Empirische Sozialforschung mit Pädiko

Innovative Methodenausbildung am Geographischen Institut

Sakura Yamamura hat die Methodenausbildung am Geographischen Institut umgekrempelt. Zu diesem Zweck konzipierte die Dozentin nicht nur diverse gewinnbringende Blended-Learning-Elemente für die Lehre, sondern ließ ihre Studierenden die erlernten Forschungsmethoden auch gleich praktisch anwenden. Für den Kieler Verein für pädagogische Initiativen und Kommunikation (Pädiko) durften Yamamuras Studierende eigens Forschungsprojekte entwickeln, um diese im Umfeld der Kieler Pädiko-Einrichtungen umzusetzen.

Text: Svenja Bierwirth & Sakura Yamamura, Projektteam

Die Methodenausbildung im Bachelor-Studiengang Geographie am Geographischen Institut der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel umfasst unter anderem zwei Lehrveranstaltungen in Empirischer Sozialforschung, die über zwei aufeinanderfolgende Semester in Form einer zweistündigen Vorlesung mit einem Übungsteil als Pflichtveranstaltung und einer ebenso zweistündigen Vertiefungsübung als Wahlpflichtveranstaltung stattfinden. In diesen Lehrveranstaltungen werden Methoden der Sozialforschung gelehrt, beispielsweise geht es um Umfrage-Konzeptionen und -Durchführungen oder um verschiedene Interviewtypen.

Die Christian-Albrechts-Universität sowie das Geographische Institut sind bemüht, innovative Lehre zu fördern – insbesondere solche, die Wissenschaft und Praxis miteinander verbindet und bei der Studierende theoretische Inhalte anwendungsorientiert erlernen. Das Besondere an der Kooperation mit dem Kieler Verein Pädiko im Wintersemester 2016/17 bestand auf didaktischer Ebene in der Kopplung eines forschungsbasierten Lehrkonzepts mit Elementen aus dem Service Learning: Studierende lernten sich gesellschaftsrelevanter Problemen bewusst zu werden, und Forschungsmethoden sowie wissenschaftliche Denkweisen mit gemeinnützigem Engagement zu verknüpfen – also Theorie mit Praxis zu verbinden. Durch die Bezug- und Rücksichtnahme auf die Interessen der Praxispartner, vertieften die Studierenden das Gelernte und erfuhren dessen Relevanz ganz unmittelbar (Service Learning). Gleichzeitig durchliefen die Studierenden eigenständig und ergebnisoffen den gesamten Forschungsprozess und lernen dabei die Herausforderungen der Forschungspraxis kennen (Forschungsbasierte Lehre).

Als strukturelle Hilfe bei der Durchführung der Forschungsprojekte wurden zudem Methoden des Projektmanagements gelehrt. Darunter fallen sowohl Risiko- und Stakeholderanalysen für empirische Forschungen, als auch Koordinierungshilfen wie Projektstruktur- und Projektphasenpläne. Dadurch schulten die Studierenden ganz nebenbei auch ihre Eigenständigkeit, Teamfähigkeit sowie ihr Organisationsvermögen. Aktive Reflexionsprozesse, die unter anderem von Mitarbeiterinnen des Projekts erfolgreiches Lehren und Lernen (PerLe) zusätzlich unterstützt wurden, begleiteten die Lehrveranstaltung und trugen somit zur Persönlichkeitsbildung der Studierenden bei.

 

Service Learning mit Pädiko

Im Rahmen der Vertiefungsübung zur Empirischen Sozialforschung wurden mit Pädiko drei Forschungsfelder identifiziert, zu denen die Studierenden kleine Forschungsprojekte durchführten. Die Kontakte zu den Zielgruppen und den relevanten Mitarbeiter*innen bei Pädiko wurden über einen Ansprechpartner ermöglicht und das Forschungsfeld entsprechend zur Verfügung gestellt. Beginnend mit Brainstormings über Ideen, Formulierungen und Konkretisierungen erlernten die Studierenden auch die Auswahl und die Beurteilung geeigneter Methoden sowie die Konzeption eines Forschungsdesigns kennen. Schließlich sammelten sie ihre ersten Erfahrungen in empirischer Feldarbeit, die sowohl quantitativer als auch qualitativer Art erfolgten, und führten Datenanalysen und -Interpretationen durch. In Form eines Lernportfolios sowie in Lerneinheiten im Workshopformat wurden methodische Aspekte diskutiert und der Forschungsprozess reflektiert. Die selbständig erarbeiteten Forschungsergebnisse wurden in Abschlusssitzungen mit der Leitungsebene von Pädiko sowie in Neumeimersdorf vor Involvierten erfolgreich präsentiert und diskutiert.

Pädiko e.V. ist Träger von mehreren Kindertagesstätten, Krippen, Waldkindergärten und Naturerlebnisgruppen in Kiel und Umgebung. Darüber hinaus wird ein qualifiziertes Kindertagespflegeangebot durch angestellte und freie Tagespflegepersonen angeboten. Die Kindertagesstätten orientieren sich an Elementen der Reggio-Pädagogik. (Quelle: www.paediko.de)

 

 

Die studentischen Forschungsprojekte

Die Studierenden wählten folgende Themen aus:

I. Quereinstieg zur dualen Erzieher*innen-Ausbildung bei Pädiko
II. Nachhaltigkeit in Pädikos Kitas und der Kindererziehung
III. Jugendliche im Stadtteil Neumeimersdorf

Diese wurden von insgesamt fünf studentischen Kleingruppen, die jeweils aus drei bis vier Studierenden bestanden, bearbeitet.

 

I. Quereinstieg zur dualen Erzieher*innen-Ausbildung bei Pädiko: Innerhalb des Themas Quereinstieg zur dualen Erzieher*innen-Ausbildung sollte vor allem untersucht werden, aufgrund welcher Motivation die Auszubildenden einen Berufswechsel vornehmen und wie zufrieden sie mit der Betreuung seitens Pädikos sind. Die studentische Gruppe, welche das Thema gewählt hatte, erforschte dabei sowohl die Perspektive der Quereinsteiger*innen als auch die der anbietenden Ausbildungsstätte.

II. Nachhaltigkeit in Pädikos Kitas: Zwei studentische Gruppen entschieden sich für Erforschung des Nachhaltigkeitskonzepts in den Kindertagesstätten Pädikos. Um die, entschieden sich die Gruppen für ein allgemeines und ein spezifisches Forschungsfeld: Während sich eine Gruppe mit den generellen Nachhaltigkeitskonzepten und deren Auswirkungen das familiäre Leben beschäftigte, untersuchte die zweite Gruppe diese Faktoren speziell für das Thema Gesunde Ernährung. Von beiden Gruppen wurden jeweils Eltern befragt, deren Kinder eine Betreuungseinrichtung Pädikos besuchen. Insbesondere die Beeinflussung der KiTaplatzwahl durch das Nachhaltigkeitskonzept, Auswirkungen auf familiäre Gewohnheiten sowie die Zufriedenheit der Eltern sollten dabei erfragt werden. Bei einer Abschlusspräsentation wurden die Ergebnisse mit einigen Mitarbeiter*innen Pädikos diskutiert sowie Handlungsempfehlungen ausgesprochen.

III. Jugendliche im Stadtteil Neu-Meimersdorf: Auch Thema III wurde von zwei studentischen Kleingruppen ausgewählt. Kernanliegen Pädikos waren Probleme in einer KiTa in Neu-Meimersdorf, welche bereits mehrmals unter dem Vandalismus mutmaßlich jugendlicher Gruppen gelitten hatte. Um die Situation der Jugendlichen im Stadtteil zu erfassen, untersuchte jeweils eine studentische Gruppe das Angebot an Freizeitaktivitäten und Aufenthaltsorten im Stadtteil sowie die Nachfrage seitens der Jugendlichen selbst.  Für die Abschlusspräsentation führten beide Gruppen ihre Forschungsergebnisse zusammen und diskutierten Handlungskonzepte sowie konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Situation im Stadtteil.

Reflexionen der Studierenden zum Projekt

Als Teil der Prüfungsleistung erstellte jede Forschungsgruppe neben dem Forschungsbericht jeweils auch ein Lernportfolio. Hierin reflektierten die Studierenden über das Lehrformat mit Elementen aus Projektmanagement, Forschungsbasierter Lehre und Service Learning. Untenstehend sind einige Auszüge aus den Portfolios zu finden, die thematisch sortiert Einblicke in den Lerneffekt und die Erfahrungswerte der als erfolgreich einzuschätzenden Kooperation mit Pädiko geben sollen:

Kommentare zum Lehrformat

„Die Aufteilung des Kurses Empirische Sozialforschung II in drei Themengebiete: Forschung, Projektmanagement und Gruppenkoordination wirkte sich sehr positiv auf die Durchführung des Projekts aus und aufgrund der Vermittlung verschiedener Wissensgebiete konnten viele Erkenntnisse aus dem Kurs mitgenommen werden.“ (Gruppe Quereinsteiger)

„Nachdem alle Gruppen ihre Präsentation gehalten hatten, besprachen wir in unserer Gruppe unsere Forschung, wobei wir uns einig waren, dass die Empirische Forschung zwar sehr viel Zeit in Anspruch nahm und auf vieles geachtet werden musste, es aber ein sehr belehrendes Fach war, aus dem wir hilfreichen Erfahrungen mitnahmen und viele Kenntnisse dazugewonnen hatten. Außerdem war es ein großes Erfolgserlebnis, als am Ende die Ergebnisse standen und tatsächlich anerkannt und verwendet würden.“ 
(Gruppe Nachhaltigkeit)

Kommentare zum Projektmanagement im Forschungsprojekt

„Die Schlussfolgerung [aus dem Projektmanagement] war, dass wir erkannten, wie wichtig ein sorgfältig erstellter und während der Durchführung weiterhin aktualisierter Projektphasenplan ist. (...) Bei der Durchführung eines nächsten, zukünftigen Projektes würden die Mitglieder unserer Projektgruppe der Pflegeeines solchen Projektphasenplans mehr Beachtung schenken und Termine und Aufgabenpakete öfter aktualisieren.“ 
(Gruppe Meimersdorf Nachfrage)

„Im Laufe des Semesters hat uns der Projektstrukturplan immer wieder geholfen, den Stand der Forschung nachvollziehen zu können und die verbleibende Zeit besser einzuplanen. Wir konnten so jede Woche reflektieren, welche Arbeitspakete abgeschlossen wurden und welche Arbeitsschritte noch verblieben. Jedoch mussten wir auch stetig Verbesserungen und Veränderungen vornehmen, wodurch schließlich drei Versionen des Projektplans entstanden.“ 
(Gruppe Meimersdorf Angebot)

„Bei der Erstellung der Risikoanalyse ist aufgefallen, dass wir viele Situationen, welche in Seminaren behandelt wurden, ausschließen konnten. In der Realität hat sich dann aber heraus gestellt, dass es viele weitere Risikofaktoren gibt, die man eventuell gar nicht in Betracht gezogen hat. (...) Für zukünftige Risikoanalysen wäre es hilfreich mehr Zeit in Anspruch zu nehmen und Situationen, die nicht ganz unwahrscheinlich sind, nicht zu unterschätzen und auszuschließen, sondern sich dennoch auf ein Eintreten vorzubereiten, um mögliche Auswirkungen zu verhindern.“ 
(Gruppe Meimersdorf Nachfrage)

„Wir hätten derartige Komplikationen von Beginn an in den Projektphasenplan einbeziehen sollen. Aufgrund unserer Fehlplanung sind wir in unnötigen Zeitverzug geraten. Über die Problematik, keine passenden Probanden finden zu können sprachen wir häufig, jedoch sind wir ziemlich naiv von dem besten Fall ausgegangen. Im Nachhinein ist uns bewusst, dass die geplante Zeiteinheit für die Straßenbefragung entweder zu gering eingeschätzt wurde oder wir schneller einen Notfallplan hätten ausführen müssen.“ (Gruppe Meimersdorf Angebot)

Kommentare zum Service Learning mit Praxispartnern

„Bei dem gesamten Projekt handelte es sich um Service Learning, also das Arbeiten für einen externen Auftraggeber in Kooperation mit diesem. Nachdem wir alle Daten und Informationen analysiert und unsere Schlussfolgerungen daraus gezogen hatten, haben wir unsere endgültigen Ergebnisse (...) vor der Leitungsebene von Pädiko präsentiert. Uns hat es Spaß gemacht, ein Projekt durchzuführen, welches am Ende nicht in der Schublade des Dozenten landet, sondern tatsächlich Informationen für einen Kooperationspartner bereithält und einen Mehrwert bieten kann. Insgesamt finden wir, dass Service Learning dem Alltag im Studium einen neuen Reiz liefert und können es daher definitiv weiterempfehlen.“ (Gruppe Gesunde Ernährung)

„Die Zusammenarbeit mit Pädiko gefiel uns sehr gut und es war etwas anderes nicht nur uniintern, sondern auch mal mit externen Partnern zusammen zu arbeiten. Dies gab uns das Gefühl wirklich etwas erreicht zu haben, was andere interessierte und ihnen weiterhalft. Zusammengefasst war es sehr aufwendig und wir hatten unsere Höhen und Tiefen, aber schlussendlich war es eine lehrreiche Erfahrung bei der sich Mühe und Arbeit auf jeden Fall gelohnt hatten.“ (Gruppe Nachhaltigkeit)

„Gerade in Bezug auf das Service Learning zeigte der Kurs und das Projekt das vorhandene Potential. Gegenüber dem standardisierten Lernen an der Universität steht das Service Learning als eine Art fachliche Berufsvorbereitung. Diese Möglichkeit viele Kompetenzen zu erwerben und Einblicke, in reale Arbeitsprozesse und Arbeitsbedingungen, zu erhalten hebt diese Methodenvertiefung vom restlichen Angebot ab.“ (Gruppe Quereinsteiger)

„Zusammenfassend lässt sich sagen, dass wir mit der Kooperation mit den projektbegleitenden Stakeholdern größtenteils sehr zufrieden waren. Uns wurde generell sehr entgegengekommen, was uns den Forschungsprozess und den Zugang zu den Institutionen und dem uns vorwiegend unbekannten Forschungsgebiet sehr erleichtert hat. Dies erschien uns für ein solches erstes eigenständiges Forschungsprojekt der richtige Umgang mit Stakeholdern: nicht zu viel Einbindung der Akteure, um die wichtigen Arbeitsschritte selbstständig umzusetzen und eine zu große Beeinflussung der Forschung durch Externe zu verhindern und nicht zu wenig Einbindung, um eine erfolgreiche Durchführung des Projekts zu gewährleisten.“ (Gruppe Meimersdorf Angebot)

Kommentare zur Kooperation mit Pädiko

„Die Kommunikation mit Pädiko lief schnell und unkompliziert. Auf Mails wurde umgehend geantwortet, vereinbarte Treffen fanden zeitnah statt und wurden eingehalten. Des Weiteren waren wir uns der Unterstützung Pädikos zu jeder Zeit bewusst und konnten Hilfe immer in Anspruch nehmen. Besonders unsere Kontaktperson Frau Julia Zdrenka der Kita Colorito war auf unsere Anliegen und Fragen nie um Hilfe oder Antworten verlegen und war hauptverantwortlich für die Vermittlung von Eltern für die Interviews. Den Zugang zu Pädiko beziehungsweise zu Frau Zdrenka hat uns Herr Sachs vermittelt und ermöglicht. Auch waren wir uns seiner Unterstützung bezüglich unserer Forschungsthematik und -frage sicher.“ (Gruppe Gesunde Ernährung)

„Als die Präsentation bei Pädiko anstand, waren wir alle etwas nervös, jedoch steckten wir auch voller Erwartungen und Neugier, da es die erste Präsentation für uns war, bei der wir etwas eventuell neu Herausgefundenes präsentierten und noch dazu für einen ausschlaggebenderen Zweck als bei bisherigen Präsentationen. (…) [Wir] bemerkten dabei sofort, dass die Mitarbeiter Pädikos ein großes Interesse an unseren Ergebnissen aufzeigten und uns und unsere Erarbeitungen ernst nahmen. Wir hatten das Gefühl, dass wir mit unserer Forschung etwas erreicht hatten, worauf Pädiko aufbauen konnte. Die Runde bei Pädiko wirkte auf uns sehr angenehm und freundlich, was unser allgemein freundliches, offenes und positives Bild von Pädiko erneut unterstützte.“ (Gruppe Nachhaltigkeit)

„Viele Mitglieder der Leitungsebene wirkt en zu Beginn sehr irritiert über unsere Anwesenheit, da sie offenbar nicht über unsere Präsentationen am heutigen Tage informiert worden waren. Im Raum herrschte eine allgemeine Verwirrtheit und Überraschung über die unerwartete Änderung der Tagesordnung. Mit Fortschreiten der Präsentationen veränderte sich die Stimmung der Leitungsebene; es gab rege Beteiligung an Diskussionen und neben dem sichtlichen Bemühen, unseren Aufenthalt angenehm zu gestalten, auch umfangreiches und ehrliches Interesse an unserer Forschung.“ (Gruppe Gesunde Ernährung)

„Die Resonanz seitens der Pädiko Mitarbeiter war beachtlich, sodass viele interessante Fragen gestellt wurden und wir nach zwei Stunden Input unsererseits eine kleine Diskussionsrunde zustande kam. Für die enge, stets freundliche und doch professionelle Zusammenarbeit mit Pädiko bedanken wir uns.“ (Gruppe Gesunde Ernährung)

„Wir bedanken uns noch einmal bei Pädiko für die enge und kooperative Zusammenarbeit. Besonders bei Herrn Sachs und Frau Peters, die uns geholfen haben, einen Zugang zum Projekt zu erhalten und deren Impulse unsere Arbeit positiv geprägt hat. Zudem danken wir dem Team von PerLe, die im Bereich der Projektplanung und Reflexion der gesamten Durchführung uns gut beraten haben.“ (Gruppe Quereinsteiger)

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