„Das Feuer entfachen“

ChemCoach: Innovative Lehrveranstaltung für Studierende der Pharmazie

Komplizierte Formeln, komplexe Sachverhalte, viel Lernstoff und wenig Zeit – das Pharmaziestudium hält einige Herausforderungen für Studierende bereit. Um trotzdem erfolgreich zu sein, braucht man unterschiedliche Fähigkeiten und vor allem Motivation. „Das Feuer entfachen, statt leere Eimer füllen“, lautet deshalb der Leitspruch für die Lehrveranstaltung ChemCoach von Dr. Antje Havemeyer. Ein bundesweit einzigartiges Seminar, das wir uns einmal genauer angesehen haben.

Text und Fotos: Lisei Martin (Studentin/PerLe)

An der Front steht eine massive Labortheke. Dahinter: Frau Dr. Havemeyer, die hastig die letzten Vorbereitungen für den ChemCoach trifft. Etwa 50 angehende Pharmazeut_innen haben sich im Kurssaal versammelt, um ihre Chemiekenntnisse aufzufrischen. Sie alle befinden sich in der Studieneingangsphase. Gerade frisch von der Schule kommend müssen sie lernen, sich an der Universität mit ihren Regeln und Arbeitsweisen zurechtzufinden sowie mit den höheren Ansprüchen umzugehen. Die eigentlichen Studieninhalte des Faches dürfen dabei natürlich nicht zu kurz kommen und so kann es passieren, dass es im ersten Semester zur Überforderung kommt.

 

Im ChemCoach unterstützt Dr. Antje Havemeyer ihre Studierenden in der Studieneingangsphase.

 

Doch das ist nicht der einzige Grund, weshalb die Studieneingangsphase in den letzten Jahren immer stärker in den Fokus gerückt ist. Die Heterogenität der Studierenden nimmt zu. Sie bringen „sehr unterschiedliche Studienvoraussetzungen und Erwartungshaltungen an ein Studium mit“, schreibt der Stifterverband Deutscher Wissenschaft. Das bedeutet unter anderem, dass alle zu Beginn des Studiums auf denselben Wissenstand gebracht werden müssen. Antje Havemeyer weiß das, gerade deshalb geht es in ihrem ChemCoach eben nicht nur um Chemie. Stattdessen bemüht sie sich darum, wichtige Schlüsselkompetenzen und Freude am Fach zu vermitteln. Damit sie beide Ziele erreichen kann, hat sie ein besonderes Format geschaffen. In ihrem semesterbegleitenden Kurs lösen Studierende in kurzer Zeit und gemeinsam in Gruppen chemische Problemstellungen aus den vielfältigen Arbeitsfeldern von Pharmazeut_innen: Labor, Industrie und Apotheke. Daran anschließend werden die Lösungen vorgestellt.

So auch in dieser Sitzung. Frau Havemeyer lost zufällig Gruppen aus und verteilt Umschläge mit Aufgabenstellungen. Heute geht es hauptsächlich um die Berechnung von Löslichkeitsprodukten. „Kurz vor der Klausur rechnen wir natürlich. Das wünschen sich die Studierenden und darauf möchte ich dann auch eingehen. Aber das bedeutet nicht, dass wir hier nur rechnen würden.“ Viele Problemstellungen finden ihren Weg in die Sitzungen. Es wird diskutiert, ob die Überprüfung eines Wirkstoffes gültig ist, wenn die prüfende Person von einigen Parametern abgewichen ist.  Oder aber, was man einer Mutter in der Apotheke raten soll, wenn sie wissen möchte, ob sie ein Medikament für ihr Kind in Milch auflösen darf oder nicht.

Alle diese Fallbeispiele kreisen um Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Die Studierenden diskutieren im Kurs ihre Lösungsansätze erst in Kleingruppen, um sie anschließend im Plenum zu präsentieren. Darauf folgt eine erneute Diskussion mit allen ChemCoach-Teilnehmenden. „Das heißt, dass die Studierenden in diesem Kurs den ersten Kontakt mit wissenschaftlichen Arbeitsstrategien haben. Sie lernen nicht nur Musterlösungswege auswendig, sondern  wissenschaftliches Arbeiten: Transferleistungen zu erbringen und Strategien zu entwickeln“, sagt Havemeyer.

 

In Kleingruppen lösen Studierende chemische Problemstellungen.

 

Damit sich die Studierenden dabei nicht in Details verlieren, müssen sie unter Zeitdruck arbeiten. Dreißig Minuten werden ihnen gegeben, um gemeinsam zu einer Lösung zu kommen. Um innerhalb der Zeit zu bleiben, braucht es Teamfähigkeit, Zeitmanagement und Organisation. Fähigkeiten, die mit methodischen Fragen einhergehen wie zum Beispiel: „Wie gehe ich effizient an ein Problem heran?“, „Was weiß ich bereits darüber, was kann ich mir erschließen?“ oder „Welche Beiträge sind sinnvoll und weiterführend?“.

All diese Fragen auf einmal lösen zu müssen, wäre eine enorm große Herausforderung. Doch im ChemCoach geht es eben nicht primär um die perfekte Problembewältigung oder die richtige Lösung. Der Kurs ist vielmehr eine offene Trainingsmöglichkeit, in der die Studierenden sich ausprobieren können, ohne Fehler fürchten zu müssen. Wenn etwas daneben geht, wird darüber diskutiert. Wenn eine Gruppe keine Antwort  auf die Fragestellung findet, diskutiert der Kurs den Lösungsansatz gemeinsam mit der Dozentin. So entwickeln sich die Studierenden von Woche zu Woche weiter und können in einem zwanglosen Rahmen in ihre Rolle als angehende Akademiker_innen hineinwachsen.

 

Studierende der Pharmazie stellen ihre Lösungen im ChemCoach vor.

 

Der ChemCoach ist dabei weder Pflichtveranstaltung noch dient er primär der Klausurvorbereitung. Das würde Antje Havemeyer auch nicht wollen. Denn neben dem Vermitteln von Schlüsselqualifikationen möchte sie vor allem, dass die Studierenden dort Motivation schöpfen und Spaß an der Pharmazie erleben können. Beides sind Dinge, die sich durch Zwang nicht vermitteln lassen. Nichtsdestoweniger sind beides wesentliche Voraussetzungen für ein gelingendendes Studiums. „Das Feuer entfachen, statt leere Eimer füllen“, betont Havemeyer. Um den Workload im Pharmaziestudium gut zu bewältigen, brauche es Freude an der Materie.

Frau Dr. Havemeyer wird über eine befristete Hochschulpaktstelle finanziert.

 

Weiterführende Links

Ein Gedanke zu „„Das Feuer entfachen“

  1. Eine Innovative Unterstützung für Studenten. Solche Maßnahmen sollte man auch für andere Studienfächer gestalten. LG Susanne

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