„Studierende müssen die Komfortzone verlassen“

„Lernen durch Engagement“: Interview mit Dr. Marcus Kreikebaum

Über den Tellerrand schauen, andere Lebenswelten kennenlernen, Praxiserfahrungen sammeln: Der Wiesbadener Fachmann, Dr. Marcus Kreikebaum, von der EBS Universität für Wirtschaft und Recht sprach mit uns über das Konzept „Lernen durch Engagement“.

Erster Teil einer Interviewserie zum Erfahrungslernen mit Dr. Marcus Kreikebaum.
Teil II: „Eine fruchtbare Reflexionsmethode – Das perspektivische Prisma“
Teil III: „Lasst uns mitspielen!“

Bei der didaktischen Methode „Lernen durch Engagement“ (auch „Service Learning“ oder „Erfahrungslernen“)verknüpfen Studierende Inhalte der universitären Lehre (Learning) mit gemeinnützigem Engagement (Service). In lokalen Projekten mit Kooperationspartner_innen aus Schulen oder gemeinnützigen Organisationen wenden die Studierenden ihr Fachwissen dort an, wo ein echter Bedarf besteht. Dies verstärkt das Verständnis des Gelernten sowie seiner Relevanz – alle Beteiligten profitieren.

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Herr Kreikebaum, wie sollten Studierende Ihrer Meinung nach idealerweise die Uni verlassen – wie vorbereitet, wodurch und wofür?

Marcus Kreikebaum: Idealerweise sollten Studierende nach der Uni wählen können: ‚Will ich mein Wissen künftig nur für mich einsetzen oder auch für andere?‘ Um mich in dieser Frage überhaupt entscheiden zu können, muss ich vorher zumindest eine Engagement-Erfahrung im Studium gemacht und reflektiert haben. Bisher ist das an den meisten Unis nicht der Fall.

 

Wie konkret kann so eine „Engagement-Erfahrung“ funktionieren?

Die Studierenden müssen zunächst einmal die eigene Komfortzone verlassen. Ohne Erfahrungen kann man keine Perspektivwechsel vollziehen. Als Dozent muss ich also dafür sorgen, dass die Studierenden die Möglichkeit bekommen, andere soziale Lebenswelten kennenzulernen als die, in denen sie bisher zu Hause waren und sind.

Das kann funktionieren, indem ich im Umfeld der Universität alle lokalen Einrichtungen, die mit sozial Ausgegrenzten zusammenarbeiten, dazu einlade, mit den Studierenden und mir zusammenzuarbeiten – zum Beispiel in Projekten für Teestuben für Wohnsitzlose, Lebenshilfen, Altersheime, Schülerinitiativen, Flüchtlingsheime, und so weiter …

 

Wenn Sie sagen, die Studierenden müssten „ihre Komfortzone verlassen“, klingt das erst einmal anstrengend. Was ist der Gewinn dabei?

Vordergründig besteht der Gewinn in Punkten fürs Studium, aber der eigentliche Gewinn besteht in der Möglichkeit, die eigenen Perspektiven zu erweitern. Daher beginnen viele Essays, in denen die Studierenden ihre Erfahrungen aus solchen Projekten reflektieren, auch dem mit den Worten „Am Anfang habe ich das nur gemacht, um die Punkte zu kriegen, aber dann…“

 

 „Aber dann …“?

„…, aber dann war es da draußen ganz anders, als ich dachte“. „… dann hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun“. Oder: „…dann haben sich meine Ängste, Befürchtungen und Vorurteile als völlig unbegründet erwiesen“. Diese Wendung lese ich übrigens besonders häufig.

 

Begleiten Sie Studierende auch dabei, wenn sie sich aufgrund solcher Engagement-Erfahrungen im Rahmen des Studiums plötzlich ganz neue Ziele für ihre späteren Berufe stecken?

Na klar! Sie müssen aber ihr Studienziel deswegen nicht unbedingt ändern. Es geht mir eher um ein In-Gang-Setzen von dauerhaften, sinn- und zweckgebenden Reflexionen bedingt durch den erfahrenen Wandel ihrer Perspektiven durch „den sozialen Anderen“.

 

Lesen Sie in Kürze mehr über das „Lernen durch Engagement” an Universitäten: Die Teile II bis  IV unserer Interviewserie mit Marcus Kreikebaum kreisen um zielführende Reflexionsmethoden für Lernende und konkrete Beispiele aus Kreikebaums Lehrpraxis.

 

Service Learning (Lernen durch Engagement) an der CAU
Gesellschaftliche Verantwortung als Teil des Bildungsauftrages wird in der Zukunftsstrategie der Christian-Albrechts-Universität besonders betont „Die Absolventen der Universität Kiel sollen gelernt haben, Verantwortung für Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit zu übernehmen“ (vgl. Strukturentwicklungsplan der CAU für den Zeitraum 2012–2016).

Seit 2013 ist die CAU Kiel auch Mitglied im bundesweiten Hochschulnetzwerk „Bildung durch Verantwortung (BdV)“.

Unterstützung und Beratung finden Lehrende und Studierende der CAU bei der Koordinierungsstelle Service Learning vom Projekt erfolgreiches Leheren und Lernen (PerLe).

Im Einfach gute Lehre-Blog der CAU ist dem Service Learning eine eigene Rubrik gewidmet. Dort finden Sie Erfahrungsberichte und spannende Seminarkonzepte aus ganz unterschiedlichen Fachrichtungen.

 

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