Ein ganz normales Leben*

von Lara Drzewicki und Naomi Kießling

Marco Herbst (24) leidet an seltenem Handicap – und spielt erfolgreich Wasserball

*Dieser Artikel ist im Rahmen eines Journalismus-Projekts entstanden.
Mehr darüber erfahren Sie hier.

Marco Herbst

Besonders frei fühlt Marco sich, wenn er im Wasser seiner Sportleidenschaft nachgeht: „Dort bin ich auf keine Hilfsmittel angewiesen“

„Marco, was waren besondere Momente in deinem Leben?“ –  „Besondere Momente? Eigentlich ist mein Leben ganz normal.“ 24 ist Marco Herbst und studiert in Hannover im dritten Mastersemester Navigation und Umweltrobotik. Der ursprünglich aus Hanerau-Hademarschen stammende junge Mann  machte in Itzehoe sein Abitur. Auf uns wirkt das wie ein ganz normales Leben. „Ja, es ist ja auch ein ganz normales Leben“, bestätigt uns Marco.

Was noch nicht wissen kann, wer ihn nicht kennt: Von Geburt an leidet Marco an dem seltenen FFU–Syndrom*. Charakteristisch für dieses Leiden sind Defekte des Oberschenkel- und Wadenknochens sowie eine fehlgebildete Elle. Marco Herbst fehlen beide Wadenbeine, am rechten Arm fehlt ihm die Elle und er hat nur einen Finger. Wobei Leiden in seinem Fall nicht der richtige Begriff ist, der 24-Jährige kann – und will – alles machen, was man in seinem Alter so tut: Freunde treffen, an der Konsole zocken, Sport treiben.

„Ich starre zurück – bis die Leute beschämt weggucken.“

Seine größte Passion ist so auch das Wasserballspielen. Seit nunmehr 13 Jahren ist er in dieser Sportart aktiv, trainiert dreimal in der Woche für anderthalb bis zwei Stunden. Mit seiner jetzigen Mannschaft Waspo 98 aus Hannover spielt er in der Oberliga,  nach Erster und Zweiter Bundesliga die dritthöchste Liga im Wasserball. Nur selten wird er im Schwimmbad nicht angestarrt, wenn er mit seinen Prothesen Richtung Becken geht. Was für jeden in dieser Situation unangenehm wäre, ist für den jungen Studenten Routine.

Wie reagiert er, wenn die Leute ihn anstarren? Marcos Antwort: „Ich starre einfach zurück – bis die Leute beschämt weggucken. Weil sie merken, dass es unangenehm ist, angestarrt zu werden.“ Mit Kindern sei es einfacher, „die kommen einfach auf mich zu und fragen, was ich habe.“ Seine Mannschaftskameraden waren am Anfang auch ein wenig skeptisch. Doch nachdem sie erkannt haben, wie hoch Marcos Leistungsniveau ist, waren sie positiv überrascht. Längst sind sie froh über die Verstärkung in der Mannschaft.

Die Prothesen einfach mal liegenlassen

Ähnlich ist es bei neuen Bekanntschaften. Die meisten nehmen zuerst eine abwartende Haltung ein, die aber durch Marcos offene Art schnell behoben wird. Im Gespräch mit uns  erzählt er ohne Scheu über sein Handicap und beantwortet bereitwillig alle Fragen. Spätestens wenn Menschen merken, dass er eigentlich alles so bewerkstelligen  kann wie sie  selbst auch, wird er ganz normal  behandelt.

In seinem Alltag hat Marco keine Einschränkungen. Nur kilometerlanges Laufen geht nicht ohne weiteres, gesteht er uns mit einem Lächeln. Sich frei bewegen zu können ist für ihn selbstverständlich. Daher war auch die Erlangung des Führerscheins für ihn so wie für jeden anderen Menschen auch ganz normal.

Besonders frei fühlt Marco sich aber, wenn er im Wasser seiner Sportleidenschaft nachgeht. „Dort bin ich auf keine Hilfsmittel angewiesen, meine Prothesen lasse ich einfach links liegen.“ Kein Ziel ist ihm zu hoch, mit viel Willenskraft und Ehrgeiz arbeitet er daran, sie zu verwirklichen. Er trainiert hart und geht an seine Grenzen so wie jeder andere Leistungssportler auch.

*Das Femur-Fibula- Ulna-Syndrom (FFU)
Ist eine  asymmetrisch auftretende Kombination aus Defekten des Oberschenkelknochens (Femur) und des Wadenbeins (Fibula) mit Fehlbildung der Elle (Ulna) auf der gegenüberliegenden Körperseite. Zwischen 0,11 und 0,20 auf 10.000 Geburten sind davon betroffen, Jungen häufiger als Mädchen. Arme sind häufiger betroffen als Beine, die rechte Körperseite öfter als die linke.

Die Autorinnen:
Lara Drzewicki, Studium der Pädagogik und Soziologie. Wo sie einmal arbeiten möchte, weiß sie noch nicht.
Naomi Kießling studiert Deutsch und empirische Sprachwissenschaft. Ihr Berufsziel: Lektorin.

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