„Das Meer gehört niemandem!?“

Habeck, Visbeck und Lindenau diskutieren nachhaltigen Meeresschutz

Fünf Abende lang hatten sich Expertinnen und Experten im Rahmen der Vorlesungsreihe „Ozean im Wandel: Herausforderungen für die Zukunft“ der Bedeutung des Weltmeeres für und der Bedrohung des Weltmeeres durch den Menschen gewidmet. Die Abschlussveranstaltung im Dezember thematisierte unter dem Motto „Mensch-Meer-Nachhaltigkeit: Die Meerespolitik vor neuen Herausforderungen“ die Gretchenfrage des Meeresschutzes: Gibt es einen Masterplan zur Rettung der Meere? Ein Bericht aus studentischer Perspektive von Anne-Sophie Neuber.

Moderiert von dem Vorstandsmitglied der Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein Dirk Scheelje diskutierten auf dem Podium Dr. Robert Habeck, Schleswig-Holsteins Minister für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und Ländliche Räume, Dirk Lindenau, der ehemalige Geschäftsführer der Lindenau-Werft Kiel sowie Prof. Dr. Martin Visbeck vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel.

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Der Abend begann mit drei 10-minütigen Kurzvorträgen der drei Podiumsteilnehmer. Dirk Lindenau stellte sein Konzept zur Bekämpfung der weltweiten Meeresverschmutzung vor: 70 % der Menschen lebten an der Küste, 80 % des Mülls in den Meeren stammten von Land. Das Problem bestehe also vor allem in der mangelhaften Abfallwirtschaft vieler Länder. Einen Lösungsansatz sieht Lindenau in der Entwicklung und dem Betrieb von maritimen Umweltschutzsystemen. So könne Deutschland einen Beitrag in Ländern des globalen Südens leisten. Ein erstes von ihm initiiertes Projekt ziele auf Waste-Recycling-Schiffe für Inselstaaten und an Küsten gelegene Mega-Städte.

Nach Umweltminister Robert Habeck stellte sich in der Meeresschutzpolitik vor allem die Institutionenfrage: „Wer übernimmt Verantwortung für einen Raum, der nicht als Verantwortungsraum ausgewiesen ist?“ Die politischen Handlungsanweisungen seien eigentlich klar, sie seien nur so schwer umzusetzen. Denn das Meer gehöre niemandem. Das dort entstehende Freiheitsgefühl mache es so anziehend für den Menschen. Gleichzeitig falle es damit schwer, das Meer politisch zu regulieren und zu schützen. Eingriffe in die Natur der Ozeane wie bei der Förderung von Rohstoffen oder beim Bau eines Tunnels würden in der Regel an Land kompensiert – weil es keine Eigentümer und damit Ansprechpartner für Ausgleichsmaßnahmen gebe. Eine politische Lösung sieht Habeck vor allem in einer Verrechtlichung des Meeres – auch wenn diese leider zu Lasten des Freiheitsgefühls gehe.

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Foto: Future Ocean, Christian Urban, Friederike Balzereit

Gefangen im eigenen Denkschema

Meeresforscher Martin Visbeck argumentierte in eine ähnliche Richtung: Angesichts der prognostizierten Weltbevölkerung von 9 Milliarden Menschen im Jahre 2100, könne man sich da den großen Freiraum Meer noch leisten? Er betonte, dass 70 % der Erdoberfläche von Ozeanen bedeckt seien. Diese stellten wesentliche Ökosystemdienstleistungen bereit, die die Grundlage der menschlichen Existenz bildeten. Visbeck kritisierte die Vereinten Nationen und die internationale Diplomatie dafür, den Meeresschutz – und damit den Schutz von 70 % der Erdoberfläche – erst so spät in den Entwurf der „Sustainable Development Goals“, ein Programm mit Entwicklungszielen für die Welt, aufgenommen zu haben. Um für größere internationale Aufmerksamkeit zu sorgen, sei ein regelmäßig erscheinender Zustandsbericht der Meere notwendig. Dieser müsse ähnlich dem Klimaschutzberichts des IPCC mit einem klaren politischen Auftrag und ausreichender finanzieller Ausstattung versehen sein, um aktuelle Forschungsergebnisse und Handlungsfelder des Meeresschutzes für Politik und Zivilgesellschaft herauszustellen.

An dieser Forderung entzündete sich in der darauf folgenden Diskussion ein kurzer Wortwechsel zwischen Robert Habeck und Martin Visbeck, da der Umweltminister den Wert eines Berichts für mehr politisches Handeln eher gering schätzte. Denn das Wesentliche sei bereits bekannt. Das blieb aber auch der einzige wesentliche Diskussionspunkt zwischen den Referenten; einerseits, weil nicht mehr Zeit zum Diskutieren war, andererseits, weil die drei Referenten in ihrem jeweiligen Denkschema verhaftet blieben. Der Unternehmer plädierte für unternehmerische Lösungen, der Wissenschaftler forderte mehr Geld für Forschung und der Politiker argumentierte für bessere Gesetze und Eigentumsausweisungen. Überlegungen zu Nachhaltigkeit spielten in der Diskussion keine Rolle.

Globaler Verflechtung ohne globale Verantwortlichkeiten

So blieb das Publikum am 9. Dezember trotz impulsreicher Vorträge, eloquenter Redner und ehrlichem Engagement für die Meere etwas ratlos zurück. Wie ist denn nun den Herausforderungen im Meeresschutz zu begegnen? Durch ein Nebeneinander der drei Perspektiven Unternehmertum, Wissenschaft und Politik? Oder fehlt da noch ein wichtiger Ansatz? Vielleicht gibt es auch Zielkonflikte zwischen den einzelnen Lösungsvorschlägen? Ein großer Freiraum nützt beispielsweise der freien Wirtschaft.

Für lokale Politiker bietet dieser Freiraum hingegen die Möglichkeit sich angesichts der weltweiten Verantwortungslosigkeit zurückzulehnen. Die Tatsache, dass der jetzige Zustand der Meere eine Folge der bisher gelebten Praxis von globaler Verflechtung ohne globale Verantwortlichkeiten ist – auch darüber hätte man miteinander ins Gespräch kommen können. So machte die Abschlussveranstaltung deutlich, woran es bislang mangelt: an einer inhaltlichen Auseinandersetzung zwischen den Perspektiven und Denkrichtungen. Diese könnte zu fruchtbaren Erkenntnissen gelangen. Denn Meeresschutz bleibt eine Herausforderung.

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