Lehramtsstudierende als Entwickler und Forscher

"Forschend Lehren lernen": Neues Mastermodul in der Biologie-Didaktik

"Forschend Lehren lernen": Diesen Titel trägt ein neugestaltetes biologie-didaktisches Mastermodul, das theoretische und praktische Ausbildungsinhalte eng miteinander verwebt. Angehende Lehrkräfte entwickeln innovative Unterrichtsmodule, führen diese an Schulen durch und erforschen deren Lernwirksamkeit in selbstkonzipierten Forschungsprojekten. Ein Beitrag der Projekt-Initiatoren Julia Schwanewedel, Jörg Großschedl und Birgit Heyduck.

1. Hintergrund

Ein zentrales Ziel der Lehrerbildung ist die Entwicklung einer professionellen Handlungskompetenz, d. h. der Kompetenzen, die für die Gestaltung qualitativ hochwertigen Unterrichts erforderlich sind (Baumert & Kunter, 2006). Es wird davon ausgegangen, dass „professionelle Handlungskompetenz aus dem Zusammenspiel von […] spezifischem, erfahrungsgesättigten deklarativen und prozeduralen Wissen (Kompetenzen im engeren Sinne: Wissen und Können) entsteht“ (Baumert & Kunter, 2006, S. 481).

Studien mit angehenden Lehrkräften zeigen, dass diese in der zweiten Phase der Ausbildung Schwierigkeiten haben, ihr fachdidaktisches Wissen für die erfolgreiche Gestaltung von Unterricht zu nutzen (z. B. Vogelsang & Reinhold, 2013; Stender, Brückmann, & Neumann, 2014). Scheinbar mangelt es in der Lehrerbildung an Gelegenheiten für eine Verknüpfung des erworbenen Fachwissens und des fachdidaktischen Wissens mit entsprechenden Anwendungssituationen, so dass das Wissen theoretisch bleibt. Ein hoch vernetztes Wissen, das auf vielfältige Art und Weise organisiert und in unterschiedlichsten Anwendungssituationen abgerufen und eingesetzt werden kann, ist die Voraussetzung für Expertise (Bransford, Brown, & Cocking, 2000). Es reicht demnach eben nicht aus, angehenden Lehrkräften ein umfangreiches Faktenwissen zu vermitteln. Vielmehr muss das Wissen in den unterschiedlichen Bereichen so miteinander vernetzt und mit späteren Anwendungssituationen verknüpft sein, dass es im Kontext konkreter Unterrichtssituationen unmittelbar nutzbar wird (z. B. Borko, Roberts, & Shavelson, 2008; Van Driel & Berry, 2012).

2. Seminarkonzeption und Umsetzung

An dieser Vernetzung setzt das beschriebene Projekt „Forschend Lehren lernen“ an: Im Projekt soll die Lücke zwischen den eher theoretisch ausgerichteten Veranstaltungen im Bereich der universitären Ausbildung einerseits und den verschiedenen Handlungssituationen von Lehrkräften andererseits über die systematische Verknüpfung von (theoretisch-deklarativem) Wissen mit konkreten Anwendungssituationen geschlossen werden. Dazu wurde ein biologiedidaktisches Mastermodul so umgestaltet, dass die verschiedenen Ausbildungsanteile zusammengeführt werden. Die Umsetzung des Mastermoduls erfolgte in enger Kooperation mit der Kieler Forschungswerkstatt (KiFo)[1], ein 2012 an der CAU eröffnetes Schülerlabor, welches vier übergeordnete Ziele verfolgt: Vermittlung von Einblicken in die Wissenschaft, Interessen- und Talentförderung, Darstellung von Forschung und Entwicklung in der Öffentlichkeit sowie Weiterentwicklung einer for­schungsbasierten Lehrerbildung.

 

forschend lehren lernen-page-001

Das Poster zum Projekt

 

Übergeordnetes Ziel war es, das biologiedidaktische Modul so umzugestalten, dass Fähigkeiten zur Planung, praktischen Durchführung und Reflexion von Biologieunterricht sowie zur eigenständigen Entwicklung von Forschungsfragen, Durchführung und Auswertung von Erhebungen im Zusammenspiel erworben werden. Während die forschungsmethodische Ausbildung in der bisherigen Form des Mastermoduls nur rudimentär behandelt wurde, soll sie künftig einen Schwerpunkt bilden und die Studierenden befähigen, Ergebnisse der Bildungsforschung zu verstehen, zu bewerten und in ihrer Unterrichtsplanung zu berücksichtigen. Dies wird dadurch unterstützt, dass die Studierenden selbst die Rolle von Unterrichtsforschern/-innen einnehmen.

 

groß2

Besucherschulkassen werden von Studierenden unterrichtet und bei der praktischen Durchführung des Unterrichtsmoduls betreut.

 

Die Modul-Struktur

Das neukonzipierte Mastermodul (Seminar mit 4 SWS) wurde im Sommersemester 2014 erstmals durchgeführt und war wie folgt strukturiert:

(1) In einer Dozenten-gesteuerten Inputphase wurden die Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens (z. B. Aufstellung von Forschungsfragen und Untersuchungsplänen) behandelt und in Übungen vertieft (z. B. Datenanalyse mit SPSS). Zudem wurden fachwissenschaftliche und fachdidaktische Grundlagen vermittelt und angewendet (z. B. experimentelle Methoden und deren Durchführung mit Lernenden).

(2) In einer Studierenden-zentrierten Planungsphase bildeten sich arbeitsteilige Stammgruppen, die sich auf die Entwicklung von Unterrichtsmodulen zum Thema ‚Ernährung‘ (sog. Unterrichtsgruppen) und die Erforschung ihrer Lernwirksamkeit (sog. Forschungsgruppen) konzentrieren. Unterrichts- und Forschungsgruppen bildeten Tandems, die eigenständig Forschungsetats einwarben, einen wechselseitigen Informationsfluss mit gegenseitigem Feedback gewährleisteten und die Abstimmung der Arbeiten unterstützten.

(3) In einer Studierenden-zentrierten Praxisphase durchliefen Besucherschulklassen von Kieler Schulen die entwickelten Unterrichtsmodule in der Kieler Forschungswerkstatt und wurden dabei von den Studierenden systematisch angeleitet und beforscht (Abb. 1 und 2).

(4) In einer Studierenden-zentrierten Auswertungs- und Reflexionsphase wurden die erhobenen Daten von den Studierenden selbstständig ausgewertet und bewertet. Die Unterrichtsmodule, ihre Durchführung sowie Anlage, Durchführung und Ergebnisse der Forschungsprojekte wurden präsentiert und reflektiert. Der Lernprozess der Studierenden wurde dabei durch gezieltes Feedback der Dozierenden begleitet.

 

groß1

Studentisches Forschungsdesign und Zeitplan für die praktische Durchführung des studentischen Forschungsvorhabens in der Kieler Forschungswerkstatt.

Die praktische Umsetzung des neukonzipierten biologiedidaktischen Mastermoduls wurde mittels Portfolios systematisch evaluiert. Die Rückmeldungen der Studierenden erlauben den Schluss, dass eine Vernetzung theoretischer und praktischer Ausbildungsinhalte erfolgreich verlief und von den Studierenden gewünscht ist. Positiv aufgenommen wurden v. a. die praktische Erprobung des Unterrichtsmoduls an eingeladenen Schulklassen und die eigenständige Planung, Durchführung und Auswertung eines Forschungsvorhabens. Kritik betraf u. a. die computergestützte Organisation des Feedbacksystems, nicht jedoch die Einrichtung von Feedbackstrukturen selbst.

Dieses Vorhaben wurde mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung unter dem Förderkennzeichen 01PL12068 gefördert. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung liegt beim Autor.

3. Literatur

  • Baumert, J. & Kunter, M. (2006). Stichwort: Professionelle Kompetenz von Lehrkräften. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 9(4), 469–520.
  • Borko, H., Roberts, S. A., & Shavelson, R. (2008): Teachers’ decision making: from Alan J. Bishop to Today. In P. Clarkson & N. Presmeg (Eds.), Critical Issues in Mathematics Education: Major Contributions of Alan Bishop (pp. 37–67). Netherlands: Springer.
  • Bransford, J. D., Brown, A. L, & Cocking, R. R. (2000). How People Learn: Brain, Mind, Experience, and School. Washington, DC: National Academies Press.
  • Stender, A., Brückmann, M., & Neumann, K. (2014). Der Einfluss der professionellen Kompetenz auf die Qualität der Skripte. In S. Bernholt (Hrsg.), Gesellschaft für Didaktik der Chemie und Physik, Jahrestagung in München 2013. Kiel: IPN.
  • Van Driel, J.H., & Berry, A. (2012). Teacher Professional Development Focusing on Pedagogical Content Knowledge. Educational Researcher, 41, 26 – 28.
  • Vogelsang, C. & Reinhold, P. (2013). Die Rolle universitären Wissens für das Unterrichtshandeln. In S. Bernholt (Hrsg.), Inquiry-based Learning – Forschendes Lernen. Gesellschaft für Didaktik der Chemie und Physik, Jahrestagung in Hannover 2012 (S. 242 – 244). Kiel: IPN.

4. Link

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.