Die „Digitalisierung der Zukunft“

Berufsorientierung als „open educational practice“

Dass die Zukunft digital ist, wissen wir inzwischen – doch was das bedeuten soll, bleibt vage. Im Berufsorientierungsseminar „Digitalisierung der Zukunft“ befassen sich Studierende vorwiegend geisteswissenschaftlicher Fächer damit, wie sie den fundamentalen Wandel der Lebens- und Arbeitswelt selbst mitgestalten können. So divers wie die neuen technischen Möglichkeiten fällt auch die Gestaltung der innovativen Lehrveranstaltung des Projekts erfolgreiches Lehren und Lernen (PerLe) aus: Als „open educational practice“ macht sie beispielsweise die Arbeitsprodukte der Teilnehmenden öffentlich und lässt die Studierenden das Seminarkonzept selbst mitbestimmen.

Die Digitalisierung bringt nicht nur einen Medien-, sondern einen grundlegenden Kulturwandel mit sich. „Jetzt sind speziell Geisteswissenschaftler_innen gefragt, um die kulturelle Dimension dieses Wandels mitzugestalten“, sagt Philipp Marquardt von PerLe. In seinem Berufsorientierungsseminar zur „Digitalisierung der Zukunft“ testen die Studierenden konkrete Gestaltungsmöglichkeiten aus.

Nach einführenden Themenworkshops dürfen sie frei wählen, wie sie ihre 2,5 unbenoteten Leistungspunkte im Seminar erarbeiten möchten. Dabei können sie:

  • individuell, in Teams von 2-3 Personen kooperativ (arbeitsteilig) oder kollaborativ (gemeinsam) arbeiten.
  • Inhalte mit Bezug zum Seminarthema frei wählen: Bildung mit und für digitale Medien, Social Media, Arbeit 4.0, Künstliche Intelligenz, ethische Fragen, Kreativität etc.
  • selbst die Form ihrer Projektarbeit bestimmen: z.B. Textproduktion, Textdiskussion, eLearning-Kurs oder Social-Media-Projekt erstellen, Videos produzieren etc.

Vorab festgelegt ist nur, dass die Arbeitsergebnisse der Studierenden hochschulöffentlich ins OpenOLAT eingestellt werden.

 

„Dieses Konzept funktioniert im unbenoteten Bereich sehr gut“

Kurzinterview mit dem Dozenten

Im Gespräch: Philipp Marquardt, der sowohl Informatiker als auch Geisteswissenschaftler ist und bei PerLe im Bereich Berufsorientierung arbeitet.

 

 

 

Wie ist Ihre Erfahrung mit dem extrem freien Veranstaltungsformat?

Philipp Marquardt: Es hat sich gezeigt, dass die meisten Studierenden in Gruppen arbeiten wollen, einige davon lieber kooperativ, also arbeitsteilig, die meisten aber kollaborativ – also zur gleichen Zeit an derselben Sache.

38 % …
42 % … 19 % …
… der Seminarteilnehmenden möchten allein und selbständig arbeiten. … der Seminarteilnehmenden möchten am liebsten kollaborativ arbeiten. … der Seminarteilnehmenden möchten am liebsten kooperativ arbeiten.

Digitalisierung bietet natürlich viele Möglichkeit. Deswegen konnten die Teilnehmenden des Seminars vorab auch zwischen Formaten wie home-office, Präsenzveranstaltung oder Onlineseminar wählen. Man hat klar gesehen: Die meisten wollen lieber zuhause bleiben – und das können sie auch. Welche Projekte sie im Rahmen des Seminars umsetzen, ist ihnen ja freigestellt. Aber am Anfang gibt es natürlich eine Einführungsveranstaltung, damit die Teilnehmenden sich kennenlernen und Gruppen bilden können. Und am Ende eine Abschlussveranstaltungen, wo dann die Ergebnisse präsentiert werden. Dazwischen konnten sie arbeiten, wo sie wollten. Mussten zur Halbzeit aber ein Zwischenergebnis abliefern, damit es nicht erst auf den letzten Drücker angefangen wird.

 

Wie passt die Veranstaltung eigentlich zur Zukunfts- und Berufsorientierung?

Ich habe auch abgefragt, ob die Teilnehmenden ihre Zukunft nach dem Studium in digitalen Berufen sehen. Ja sagten immerhin 26%, kein geringer Anteil. Natürlich nehme ich auch gern Studierende auf, die Gegner der Digitalisierung sind, weil sie die Diskussion nur bereichern können! Die meisten Teilnehmenden haben aber noch gar keine konkreten beruflichen Zukunftsvorstellungen. Die Evaluationsergebnisse nach dem Seminar zeigen, dass es den Teilnehmenden hilft, über ihre berufliche Zukunft zu reflektieren – selbst dann, wenn ihnen ihr Berufsziel noch nicht total klar ist.

 

Die Wahlfreiheit im Seminar geht ja so weit, dass selbst die Prüfungen  individuell gestaltbar sind. Wie funktioniert  das?

Das Prüfungsformat konnten die Teilnehmenden auch mitentscheiden, genau. Hausarbeiten waren als Prüfleistung ebenso möglich wie ein eigenes Video zu produzieren, einen Blog aufzusetzen oder sich ein Programmierprojekt vorzunehmen. Und es gab echt wunderbare, ganz verschiedenartige Ergebnisse. Eine Studentin, die Geisteswissenschaften und Informatik studiert –hat tatsächlich ein kleines Adventure-Spiel programmiert. Dieses Prüfungskonzept funktioniert im unbenoteten Bereich sehr gut. So unterschiedliche Prüfungsformen mit Benotung vergleichbar zu machen, wäre natürlich schwieriger.

 

Und wie fällt das Feedback der Teilnehmenden zu der Veranstaltung aus?

Die Studierenden melden mir zurück, dass sie es gut finden, dass wir das Thema Digitalisierung aufgreifen. So etwas fügen sie gern zu ihren Bewerbungsunterlagen hinzu, auch und gerade als Geisteswissenschaftler_innen. Ebenso gut kommt das freie, projektbasierte Format bei vielen an. Für andere ist dagegen gerade die große Freiheit eine Herausforderung. In solchen Fällen muss man coachen und Unterstützung anbieten.

 

 

 

 

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