Deutsch als Zweitsprache: Kieler Lehrprojekt erfolgreich gestartet

Kooperationsprojekt mit dem RBZ Wirtschaft

Effektive Verzahnung von Theorie und Praxis: Im Kooperationsprojekt mit dem Berufsbildungszentrum Wirtschaft entwickelten angehende Lehrer_innen Fördermaterial für Schüler_innen mit Deutsch als Zweitsprache (DaZ). Ein Beitrag von Lisa Triebel.

Kurz vor dem Ende der Vorlesungszeit des Sommersemesters 2014 hielten die Student_innen des Masterseminars „Sprache, Bildung und soziale Herkunft“ am Germanistischen Seminar der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) eine Projektkonferenz ab. Sie trafen sich zu dem Lehrprojekt „Materialien zur DaZ-Sprachförderung“. In dem Kooperationsprojekt mit dem Regionalen Berufsbildungszentrum Wirtschaft (RBZ) gehe es darum, dass die Studierenden lernen, ihre eigenen Ergebnisse zu präsentieren, sagte Germanistik-Professor Jörg Kilian bei der Konferenz. Und: „Der Bereich der DaZ-Sprachförderung ist fächerübergreifend. Wir haben durch dieses Projekt gezeigt, dass Anschlussstellen für alle Fächer geschaffen werden können.“

Kilian erhofft sich, dass die Ergebnisse in die künftige Lehrer_innenbildung eingebunden werden und dass andere Fachrichtungen für den Bereich „Deutsch als Zweitsprache“ sensibilisiert werden können. Das Projekt wurde in diesem Jahr erstmals durch PerLe – Projekt für erfolgreiches Lehren und Lernen an der Kieler Universität finanziell unterstützt.

Sarah Möller, Förderlehrerin am RBZ und Masterstudentin an der CAU, war als Projektkoordinatorin zuständig für die Organisation der Zusammenarbeit und für die Absprachen zwischen Studierenden und den beiden DaZ-Fachkräften am RBZ, Oberstudienrätin Raika Wiethe und Oberstudienrat Hauke Jessen. Sie befassen sich seit sieben Jahren intensiv mit der Integration von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in das Schulsystem und übernahmen das Coaching der Studierenden. 

„Ertragreiche Verzahnung von Theorie und Praxis“

Eingeteilt in Gruppen erprobten einige Studierende ihre Kenntnisse in der „Internationalen Klasse“ des RBZ. In dieser Klasse sind überwiegend Schüler_innen aus Krisengebieten, die zwischen 17 und 31 Jahre alt sind und keine oder nur wenige Deutschkenntnisse aufweisen. Einige von ihnen konnten durch Förderlehrkräfte so gut unterstützt werden, dass sie ihren Mittleren Bildungsabschluss erreichten, obwohl sie zum Teil erst wenige Jahre in Deutschland waren. Als nächstes Ziel haben die Besten unter ihnen nun das Abitur vor Augen. „Erfolge wie diese zeigen uns, dass Deutsch als Zweitsprache Eingang in den Uni-Alltag in allen Fachrichtungen finden sollte. Denn die Lehrer von morgen brauchen derartige Zusatzqualifikationen. Mit diesem Projekt hat eine ertragreiche Verzahnung von Theorie und Praxis stattgefunden“, betonte Wiethe.

Studentin Johanna Langewitz gehörte zu der Gruppe, welche die „Internationale Klasse“ begleitete. Ihr gefiel es, dass sowohl Studierende als auch Schüler_innen von der Kooperation profitieren: „Besonders motivierend war, dass wir Studenten den jungen Menschen etwas Nachhaltiges hinterlassen konnten und wir selbst dabei Praxiserfahrung gesammelt haben.“ Außerdem setzten sich die Studierenden mit dem Wortschatz und der Syntax der Schüler_innen auseinander. „Die Hürde war für die Schüler das Fachvokabular im Rechnungswesen. Ebenso ist für viele nicht die Mathematik selbst, sondern das Verstehen der Aufgabenstellung die Schwierigkeit“, fügte die Kommilitonin Linda Kühl hinzu. Anhand von Fördermaterial wurde das Fachvokabular eingeführt und spielerisch mit Tabu-Karten vermittelt. Insbesondere beim Rechnungswesen legten die Studierenden ihren Schwerpunkt auf den Ausbau des Fachwortschatzes sowie das Erlernen von Lese- und Verstehensstrategien.

Stärken erarbeiten

Dabei war das Ziel der Studierenden, die Schüler_innen zu befähigen, sich selbst das Verständnis von unbekannten Begriffen zu erarbeiten. Als beeindruckend empfand Linda Kühl die Motivation und den Ehrgeiz einiger Klassenmitglieder, die sich Arbeitsbögen mit nach Hause genommen haben. Die Gruppe der Studierenden kam bei der Auswertung zu der Erkenntnis, dass es auch in Bezug auf Erwerbswege einen entscheidenden Unterschied zwischen Schüler_innen mit Deutsch als Muttersprache und dem Rest der Klasse gibt, welcher Deutsch als Zweitsprache lernt. Dennoch sei bei allen ein eindeutiger Lerneffekt bei den zu Beginn und am Ende der Studie durchgeführten Tests zu merken.

Sensibilisiert für das bevorstehende Bewerbungsverfahren in unterschiedlichen Berufsfeldern in Deutschland wurden die RBZ-Schüler_innen durch eine weitere studentische Gruppe, die sich auf das Herausfinden der eigenen Stärken und die Selbstreflexion konzentrierte. Anhand von Adjektiven sollten die jungen Menschen beschreiben, was für den gewünschten Beruf wichtig sei. Studentin Anastasia Schoenrath: „Wir haben mit den Schülern erarbeitet, was im Beruf wichtig ist und welche Stärken sie selbst aufweisen. Wenn man das noch mit sprachlicher Förderung verbinden kann, dann zeichnet das unser nachhaltiges Projekt aus.“

„Keine Angst vor Wissenschaft“ 

Der Erfolg des Förderunterrichts wurde ebenso in einer dritten Gruppe deutlich. Hier ging es um fachbezogenen Förderunterricht zu dem Thema „Was kostet Strom?“, wobei die Schüler_innen gemeinsam eine Textrevision bei vorab selbst geschriebenen Texten vornahmen: „Materialien wie Checklisten regen zur Kommunikation über Sprache auf der Metaebene an und sie fördern zudem auch die schülerinterne Feedbackkultur und die Textüberarbeitungsstrategien“, erläuterte Anneke Balzer die Ergebnisse des Unterrichts.

Das Resultat des Kooperationsprojektes wurde bereits auf der Präsentationstagung „Keine Angst vor Wissenschaft“ in Würzburg, der „Stadt der jungen Forscher 2014“, vorgestellt. Die Ergebnisse der empirischen Daten, welche die Schüler_innen auf der Grundlage der FÖRMIG-Niveaubeschreibung ermittelt haben, dienten als Basis für die Entwicklung weiterer Fördermaßnahmen mit den Schwerpunkten „Sprachgefühl“ und „Grammatik“.

Professor Jörg Kilian vom Germanistischen Seminar hat das PerLe-Projekt und auch die Bewerbung in dem von der Körber-Stiftung, der Telekom-Stiftung und der Bosch-Stiftung getragenen Programm „Stadt der jungen Forscher“ gemeinsam mit Sarah Möller, Hauke Jessen und Raika Wiethe initiiert und durchgeführt. Rückblickend auf die Kooperation und die Projektkonferenz sagte er, „dass man die Theorie der DaZ-Sprachförderung auch in der Praxis erproben muss“, da man bei Sprachstandserhebungen und bei der Entwicklung von Fördermaterialien nicht stehen bleiben darf. „Den Grund kann man theoretisch legen, aber der Rest muss in der Zusammenarbeit mit den Schülerinnen und Schülern, die diese Fördermaterialien brauchen, erfolgen.“

Quelle: Pressemeldung der CAU

4 Gedanken zu „Deutsch als Zweitsprache: Kieler Lehrprojekt erfolgreich gestartet

  1. Setzt sich dieses Projekt denn auch dafür ein, dass auf diesen Seiten irgendwann mal echte und dudenkonforme geschlechtergerechte Sprache verwendet wird?

    Das Gendergap ist noch kein Bestandteil der Deutschen Rechtschreibung und stört ungemein. Als Hochschule sollte die Uni Kiel schon auf eine korrekte Rechtschreibung achten.

    (Die korrekte Form ist übrigens Schüler/-innen. Im Text selber sind es später interessanter Weise nur männliche Lehrer und Studenten. …)

    1. Hallo Guido,
      danke für den Hinweis! Für Beiträge auf diesem Portal haben wir uns – sofern sie aus redaktioneller Feder stammen – auf eine einheitliche Lösung mit Gendergap entschieden. Nur in wörtlichen Zitaten nutzen wir natürlich die Varianten, die der Sprecher/die Sprecherin selbst gewählt hat.
      Dieser Text war in Bezug aufs Gendern bislang inkonsequent, weil verschiedene Varianten nebeneinander standen. Ich habe das inzwischen korrigiert und die Schreibung weitgehend vereinheitlicht (ich befürchte nur, nicht ganz in Deinem Sinne ;-)).
      Wie sollten wir auf diesen Seiten denn aus Deiner Sicht mit der Genderfrage umgehen? Was liest sich für Dich am besten und unkompliziertesten? Und warum? Ich bin gespannt auf Deine Meinung!
      Beste Grüße
      Antonia

      1. Hallo Antonia,

        eine einheitliche Schreibweise ist von Grundsatz her ja schon einmal gut. Und dass geschlechtergerechte Sprache irgendwie eine Daseinsberechtigung hat, ist auch klar.

        Nur sollte sie auch den Rechtschreibregeln entsprechen. Und das ist beim Gendergap nicht der Fall. Konsequent wäre das Einführen eines Neutrums in die Deutsche Sprache, um allen Geschlechtern gerecht zu werden. Das wird aber nicht passieren. Versuche wie Professx sind albern und Quatsch.

        Ich würde immer beide Geschlechter nennen oder die korrekte Form mit /- also Student/-in nehmen. Aber nur im Notfall.

        Durch die ausufernde Nutzung der Abkürzung sieht es auch künstlich gewollt aus. Ein guter redaktioneller Bericht findet alternative Wörter, sodass es nicht langweilig wird.

        In jedem Fall würde ich auf eine Abkürzung im Teaser verzichten und dort beide Geschlechter ausschreiben.

        Der Sinn hinter dem Gendergap ist sicherlich ein guter. Aber leider noch nicht verankert.

        Soweit ich weiß hat die Uni übrigens Vorgaben zur geschlechtergerechten Sprache. Bei der Gleichstellungsbeauftragten gibt es dazu etwas in Internet (obwohl sie dort auch einen Fehler macht 😉 )

        1. Hallo Guido,

          vielen herzlichen Dank für Deine ausführliche Antwort! Du hast sicher recht, dass der Gender Gap noch nicht so verankert ist wie die etablierteren Lösungen, die Du oben vorschlägst. Aus meiner Sicht hat er dennoch mehrere Vorteile:

          1. Er spart Platz – gerade online (insbesondere in kurzen Teasertexten) halte ich ihn deshalb für eine praktische Variante.
          2. Gleichzeitig stiftet er weniger Verwirrung als eine „/-„-Lösung, bei der in der Regel gleich mehrere Striche nebeneinander stehen.
          3. Beim Gender Gap sind eben nicht nur Männer und/oder Frauen gemeint, sondern alle Menschen – egal ob weiblich, männlich, transsexuell, intersexuell …

          Was die Vorgaben der CAU-Gleichstellungsbeauftragen anbelangt, ist die Lage nicht ganz so eindeutig. Vermutlich beziehst Du Dich auf dieses Schreiben? Darin heißt es:

          Neuere Schreibweisen wie … Mitarbeiter_innen sind in offiziellen Kontexten … meist nicht erwünscht. Wer sie verwenden möchte, sollte daher klären, ob sie im betreffenden Kontext akzeptiert werden.

          Da es sich hier um einen Blog handelt, lässt sich die Kontextfrage relativ leicht klären: Ich könnte etliche Blogs listen, die ebenfalls mit Gender Gaps arbeiten. (Gleichzeitig muss ich einsehen, dass es irgendwie inkonsequent ist, erst mit einem gesellschaftlichen Ideal zu argumentieren (s. 3.) – und die Gender-Gap-Lösung anschließend mit dem Status Quo in vielen Blogs zu rechtfertigen ;-))

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