended Learning-Konzept auf die stärkere Vernetzung des eLearnings mit dem Präsenzstudium geachtet, sodass eLearning als Ergänzung und nicht zur Ersetzung der Vorlesung eingesetzt wurde. Dies verhalf dazu, dass die Vorlesung über das gesamte Semester sehr gut besucht (bei ca. 70 Teilnehmenden wurde im Durchschnitt eine Anwesenheit von 50-60 Studierenden beobachtet) und so auch die Vermittlung der Inhalte effektiver wurde.

Die eTests enthalten weniger einfache Wissensabfragen, dafür mehr Praxisbeispiele und komplexere Fragen, die zum eigenen Denken anregen. Nach einer Selbsttestphase zur Übung wurden verbindliche eTest-Prüfungen freigeschaltet. Die Gruppenarbeite umfasste u.a. die Konzeption, Durchführung und Analyse von Online-Umfragen, um über die Probleme der praktischen Anwendung zu reflektieren und sich die technischen Kompetenzen anzueignen (s. Details zu den Blended Learning-Elementen finden Sie in weiteren Blogeinträgen zum Thema).

Zwischenevaluationen und Optimierung

Im Laufe des Semesters wurden zu mehreren Zeitpunkten mündliche und schriftliche Kurzevaluationen zu den neuen Lehrelementen durchgeführt, um das Lehrveranstaltungsformat an die Bedürfnisse und die Lerntempi der Studierenden anzupassen. Wie in der untenstehenden Graphik dargestellt, wurde die nur aus Vorlesung und Take-Home-Aufgaben bestehende Lehrveranstaltung um effektivere Feedback- und Selbstlerneinheiten erweitert.

Der von den Studierenden geäußerte Wunsch eine längere Selbsttestphase zu erhalten, um sich für den verbindlichen eTest länger und besser vorbereiten zu können, wurde so umgesetzt, dass die Selbsttests bis zur Abgabefrist der eTests zugänglich waren. Gleichzeitig wurde auch den Bedürfnissen von Studierenden nachgekommen, eine größere zeitliche Flexibilität bei diesen Selbst- und eTests einzuräumen, indem die eTests früher zur Verfügung gestellt wurden. So konnten Studierende, die direkt nach der Vorlesung die Inhalte wiederholten, ihre eTests bereits einen Tag nach der Vorlesung ablegen. Studierende, die erst am Wochenende zum Wiederholen und Lernen der Vorlesungsinhalte kamen, nutzten die verlängerten Selbsttestphasen bis kurz vor Abgabe des eTets. Parallel wurde in den Tutorien beobachtet, – und dies wurde auch in der Kurzevaluation mehrheitlich erwähnt –, dass mit der verlängerten Selbsttestphase die Besprechung von Lehrinhalten im begleitenden Tutorium nicht mehr benötigt wurde, sodass dieses stärker auf die inhaltliche und technische Unterstützung der Gruppenarbeiten ausgerichtet werden konnte, was wiederum großen Anklang bei den Studierenden fand.

Erfolgskonzept für die Methodenausbildung?

Das Interesse an der darauffolgenden Vertiefungsübung war vor der Einführung des umfangreichen Blended Learning entsprechend der mangelnden Teilnahme an der Vorlesung sehr gering und erreichte durchschnittlich lediglich zwanzig Anmeldungen. Weiterhin fielen Mängel bei den methodischen Grundlagenkenntnissen auf, da die vorausgegangene Vorlesung wenig besucht wurde und eine intensivere Auseinandersetzung mit den Lehrmaterialien fehlte, sodass das praktische Einüben von Methoden oft nicht im vorgesehenen Umfang durchgeführt werden konnte.

Im Semester nach der neuen Vorlesung mit dem Blended Learning hat sich die Anmeldung für die Vertiefungsübung verdoppelt. Dies kann als ein deutliches Zeichen für ein größeres Interesse an der Thematik an sich und auch als eine erfolgreiche Vermittlung der Relevanz der Lehrinhalte für den weiteren Studien- und Berufsweg verstanden werden. Auch ist bei den Studierenden der neuen Kohorte ein deutlich stabileres und umfangreicheres Grundlagewissen über empirische Methoden zu erkennen, sodass eine relativ zügige Umsetzung von Forschungsprojekten im Vergleich zur alten Kohorte ermöglicht werden konnte.

Diese positive Bilanz spiegelt sich auch in der Lehrevaluation seitens der Studierenden wider, die am Ende des Semesters durchgeführt worden ist. In der Gesamtevaluation hat eine Mehrheit der Studierenden (55%) den Wissenszugewinn und den Lernerfolg in der Lehrveranstaltung mit sehr gut oder gut eingeschätzt, ein weiterer großer Anteil (42%) mit mittlerer Bewertung und lediglich 3% der Studierenden haben Wissenszugewinn und Lernerfolg negativ bewertet. Seitens des Lehrenden ist zudem sehr erfreulich zu beobachten, dass die Relevanz der Vorlesungsinhalte von mehr als 60% der Studierenden als sehr gut oder gut empfunden wurde und diese Lehrveranstaltung ihnen einen neuen Blickwinkel auf die im Alltag durch Massenmedien verbreiteten Inhalte und Informationen verschaffen hat (29% stimme sehr zu, 45% stimme zu und 16% stimme eher zu). Dies zeugt von einem inhaltlichen Erfolg der Neukonzeption der Lehrveranstaltung zur Praxis- und Anwendungsorientierung.

Bezüglich des Blended Learning sollte betont werden, dass insbesondere die neu eingeführten Feedback- und Selbsttesteinheiten großen Anklang bei den Studierenden gefunden haben. Die Nützlichkeit der eTests- und Selbsttests für die Wissensaneignung sowie die Möglichkeit Feedbacks im Rahmen der Sprechstunden und Tutorien zu erhalten, wurden sehr positiv bewertet:

Schwierigkeiten bestehen allerdings noch an der Gesamtkonzeption der Methodenausbildung, was jedoch im Rahmen der Prüfungsordnung nicht tiefgreifender geändert werden kann. Auch ist die Betreuung der Studierenden im Rahmen eines Tutoriums und der Korrekturen von Gruppenarbeiten nur schwer ohne eine Hilfskraft durchzuführen, deren Finanzierung am Institut allerdings nach der PerLe-Förderung (noch) nicht dauerhaft gesichert ist.

 

In weiteren Blogartikeln erfahren Sie mehr über die Neuausrichtung der Methodenlehre am Geographischen Institut – konkret zu folgenden Aspekten:

 

Dieses Vorhaben wurde mit dem PerLe-Fonds für Lehrinnovation gefördert.

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