Die Lehre umdrehen

Verkehrt, aber richtig? – Inverted Classroom in der juristischen Lehre!

Seit dem Sommer 2017 ist das juristische Examensvorbereitungsprogramm unter anderem um einen prozessrechtlichen Teil erweitert worden. Für Professorin Janique Brüning war absehbar, dass der zur Verfügung stehende Zeitraum nun nicht mehr ausreichen würde, um den examensrelevanten Stoff in der gebotenen Tiefe und Anwendungsmethodik zu vermitteln. Deshalb startete sie ein Projekt, das E-Learning systematisch an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der CAU einführen sollte: Basierend auf dem Inverted-Classroom-Konzept verzahnte die Professorin die Präsenzlehre mit zehn- bis 20-minütigen Erklärvideos, mit deren Hilfe sich die Studierenden jetzt auf Veranstaltungsinhalte vorbereiten können. Dadurch ensteht mehr Freiraum für die aktive Anwendung des Lernstoffs in den Präsenzstunden. Janique Brüning schildert ihre Erfahrungen.

 Text & Illustration: Professorin Janique Brüning
(Strafrecht, Strafprozessrecht, Wirtschaftsstrafrecht & Sanktionenrecht)

Das Studium der Rechtswissenschaft soll die Studierenden befähigen, problematische Lebenssachverhalte anhand von Gesetzen zu lösen. Juristische Prüfungen bestehen aus Sachverhalten, die rechtlich von den Studierenden zu begutachten sind. Der Anwendungsmethodik kommt in der Rechtswissenschaft also eine Schlüsselrolle zu. Die Technik der Falllösung wird jedoch in so gut wie allen juristischen Vorlesungen aus Zeitmangel kaum trainiert, die Anwendungsmethodik also vernachlässigt. Die Lehrenden übernehmen die Rolle des Wissensvermittlers, wohingegen sich die Studierenden in die Rolle passiver Zuhörerinnen und Zuhörer zurückziehen. Ein Grund für diese Passivität ist oft ihre fehlende Bereitschaft, sich auf die Vorlesungen durch eine vorgelagerte Lektüre vorzubereiten.

Mein Ziel war und ist es, diesem fehlenden Engagement in der Vorbereitungsphase entgegenzuwirken, um mehr Freiraum für eine aktive Anwendung des juristischen Lernstoffs in der Präsenzlehre zu schaffen. Zu diesem Zweck greift das vom PerLe-Fonds für Lehrinnovation geförderte Projekt Inverted Classroom in der juristischen Lehre die Methode des Flipped Classroom auf. Das mediengestützte Konzept dieser Lehr-/Lernmethode fußt darauf, die Inhaltsvermittlung, die in der traditionellen Lehre durch die Lehrenden in Präsenzveranstaltungen stattfindet, mit der Übungs- und Vertiefungsphase zu Hause zu vertauschen. Die Aktivitäten werden also umgedreht („geflipped“ – daher auch die teilweise synonym verwendeten Begriffe Flipped Classroom bzw. umgedrehte Vorlesung): Aneignung des notwendigen Faktenwissens zu Hause, Wissensanwendung und -vertiefung in der Präsenzveranstaltung.

Mit digitalen Medien zum Lernen verleiten

Nun wissen so gut wie alle Lehrenden, gegen welche Mauern man anrennt, wenn man die Studierenden auffordert, bis zum nächsten Vorlesungstermin einen Zeitschriftenbeitrag, ein Urteil oder einen Teil eines Lehrbuchs vorbereitend zu lesen. Gerade in den Anfänger-„Blockbuster-Vorlesungen“ mit knapp 500 Teilnehmenden lässt sich die Masse der Studierenden lieber unvorbereitet frontal passiv „unterhalten“. Als Dozentin oder Dozent steht man dann vor der Frage, ob die Vorlesung für die wenigen Studierenden gestaltet werden soll, die den Text tatsächlich gelesen haben und den Rest gleichsam verloren zurücklässt oder ob man sein Konzept kurzfristig „aktualisiert“ und bei null beginnt. Um dieser Frage aus dem Weg zu gehen, wollte ich die smartphone-affinen Studierenden dort abholen, wo sie sich wohl fühlen und mit digitalen Medien zum Lernen verleiten. Statt des Lesens von Lehrbüchern oder Entscheidungssammlungen sollen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer durch Ansehen eines Erklärvideos vorbereiten, wobei zugleich Lektürematerial bereitgestellt wird.

Als wissenschaftliche Assistentin an der Bucerius Law School hatte ich bereits – auf kleiner Flamme – mit diesem Format experimentiert und eine 1,5-stündige Einführungsveranstaltung mit einem vorbereitenden Erklärvideo unterstützt. Außerdem hatte ich seinerzeit in meinen Arbeitsgemeinschaften teilweise Erklärvideos eingesetzt.

Kein technisches Hexenwerk

Bei den Erklärvideos handelt es sich um visuell ansprechende, recht aufwendig animierte Powerpoint-Folien, sogenannte Voice-over-Videos von circa 15 bis 20 Minuten Länge, die den Stoff einer 90-minütigen Vorlesung abbilden. In den Videos ist die Visualisierung von Strukturen eine wichtige Komponente. Durch die visuelle Gestaltung werden dogmatische Strukturen betont und systematische Zusammenhänge einprägsam.

Die Videos sind kein technisches Hexenwerk, sondern animierte, sich nach und nach aufbauende und mit Text besprochene PowerPoint-Folien, die in ein MP4-Format konvertiert wurden. Auf OpenOLAT haben wir diese Videos mitsamt allen anderen Kursmaterialien zum Abruf bereitgestellt, sie sind dort nach wie vor verfügbar.

Die Examenspanik im Nacken …

Nun habe ich mit dem hier geförderten Pilotprojekt auch erst einmal klein angefangen, indem ich die digitale Anziehungskraft nicht in einer Blockbuster-Veranstaltung, sondern in einem kleineren Intensivkurs für Examenskandidatinnen und -kandidaten eingesetzt habe. Es handelte sich um eine ergänzende Veranstaltung des juristischen Examensvorbereitungsprogramms. Thematisch bezog sich die Veranstaltung auf das Strafprozessrecht, das grundsätzlich wegen der fehlenden Prüfungsrelevanz während des Studiums vernachlässigt wird. Diese Lücke wird vielen Studierenden auf den letzten Metern der Examensvorbereitung panisch gewahr. Ein idealer Nährboden, um das Lernverhalten zu aktivieren. Mit der Examenspanik im Nacken sind viele Studierende dankbar für ein engagiertes universitäres Angebot jenseits der kostenpflichtigen juristischen Repetitorien und daher auch gewillt, die Bitten und Anforderungen der Dozentin oder des Dozenten zu erfüllen.

Die Veranstaltung war als zweitägige Blockveranstaltung à sechs Zeitstunden konzipiert, wovon ein Tag das hier relevante Strafprozessrecht betraf. An dem verbleibenden Tag wurden aktuelle Entscheidungen aus der höchstrichterlichen Rechtsprechung besprochen. Teilgenommen haben rund 60 Studierende.

Die Videos steigern die Bereitschaft zur aktiven Mitarbeit

Die Gefahr bei der Durchführung eines solchen E-Learning-Projekts bestand darin, dass der Einsatz digitaler Medien bisweilen mit mangelndem wissenschaftlichem Niveau gleichgesetzt wird und dass die Studierenden meinen, der Konsum einer Videokonserve ersetze die Buchlektüre. Jura ist und bleibt eine Textwissenschaft, kein Video wird jemals die Lektüre eines Textes ersetzen. Meine bisherigen Erfahrungen zeigen aber, dass diese Befürchtungen gänzlich unbegründet sind. Das vorbereitende Videoangebot führte an der Bucerius Law School dazu, dass die daran anknüpfende Präsenzveranstaltung besser besucht war als im Vorjahr, in dem kein Video angeboten wurde. Hier in Kiel fehlt mir der Vergleich, weil ich die Veranstaltung zum ersten Mal durchgeführt habe. Aber auch für die Kieler Studierenden kann ich sagen, dass die vorgelagerte Wissensvermittlung durch Videos sogar die vorbereitende Lektürebereitschaft der Studierenden steigerte. 67 % der Studierenden gaben an, dass sie durch die Videos motiviert wurden, vorbereitend weitere Texte zu lesen (und das habe ich auch gemerkt).

Die Studierenden ließen sich nicht nur vom Charme des Digitalen mitreißen, sondern größtenteils darüber hinaus auch zum Lesen motivieren. Das Ziel war erreicht: Die Studierenden kamen sehr gut vorbereitet in die Präsenzveranstaltung. Auf diese Weise wurde der für die Präsenzveranstaltung so wichtige Freiraum geschaffen, um eine intensive Methodenförderung sowie eine kritische Reflexion des Stoffes durch eine aktive Beteiligung der Studierenden zu ermöglichen. Noch nie habe ich eine Veranstaltung an der CAU im juristischen Curriculum erlebt, in der die Studierenden so gut, so konzentriert und so enthusiastisch mitgearbeitet haben. Auffallend war auch, dass sich nicht – wie sonst üblich – nur wenige Wagemutige beteiligten, sondern ein Großteil der Studierenden bereit war, aktiv mitzuarbeiten.

Tradition und Moderne konkurrieren nicht, sie ergänzen einander

Die Studierende gaben an, dass sie die Videos für sehr sinnvoll (95,2 %) beziehungsweise sinnvoll (4,8 %) zur Ergänzung der Präsenzveranstaltung hielten. 100 % der Studierenden würden das Projekt weiterempfehlen. Künftig könnte man das Konzept erweitern, indem man eine strukturierte Nachbearbeitungsphase einführt, etwa durch gezielte, mithilfe von elektronischen Medien unterstützte, aktive Lernüberprüfungstests. Eine Analyse entsprechender Diagnosetests würde dann Rückschlüsse auf den Lernerfolg ermöglichen und die Optimierung von künftigen Lehrveranstaltungen erlauben.

Doch ohne nachhaltige adäquate institutionelle, personelle und finanzielle Ressourcen sind digitale Bildungsangebote schwer umsetzbar. Die Erstellung der Videos ist zeitaufwendig und in einer akademischen Welt, in der die Meriten in der Forschung verdient werden, aus der Perspektive einer jungen Forscherin eigentlich unattraktiv. Wer die Lehre nicht als eine Herzensangelegenheit betrachtet, wird wenige Motive finden, diese Zeit zu investieren. Hinzu kommt, dass Digitalisierungsinitiativen – wie auch diese – meist nur projektfinanziert sind und die Mittel für eine Ausweitung nach Auslauf der Finanzierung dann fehlen. Auch eine flächendeckend funktionierende IT-Infrastruktur würde sicherlich helfen, der Digitalisierung – auch in den Geisteswissenschaften – einen Schub zu verleihen.

Mir ging es bei der Durchführung des Projekts nicht darum, mich auf den Kriegspfad der ideologischen Auseinandersetzung zwischen Traditionalisten und Modernisierenden zu begeben und eine Debatte darüber zu führen, ob der digitale Tsunami das Humboldt‘sche Bildungsideal zerstören wird. Der digitale Wandel hat begonnen und ich denke, dieses Projekt hat gezeigt, dass man mit modernen digitalen Mitteln die Studierenden für ihr Fach begeistern und ein Feuer für das traditionelle – in den Rechtswissenschaften so unerlässliche – Lesen entfachen kann. Tradition und Moderne konkurrieren nicht, sie ergänzen sich vielmehr! Die Studierenden jedenfalls haben das erkannt, indem sie Filme geguckt, Texte gelesen und in der Präsenzveranstaltung begeistert mitgearbeitet haben. Wer die Lehre liebt, ist dann auch mal bereit, die Forschungsmeriten – jedenfalls für einen klitzekleinen Moment – aus den Augen zu verlieren und sich einfach nur an der geweckten Tatkraft der Studierenden zu erfreuen.

Kontakt

Janique  Brüning
jbruening@law.uni-kiel.de

Weiterführendes zum Thema Inverted Classroom

Lehre mal anders: Lernen im Flipped Classroom

Interview: Kopfstand in Hörsaal

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.