Dänemark oder Slowenien, Hauptsache fachfremd

Democrazy in Apenrade – Didaktische Beobachtungen von Ruben Reid

Studierende der Politikwissenschaft kommen außerhalb ihres Studiums kaum dazu, ihr Wissen anzuwenden. Anders im politikwissenschaftlichen Seminar „Democrazy". In Apenrade durfte die Kieler Seminar-Gruppe erleben, wie Methoden der politischen Bildung bei Fachfremden ankommen. Ganz anders und sehr unterschiedlich, klare Sache.

Von SkilehrerInnen und kultureller Fortbildung

Die Kieler Politikstudierenden hatten in Rendsburg und Leck ein breites Spektrum an Methoden getestet und sich eine Vorstellung von derenWirkung und Effektivität machen können, mit politikwissenschaftlichen Inhalten vor Studierenden der Politikwissenschaft. In Apenrade wurden die Studierenden nun in das kalte Wasser der (halb-) Erwachsenenbildung gestoßen. Die lernende Gruppe setzte sich aus Jugendlichen und jungen Erwachsenen zusammen, die einen aus Dänemark, die anderen aus osteuropäischen Ländern wie Slowenien.

Gruppenarbeit lautet unsere Lösung zur Diskussionsförderung und Aktivierung. Kleingruppen teilen sich auf, um das Pro und Kontra einer These zu diskutieren.... Foto: Raphaela Traut

Gruppenarbeit lautet eine unserer Lösungen zur Diskussionsförderung und Aktivierung. Foto: Raphaela Traut

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Die Methoden der Kieler Gruppe in Apenrade mussten sich also doppelt bewähren: Nicht nur waren die meisten mit dem Thema bisher nicht wissenschaftlich umgegangen – auch mit der Motivation zur Teilnahme derjenigen DänInnen, die an der Volkshochschule deutsch lernen und auf die österreichische Skisaison vorbereitet werden wollten, stand es nicht zum besten. Für die TeilnehmerInnen aus osteuropäischen Ländern hingegen war der internationale „Demokratie“-Teil ein wichtiger Grund, den Kurs zu besuchen.

Selbstdarstellung ist natürlich auch nicht ganz unwichtig

Kann man Erfahrungen aus Apenrade auf die (Kieler) Lehre übertragen? Man kann es versuchen. Nennen wir die dänischen TeilnehmerInnen doch „Erstsemester“. Vermutlich gerade erst das Abitur in der Tasche und von anspruchsvollen Zukunftserwartungen oder ebensolchen Eltern an die Hochschule gespült. Die Abendbeschäftigung im Zweifel wichtiger als die (freiwillige) weiterführende Literatur, in den Seminaren wird sich schon jemand aus der Fraktion melden, der schon in der Schule „aktive Beteiligung“ einem guten Gespräch mit dem Sitznachbarn vorgezogen hatte Außerdem lernt man ja gerade viele neue Menschen kennen, mit denen man in der Regel(-zeit) jahrelang zusammen studieren wird, da ist Selbstdarstellung auch nicht ganz unwichtig.

Die osteuropäischen TeilnehmerInnen jedoch sind bereits mit der akademischen Welt vertraut und haben sich diesen Kurs, dieses Seminar, diese Vorlesung ausgesucht, als Ergänzung des eigenen Faches, als „Fachergänzung“. Das lässt schon einmal auf mehr Interesse hoffen, jedoch sind diese TeilnehmerInnen eventuell ob der antizipierten Kompetenz der anderen, deren Heimvorteil oder einfach der bereits eingeschworenen Gruppe zurückhaltender.

Die Methoden – Einfache Immigration und Problemkapitalismus

Das innerhalb der Kieler Gruppe vorher gut funktionierende Konzept des „World Café“ hatte am ersten Abend des Apenrade-Aufenthalts Anlaufschwierigkeiten. Die Ergebnisse waren schließlich aber eine gute Grundlage für das restliche Seminar. In Leck und Apenrade hatten alle eine Meinung zu den präsentierten Thesen, Politikstudierende sind bekanntlich MeisterInnen der Meinungen. Hat man, wenn der Feierabend durch eine Lernsession hinausgezögert wird, noch eine Meinung zu Europa? Wie geht man damit um, wenn die osteuropäischen TeilnehmerInnen zusehen, wie ein Däne „Immigration is (too) easy“ als ein zentrales Problem der EU festhält? Oder die selbstbewussten Menschen Thesen mit „how about no?“ abschreiben? Gerne kann man nach dem „Warum“ fragen.

Eine einfache Frage, die aber häufig zu differenzierteren Antworten führt als beispielsweise das anfängliche „Capitalism is the problem.“ Die unterschiedlichen Perspektiven, Hintergründe und Einstellungen der Gruppenmitglieder sind deutlich geworden, auch wie fruchtbar Querulantentum für eine (un-)anständige Diskussion sein kann.

Es wird dynamisch

In Apenrade fanden wir Kieler schließlich, dass die Einstiegsmethode der Eigenpositionierung für beide Gruppen gut funktioniert. Die Studierenden müssen sich hierbei entlang einer Linie positionieren, die ein positives und ein negatives Ende (+/-, Ja/Nein) hat. Anschließend werden Aussagen an die Gruppe gegeben, die sich je nach Zustimmung oder Ablehnung positioniert. Dadurch entsteht nicht nur Bewegung, die Ergebnisse bieten auch einen deutlicheren Anknüpfungspunkt als es die Ergebnisse des Worldcafé taten. Fragen nach „Außenseiterpositionen“ haben in der Gruppe zur Jugendarbeitslosigkeit auch zu Positionsverschiebungen anderer geführt. Einer der wenigen Dänen, der nicht aus einer wohl behüteten Familie kam, setzte sich von den anderen Dänen teilweise deutlich ab und indem er seine Gedanken erläuterte, schärfte er das Bewusstsein der Restgruppe, dass politische, wirtschaftliche und soziale Systeme nicht für alle gleich wirken und Menschen durch diese Systeme durchfallen können.

Nach dieser Übung gelang es nicht nur, nationale und supranationale Problemstellungen und Lösungen zu diskutieren, beinahe die gesamte Gruppe nahm die Konzepte gut auf und die „Fachfremden“ erfuhren innerhalb der Gruppe eine Aufwertung, indem ihre Beiträge nicht als unqualifiziert abgetan, sondern als neue Perspektiven aufgenommen wurden. Die Raumverteilung ließ je nach These auch andere Gruppen entstehen als die dänische und die osteuropäische. Je nach These kann es dann arm und reich, international und national, Naturwissenschaftler und Philosophen, Chemiker und Physiker geben. Und das in einem Seminar der Politikwissenschaften.

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