Das Reallabor – Impressionen einer Forschenden

Eine Pilotveranstaltung des Projekts erfolgreiches Lehren und Lernen (PerLe)

„Ein Reallabor – und was genau ist das?“ – Diese Frage durfte sich eine Kieler Studentin im Laufe des Sommersemesters 2017 jedes Mal anhören, wenn sie vom gleichnamigen Seminar berichtete. Um die spannende Form des Forschens im Reallabor ein wenig zu erklären, teilt sie in diesem Artikel ihre Eindrücke.

Ehrlich gesagt wusste ich am Anfang selbst nicht so genau, worauf ich mich einlasse. Angesprochen hatte mich vor allem die Leitfrage des Reallabors („Wie können wir demokratische Prozesse in Kiel gestalten, um ein gutes Leben für alle zu ermöglichen?“), aber auch die Möglichkeit zum sehr selbstständigen Arbeiten. Ich engagiere mich auch im privaten Leben politisch und fand es daher spannend herauszufinden, welche Ideen zum „guten Leben“ es im universitären Bereich gibt.

Für mich gehört zum „guten Leben“ auch ein entsprechendes Lernen dazu. Und da kam das Reallabor schon ziemlich nah heran – so nah wie es eben in einem vom Leistungsdruck geprägten akademischen Kontext möglich ist. Es gab ein freiwilliges Rahmenprogramm – bestehend aus einzelnen Abendveranstaltungen, Blockwochenenden und Einzelgesprächen mit der Dozentin – innerhalb dessen wir Teilnehmenden relativ frei eigene Projekte entwickeln konnten. Auch war das Lernen nicht nur auf  Studierende beschränkt – bei allen Veranstaltungen des Reallabors konnten auch Menschen von außerhalb der Universität teilnehmen. Beim Auftakttreffen tauschten sich beispielsweise diverse engagierte Gäste aus Wissenschaft, Praxis und Gesellschaft darüber aus, was für sie ein gutes Leben bedeutet.

Die Themenfindung

Am Anfang des Reallabors ging es erst einmal darum, eigene Fragestellungen zu erarbeiten. Sehr anregend fand ich in diesem Rahmen die  Vernissage zum „Guten Leben“, die wir bei einem der ersten Treffen veranstalteten. Alle Teilnehmenden konnten Bilder dazu mitbringen, was für sie persönlich ein gutes Leben ausmacht. Innerhalb dieser Vernissage und beim vorangehenden Brainstorming kamen bei mir verschiedene Fragen auf, die ich gerne im Rahmen des Reallabors bearbeitet hätte:

  • Wie können Menschen wieder lernen an Veränderungen zu glauben und Logiken wie „es war schon immer so“ zu überwinden?
  • Welche anderen Formen der gesellschaftlichen Organisation gibt es?
  • Wie ermutigt man Menschen dazu, auch mal „nein!“ zu sagen, wenn etwas in unserer Gesellschaft schiefläuft? Und zwar so, dass sie sich nicht nur an irgendwelchen Gesetzen orientieren, sondern in einer Form handeln/agieren, die ihnen selbst moralisch angemessen erscheint?

 

In einem Reflexionsgespräch mit den Seminar-Organisatorinnen Frauke, Jana und mit einem weiteren Seminarteilnehmer stellten wir jedoch schnell fest, dass ich mich für mein Reallabor-Projekt auf eine kleinere Fragestellung konzentrieren muss. Denn große, tiefergehende Fragen lassen sich kaum im Rahmen eines kleinen Uni-Projekts bearbeiten, das nach Semesterende abgeschlossen sein muss. Dies bestärkte mich noch einmal  in der persönlichen Entscheidung, mein politisches Engagement eher außerhalb des universitären Kontextes  umzusetzen, weil dort auch tiefergehende gesellschaftliche Fragen unmittelbar angegangen werden können.

Letztendlich habe ich mich deswegen von den oben genannten Fragen verabschieden müssen, weil ich keine Möglichkeit gefunden habe, diese angemessen umzusetzen. Stattdessen habe ich mich thematisch darauf konzentriert herauszufinden, wie es gelingen kann, Menschen dazu zu bringen aktiv zu werden und miteinander in Kontakt zu kommen.

Doch wie ging es mit den Fragestellungen  im Reallabor weiter? Was konnte und sollte daraus entstehen? Der Name „Labor“ deutet es schon an: Im Reallabor geht es auch um das Forschen  mithilfe von „Experimenten“. Dabei wird sich am traditionellen Forschungskreislauf von der Ideenentwicklung über Pretests bis hin zum eigentlichen Experiment entlanggehangelt. Bei einer der Veranstaltungen wurde das anschaulich dadurch dargestellt, dass rundherum im Raum Karten mit den jeweiligen Phasen des Forschungsprozesses aufgehängt waren. Die Aufgabe bestand dann darin, zu reflektieren, wo man selbst gerade steht und sich entsprechend im Raum zu positionieren. Diese Positionierung war gar nicht so einfach, denn ein Forschungsprozess verläuft selten linear. Stattdessen geht es vor und zurück. Dadurch können vorherige Schritte bei der Wiederholung immer weiter präzisiert werden.

Der Forschungsprozess

Ein weiteres Element des Reallabors besteht darin, dass die Grenze zwischen Forschendem und Erforschten verwischt. Die Erforschten werden zu Partner_innen der Forschenden, die Beteiligten vollziehen alle Schritte gemeinsam. Und auch die Forschenden verlassen ihren Elfenbeinturm, werden Teil des Experiments und nutzen dieses zur Selbsterforschung. Gerade aus hierarchie-kritischer Sicht finde ich diesen Ansatz sehr spannend. Dennoch sind bei mir einige Fragen offengeblieben: Wie kann aus einem Forschen „über“ ein Forschen „mit“ werden? Wie lassen sich Hierarchien zwischen Forschenden und Mit-Forschenden abbauen? Und wie kann ich verhindern, dass ich meine eigenen Vorannahmen und Ideen anderen „überstülpe“, ohne so zu tun, als hätte ich selbst gar keine Ideen dazu, wie ich mir etwas vorstelle?

Der dritte wichtige Baustein des Reallabors besteht darin, dass das „Experiment“ nicht abgeriegelt im Labor stattfindet. Stattdessen geht man direkt auf die Straße und versucht in Kontakt mit Menschen zu kommen. Damit steht das Reallabor in der Tradition der transformativen Forschung, welche nicht nur beobachtet und analysiert, sondern direkt mit den Menschen in wechselseitigen Kontakt tritt. Sehr eindrücklich haben wir das bei einem unserer ersten Treffen in Gaarden erlebt. Dort haben wir einen Tag lang einen entwicklungsorientierten Forschungsprozess durchgeführt, der auf dem pädagogischen Konzept „design as inquiry“ basierte.

Dabei handelt es sich um einen stark strukturierten Prozess zur Ideenentwicklung. Thema waren die eigenen Lernprozesse. Ein Teil der Übungen bestand darin, dass wir in kleinen Teams von zwei bis drei Menschen durch Gaarden zogen, um uns mit Menschen über ihre Lernstrategien zu unterhalten. Die dabei gesammelten Ideen und Gedanken haben wir dann wieder in unsere eigene Lösungsentwicklung einbezogen.

Aus all diesen Bausteinen und Ideen sollten wir schließlich eine  Intervention (im Reallabor sogenannte Realexperimente) entwickeln, diese testen und evaluieren. Bei einer Intervention geht es um etwas, was im öffentlichen Raum geschieht und dabei Menschen miteinander oder mit sich selbst in Kontakt bringt. Einige der Teilnehmenden haben den  MUDDI Markt auf der Kieler Woche genutzt, um ihre Interventionen zu testen.

Eine typische Intervention ist zum Beispiel ein Parking Day, bei dem es darum geht, Parkflächen im öffentlichen Raum zurück zu erobern und als eine Art Wohnzimmer zu nutzen. Oder auch ein Zuhör-Experiment, bei dem man sich in die Öffentlichkeit stellt und Menschen einfach zuhört, wenn sie sprechen, singen, weinen oder sich anderweitig ausdrücken möchten.

Insgesamt habe ich es durchaus genossen, am Reallabor teilzunehmen. Ich habe spannende Methoden und Menschen kennenlernen dürfen. Auch die enge Betreuung durch die Mitarbeiterinnen von PerLe war eine angenehme Abwechslung zu überfüllten Hörsälen. Insgesamt hatte ich aber wohl zu große Erwartungen an dieses Projekt: Denn wenn man wirklich nach tiefgehenden gesellschaftlichen Veränderungen strebt, wird man diese wohl kaum mit einem kleinen Uni-Projekt erreichen können.

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