„Es haben sich Türen geöffnet“

Interview über „Kompetent leiten - Führungspersönlichkeit entwickeln“

Es ging nicht schlicht um Dos und Dont’s im Klasseraum. Das Seminar „Kompetent leiten - Führungspersönlichkeit entwickeln“ bereitete die Teilnehmer_innen differenziert und individuell auf ihre Rolle als Lehrkraft vor. Eine Studentin schildert ihre Erfahrungen im Interview.

Was haben Sie über Themenzentrierte Interaktion (TZI) im Unterricht gelernt – wie lässt sich das Konzept anwenden und inwiefern hat es Sie weitergebracht?

Studentin: Im ersten Teil des Seminars – „kompetent leiten“ – war ein wichtiger Punkt die Selbstbetrachtung. Als Lehrer muss man lernen, sich selbst und seine Prägung zu hinterfragen.  Also: Wieso handele ich in bestimmten Situationen so, wie ich es tue? Was haben meine Vorbilder, meine Eltern, meine Erfahrungen in der Schule damit zu tun? Und wie kann ich das fruchtbar machen? Was sind Stärken oder Schwächen von mir?‘

Zu diesem Zweck haben wir unter anderem einen Persönlichkeitstest gemacht und darüber reflektiert, wie wir dessen Ergebnisse später in unsere Arbeit als Lehrer einbinden können. Wir haben ganz unterschiedliche Methoden kennengelernt – vom Bildermalen über Gruppengespräche simulieren bis hin zum persönlichen Feedback.

Das war ein guter Anknüpfungspunkt für den zweiten Teil des Seminars, in dem unsere Führungspersönlichkeiten in den Vordergrund rückten. In einer der ersten Übungen haben wir uns zu zweit zusammen gefunden, je einem Partner wurden die Augen verbunden, der andere hat ihn dann eine Viertelstunde lang ohne Worte durch das Gelände geführt.

Durften Sie einander dabei berühren?

Man durfte sich berühren, ja. Aber manchmal hat es auch ohne geklappt. Das war wirklich interessant. Anschließend haben wir unsere Erfahrungen ausgewertet. Was ist für den, der geführt wird, wichtig? Was braucht er? Womit fühlt er sich vielleicht unwohl? Und: Was bedeutet das jeweils für die Führungspersönlichkeit? Anschließend haben wir unsere Reflexionsergebnisse wiederum auf Unterrichtssituationen übertragen.

Im zweiten Seminarteil haben wir dagegen noch stärker auf unsere eigene Persönlichkeit geblickt, aber auch Lehrerrollen und Vorbilderreflektiert. Wie will ich sein, als Lehrer oder als Führungspersönlichkeit? Wo will ich hin? Was will ich vielleicht auch nicht sein? Auf diese Weise haben sich uns einige Türen geöffnet. Dabei waren wir immer stark zum Nachdenken und Mitarbeiten angeregt. Es ging jedoch nicht um schlichte Dos oder Dont’s im Klasseraum, stattdessen haben wir differenziert und individuell an den einzelnen Fragestellungen gearbeitet.

Wie hat das Lernen in diesem Format für Sie funktioniert?

Es war ein sehr interaktiver, dialoghafter Prozess, erleichtert noch dadurch, dass wir eine kleine Gruppe von rund zehn Teilnehmern waren. Wir haben nicht alle an Tischen zugehört, sondern saßen in einem Sitzkreis und haben uns die ganze Zeit miteinander unterhalten. Mitunter wechselten dabei die Methoden, die Lernprozesse wurden vom Leitungsteam impulshaft angeregt. In verschiedenen Verlaufsphasen konnten wir die einzelnen Themen für uns selbst vertiefen – mal in kleineren Gruppen, mal mit der ganzen Gruppe, mal in Einzelarbeit.

Der Weg, den wir zusammen beschritten haben, hat sich permanent geändert, je nachdem, was die Gruppe wollte oder brauchte. Das ist auch eines der zentralen Anliegen von TZI:

Worin sehen Sie die Hauptunterschiede zu einem gängigen Seminarformat und wie bewerten Sie diese?

Das ist in der Tat ein guter Anknüpfungspunkt: Wenn man ins Seminar kommt, ist es üblicherweise so, dass der Dozent schon alles vorgeplant hat. In der und der Sitzung ist das und das dran, so, ihr lest jetzt mal die und die Texte und dann bearbeiten wir das zusammen.
Die prozesshafte Form, in der wir unser TZI-Seminar abgehalten haben, wäre meiner Meinung nach nicht für alle Univeranstaltungen umsetzbar. Man muss sich beispielsweise nicht unbedingt ständig selbst reflektieren, um etwas über geschichtliche Fakten zu lernen. Einzelne Elemente ließen sich aber problemlos in reguläre Seminare integrieren. Z.B. mehr darauf zu gucken, was die Studenten wirklich interessiert. Und mehr darauf einzugehen, welche Fragen während der Veranstaltung aufkommen.

Inwiefern und warum bewerten Sie es als positiv, wenn mehr auf die Interessen der Studierenden eingegangen würde?

Die Motivation der Studenten wäre größer, was sich positiv auf den Lernprozess und auf das Lernen in der Gruppe auswirken würde. Mit einer großen Gruppe wäre es unrealistisch, im Stuhlkreis zu sitzen und alles persönlich zu besprechen. Aber gewisse Dinge, wie z.B., dass der Dozent sich selbst und seine Lehre mehr hinterfragt und der Gruppe anzupassen versucht, wären wünschenswert.

Das TZI-Seminar hat ja immer mit einer Tandem-Leitung stattgefunden. Inwiefern haben Sie davon profitiert?

Es waren einfach immer zwei Personen da, die denselben Sachverhalt auf unterschiedliche Art und Weise erklären konnten. Sandra Bischoff (eine Seminarleiterin) ist Berufsschullehrerin gewesen, bevor sie an die Uni kam. Sie hat aber auch viel systemische Beratung, TZI und ähnliches gemacht. Den ersten Seminarteil hat sie gemeinsam mit einem Polizisten angeleitet, den zweiten mit einem Psychologen. Das waren jeweils zwei unterschiedliche Blickwinkel, zwei unterschiedliche Persönlichkeiten. Dadurch kam auch immer eine neue Perspektive mit dazu. Das ganze Seminar wurde einfach um viele Impulse bereichert. Außerdem: Wenn zwei Leitungspersonen da sind, ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass du dich mit einer von ihnen identifizieren und dich dadurch sogar viel intensiver aufs Thema  einlassen kannst.

Sie sind angehende Lehrerin für Theologie und Englisch. Was hat Ihnen der Kurs denn in Hinblick auf den künftigen Lehrberuf gebracht?

Viele Ängste, die ich habe, wenn ich mich in der Schulklasse sehe und viele Probleme, von denen ich glaube, dass sie entstehen könnten, sind greifbarer geworden. Außerdem habe ich durch das intensive Reflektieren auch mehr Zugänge bekommen, mich diesen Problemen oder Ängsten zu nähern und gut mit ihnen umzugehen.

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