Wie Lehrende der Elektrotechnik E-Learning nutzen

Interview mit Professorin Martina Gerken

In der Elektrotechnik an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) gehören E- und Blended-Learning seit einigen Semestern zum Studienalltag. Gemeinsam mit Doktorand_innen und studentischen Hilfskräften setzt Professorin Martina Gerken Online-Tests, Simulationen und Mischmodule aus Onlinekursen und Präsenzveranstaltungen ein. Die Rückmeldungen der Studierenden helfen bei der Weiterentwicklung der Konzepte.

 

Interview: Rebecca Such
(Studentin/PerLe)

 

Frau Gerken, wie sind Sie auf die Idee gekommen, E-Learning-Elemente in die Lehre einzubauen?

Martina Gerken: Die digitalen Medien bieten neue Möglichkeiten und ich finde es spannend, sie auszuprobieren. Das Thema Videokurse ist mir schon aus meiner Promotionszeit vertraut, damals sind in Stanford Kurse für das Fernstudium aufgezeichnet worden, die wir auch als Präsenzstudierende als Nachbereitung ansehen konnten. Bereits diese Möglichkeit fand ich sehr interessant. Für unsere Lehre in Kiel habe ich überlegt, was das Studienangebot bereichern würde.

 

Sie haben bereits das Thema Videokurse angesprochen. Wie sind Sie auf die einzelnen Konzepte gestoßen?

Martina Gerken: Zum einen habe ich verschiedene Konzepte an den verschiedenen Stationen meiner Karriere kennengelernt – Stanford, Karlsruhe, Glasgow, Kiel. Zum anderen habe ich neue Ideen für den Einsatz digitaler Medien in der Diskussion mit anderen Lehrenden bei Konferenzen und auch bei Weiterbildungen bekommen. In der Zwischenzeit habe ich verschiedene Konzepte selbst ausprobiert: Mischmodule aus Online-Kursen und Präsenzveranstaltungen, Simulationen als Ergänzung zu Rechnungen per Hand, Online-Tests als vorlesungsbegleitende Lernkontrolle. Auch haben wir Online-Kurse anderer Universitäten in eigene Veranstaltungen integriert. Es muss ja nicht alles noch einmal neu aufgezeichnet werden.

In den Modulen Grundgebiete der Elektrotechnik 1 & 2 der ersten beiden Semester hatten wir zunächst ein Simulationsprogramm eingeführt, mit dem man elektrische Schaltungen graphisch erstellen und anschließend berechnen konnte. Die Simulation hat sich nicht bewährt, weil es für die Studierenden doch eine große Herausforderung war, neben dem Studienbeginn und der Orientierung an der Uni auch noch ein Schaltungssimulationsprogramm zu lernen. Deswegen haben wir das wieder eingestellt.

In den letzten drei Jahren haben wir insbesondere viel Arbeit in die Online-Tests zu den Modulen Grundgebiete der Elektrotechnik 1 & 2 investiert. Zunächst hatten wir klassische Übungsblätter. Da war das Problem, dass ein guter Teil der Studierenden Lösungen abgeschrieben hat und wir viele identische Lösungen bekommen haben. Gerade im ersten Studienjahr ist es mir aber wichtig, die Studierenden an kontinuierliches Lernen heranzuführen. Deswegen kam uns die Idee für das Onlineangebot. Zunächst waren die Tests eine freiwillige Ergänzung. Nun werden die Übungsblätter rein zum Üben verwendet und die Online-Tests zählen als Vorleistung. Schon der Einsatz digitaler Medien in den Modulen Grundgebiete der Elektrotechnik 1 & 2 hat somit eine gewisse Evolution vom Simulationsprogramm, zu den freiwilligen Tests hin zu den Pflichttests als Leistungsnachweis durchlaufen.

 

Nun hatten Sie diese Ideen, wie sind Sie dann an die Umsetzung herangegangen?

Martina Gerken: Das unterscheidet sich je nachdem, was ich erstellt habe. Bei den Onlinetests haben wir das im Team gemacht, zwei meiner Doktoranden, Hannes Lüder und Moritz Paulsen, haben sich insbesondere um die technische Umsetzung gekümmert. Wir haben in der Lehrendengruppe viel diskutiert und das auch mit den studentischen Übungsleiterinnen und Übungsleitern besprochen. In der ersten Testphase haben wir die Tests als freiwilliges Modul angeboten. Im ersten Jahrgang hatten wir teilweise technische Umsetzungsprobleme im OLAT, außerdem haben wir bei einigen Schaltungen festgestellt, dass die zu komplex waren, um sie in der vorgegebenen Zeit zu lösen. Solche Komplikationen kommen manchmal erst bei der Umsetzung heraus. Im ersten und zweiten Jahrgang haben wir viele Aufgaben noch einmal angepasst und überarbeitet. In der Zwischenzeit haben wir pro Online-Test einen Aufgabenpool von ca. 700 Aufgaben, die zufällig zu Tests zusammengestellt werden. Die Studierenden können die Tests in einem vorgegebenen Zeitraum bis zu 20 Mal wiederholen – davon verspreche ich mir auch den Lernerfolg. Um zu so vielen Aufgaben zu kommen, haben wir die Aufgabenstellung teilautomatisiert.

 

Die Online-Tests werden über OLAT angeboten.

 

700 Aufgaben klingen nach viel Arbeit. Wie ist der Aufwand für solche E-Learning Konzepte?

Martina Gerken: Der Anfangsaufwand ist sehr hoch. Die ganzen Tests zu generieren hat viel Zeit in Anspruch genommen. Hinterher muss man die Tests natürlich pflegen. Die Vorlesungen entwickeln sich weiter, dementsprechend müssen sich auch die Tests weiterentwickeln. Nach der anfänglichen Arbeit ist dann aber erst einmal eine solide Datenbasis vorhanden, sodass es wesentlich leichter wird. Außerdem fällt z. B. das Korrigieren der Übungsblätter für die Doktoranden weg.

 

Seit drei Jahren setzen Sie mittlerweile E-Learning-Konzepte ein. Was sind Grenzen und Chancen, die Ihnen in dieser Zeit aufgefallen sind?

Martina Gerken: Seit drei Jahren machen wir die Online-Tests, E-Learning-Konzepte setze ich bereits viel länger ein! Ich sehe E-Learning als Ergänzung zu traditionellen Lehr- und Lernformen. Die Diskussion und der persönliche Kontakt können so nicht ersetzt werden. Außerdem kommt hinzu, dass z. B. im Master-Bereich auch aktuelle Forschung besprochen wird und Online-Module schnell veraltet wären. E-Learning kann gut bei Grundlagenthemen eingesetzt werden, die man vor 20 Jahren schon gelehrt hat und die man auch in 20 Jahren noch lehren wird.

Im Grundmodul halte ich es trotzdem für wichtig, viele Präsenzveranstaltungen zu haben. Ich lehre da natürlich Fachinhalte, aber gerade in der Erstsemester-Vorlesung greife ich aktuelle Fragestellungen rund um die Studienorganisation auf. Auch um ein Gespür dafür zu bekommen, was die Studierenden aktuell beschäftigt, sind Präsenzveranstaltungen wichtig. Für solche Gespräche bietet sich das E-Learning nicht an.

Ich hätte auch gewisse Bedenken, wenn alle Angebote im Eingangsmodul nur online wären. Wenn die Studierenden denken, sie könnten sich die Inhalte alle von Zuhause angucken, dann diffundiert die Aufmerksamkeit weg und wir haben noch höhere Abbruchquoten. Deswegen glaube ich, dass E-Learning besser als Ergänzung oder für höhere Semester geeignet ist. In der Studieneingangsphase überlegen wir eher die Präsenzkonzepte weiter auszubauen, um die Studierenden noch mehr an uns zu binden.

 

Wir führen Sie Studierende an die E-Learning Angebote heran? Haben Sie da Probleme wahrgenommen?

Martina Gerken: Bei OLAT-Angeboten habe ich bisher keine Probleme wahrgenommen. Das bedienen die Studierenden relativ intuitiv. Wir zeigen den Studierenden direkt in der Eingangsphase, wie man OLAT nutzt. Die ganze Materialverteilung findet über OLAT statt. Diese Kompetenz haben unsere Studierenden auch im ersten Semester schon.

 

Haben Sie bereits Ideen für zukünftige E-Learning-Angebote?

Martina Gerken: Lehre entwickelt sich immer weiter, da gibt es kein Ende. Bei uns ist die Studieneingangsphase gerade ein großes Thema. Ich bin mir aber noch nicht sicher, ob E-Learning da der richtige Weg ist. Wir haben E-Learning für die Mathematik-Grundlagen angedacht, weil die Studierenden nicht alle dieselben Kenntnisse mitbringen und somit Inhalte individuell wiederholen können. Ich weiß, dass viele Studierende sich YouTube-Videos anschauen, aber da kann ich keine Garantie geben, dass diese immer so passend sind. Hier überlegen wir ein eigenes E-Learning-Angebot zu konzipieren.

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