Drei Goldtaler für forschungsnahe Lehr- und Lernziele

Interview mit Dr. Cornelia Frank aus dem Projekt „Humboldt reloaded“

Forschungsnahes Lernen unterstützt Studierende dabei, sowohl fachliche als auch persönliche Kompetenzen auszubauen. Zudem wird ihm eine motivationssteigernde Wirkung nachgesagt. Entsprechend hoch sind die Erwartungen, die Lehrende mit dem Konzept verknüpfen. Doch wie gelingt es unter diesen Voraussetzungen, Lernziele realistisch abzustecken? Beim Tag der Lehre von PerLe – Projekt erfolgreiches Lehren und Lernen (8. Dezember) ist eine Hohenheimer Expertin zum Thema an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) zu Gast. Schon vorab gewährt Frau Dr. Cornelia Frank aus dem Projekt „Humboldt reloaded“ im Interview spannende Einblicke.

Frau Dr. Frank, seit 2016 sind Sie im Rahmen Ihrer Aufgaben im Projekt „Humboldt reloaded“ intensiv mit dem Thema „forschungsnahes Lehren und Lernen“ befasst. Können Sie sich noch an Ihre ersten Begegnungen mit diesem Lehr-/Lernkonzept erinnern?

Dr. Cornelia Frank: Ja! Meine erste forschungsnahe Lernerfahrung, die zugleich interdisziplinär war, ist für mich eine Schlüsselsituation meiner wissenschaftlichen und persönlichen Entwicklung, die bis heute meine Herangehensweise an das Themenfeld prägt: 1999 habe ich in der Arbeitsgemeinschaft für Kriegsursachenforschung an der Universität Hamburg an einem Projektseminar teilgenommen. Ziel war es, von den weltweit circa 50 inner- und zwischenstaatlichen Kriegen fundierte Analysen für das Jahrbuch „Das Kriegsgeschehen“ zu erstellen. Bis zur Veröffentlichung war es für uns Studierende ein weiter Weg! Mit einem Fall betraut – bei  mir war es der innerindische Naxaliten-Konflikt – durchliefen wir Studierende alle Etappen eines Forschungsprozesses, inklusive der Höhen und Tiefen.

Schon damals bin ich sensibilisiert worden für die affektiv-motivationale Dimension des forschungsnahen Lernens. Am eigenen Leibe erfahren zu haben, wie wichtig die Visualisierung von Zwischenergebnissen für das Vertrauen in sich selbst ist. Und welch enorme Bedeutung Haptik für forschungsnahes Lernen hat: Das „Kriegsgeschehen 2000“ in den Händen zu halten, war für mich nicht minder berührend wie die Dissertation ein Jahrzehnt später.

 

Welche Aspekte des Forschenden Lernens haben Sie so sehr begeistert, dass Sie sich heute beruflich mit dem Thema befassen?

Der Aspekt des Reifens liegt mir am meisten am Herzen. Und der Nexus zwischen fachlicher, überfachlicher und persönlicher Entwicklung. In meinen Augen ist jeder Forschungsprozess unweigerlich auch ein Selbsterforschungsprozess, sowohl für die Lehrenden als auch für die Studierenden. Und wie es so in der Natur dieser Prozesse liegt, beinhalten sie neben intendierten Ergebnissen und erwünschten Aspekten auch immer wieder nichtintendierte Ergebnisse und (erstmal) unerwünschte Aspekte. Letztere als Lern- und Reifungschance zu betrachten, das ist für mich persönlich der größte Gewinn beim Forschenden Lernen. Sicherlich auch beeinflusst durch meine eigene, oben geschilderte Erfahrung als Studentin.

Diesen Prozess bei den Lehrenden auf eine für sie subjektiv stimmige Art und Weise zu unterstützen, ist meine Motivation als Lehrcoach. Großen Respekt habe ich hierbei vor Lehrenden, die sich schon in ihrer Promotionsphase auf forschungsnahes Lehren einlassen, das ja per se durch eine größere Unwägbarkeit, Ambiguität und Ergebnisoffenheit gekennzeichnet ist. Sich selbst Zeit zu geben beim Hineinwachsen in diese neue Rolle wie auch den Studierenden Zeit zu geben, sich Schritt für Schritt mit forschenden Tätigkeiten vertraut zu machen, dazu möchte ich ermuntern.

Essentiell finde ich hierbei eine konstruktive Lehr- und Lernkultur. Also nichtintendierte Ergebnisse und (erstmal) unerwünschte Aspekte wie zum Beispiel Frustration, die ja insbesondere dem forschenden Lehren und Lernen inhärent sind, als Chance zu begreifen, sich weiterzuentwickeln – sei es als forschende Lehrpersönlichkeit, sei es als forschende Lernpersönlichkeit.

 

Wir freuen uns sehr, Sie und Ihre Kollegin Evelyn Reinmuth  am 8. Dezember beim Tag der Lehre von PerLe als Referentin an der Kieler Universität begrüßen zu dürfen! In Ihrem Workshop mit dem Titel „Forschungsnahe Lehr- und Lernziele“ werden Sie Lehrenden ein „Starterkit für forschungsnahe Lehreinsätze“ an die Hand geben. Können Sie das ein wenig konkretisieren?

Das Starterkit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer enthält drei Bausteine:

  1. die kompetenzorientierte Formulierung ihrer wichtigsten forschungsnahen Lernziele, die sie in ihrer nächsten forschungsnahen Lehreinheit verwirklichen möchten
  2. Anregungen für geeignete Mittel zur Verwirklichung dieser Lernziele
  3. eine Checkliste von Gelingensbedingungen für die Gestaltung ihrer nächsten forschungsnahen Lehreinheit

Um das Starterkit möglichst maßgeschneidert an den Bedürfnissen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer auszurichten, haben wir bei der „forschungsnahen Lehreinheit“ unterschiedliche Formate im Blick. Sie kann sich sowohl auf die Integration forschungsnaher Elemente in Vorlesungen oder Großgruppenseminare beziehen  als auch auf Projektseminare, in denen die Lehrenden die Studierenden dabei begleiten, den gesamten Forschungsprozess bei der Bearbeitung einer selbst gewählten Forschungsfrage zu durchlaufen. Auf diese Weise hoffen wir mit unserem Workshop, der zu erwartenden Heterogenität der teilnehmenden Lehrpersönlichkeiten gerecht zu werden.

 

Forschungsnahe Lehre birgt spannende Möglichkeiten für Studierende, sich neue Kompetenzen anzueignen. Entsprechend verknüpfen Lehrende oft hohe Erwartungen mit dem Konzept – doch  nicht alles lässt sich auch innerhalb eines einzigen Studiensemesters umsetzen. Wie gelingt es, das richtige Maß zu finden?

Darauf gibt es meines Erachtens keine allgemeingültige Antwort, sondern nur subjektiv stimmige Antworten, die unter anderem von der Ausprägung der jeweiligen Lehrpersönlichkeit und ihrer derzeitigen beruflichen Situation abhängen. Ich kann Ihnen gerne die drei Goldtaler aus meiner eigenen früheren Lehrtätigkeit nennen:

  1. Klare Prioritätensetzung bei den forschungsnahen Lernzielen. Ich habe in aller Regel die Fragestellungskompetenz auf Platz 1 gesetzt.
  2. Allmähliches Hineinwachsen in die Rolle als forschende Lehrpersönlichkeit. Also erstmal mit der Integration von ausgewählten forschenden Lerneinheiten, wie z.B. das Üben einer bestimmten Methode, in einer Lehrveranstaltung beginnen. Oder, alternativ, den gesamten Forschungsprozess erstmal in der forschungsbasierten, also Forschung verstehenden Variante, mit den Studierenden zu vollziehen.
  3. Gewahrsein, welch große Bedeutung affektiv-motivationale Faktoren für das Gelingen von forschungsnahen Lehr- und Lernprozessen haben. Und dies bei der Konzeption von forschungsnahen Lehreinheiten, der eigenen Selbstregulation wie auch der emotionalen Unterstützung von Studierenden mit zu bedenken.

 

Hätten Sie noch Link- und Literaturtipps für diejenigen in petto, die am 8. Dezember um 10.30 Uhr nicht an Ihrem Workshop teilnehmen können?

Ja! Sehr hilfreich, sowohl für die Konzeption als auch die Durchführung von forschungsnahen Lehrveranstaltungen, finde ich den „Leitfaden für Lehrende“ zu „Forschendes Lernen im Seminar“ von den Kolleginnen und Kollegen vom Bologna Lab der HU Berlin, nämlich Monika Sonntag, Julia Rueß, Carola Ebert, Kathrin Friederici und Wolfgang Deicke. Insbesondere die Material- und Methodensammlung ist großartig!

 

Am 8. Dezember 2017 haben Sie Gelegenheit, Frau Dr. Cornelia Frank persönlich kennenzulernen: Sie ist als Workshop-Referentin (Workshoptitel: Forschungsnahe Lehr- und Lernziele (10.30-12.00 Uhr) & Meine Lehrpersönlichkeit – Mit dem eigenen Lehrstil Herausforderungen in der Lehre meistern (12.30-14.00 Uhr)beim Tag der Lehre von PerLe an der CAU zu Gast.

Hier geht´s zu den Workshops & zur Anmeldung

 

Weiterführende Informationen

An der CAU berät Sie zum Thema Forschungsbasierte Lehre

Sabine Reisas
PerLe – Projekt erfolgreiches Lehren und Lernen
Telefon: +49 431 880-5941
Telefax: +49 431 880-5951
sreisas@uv.uni-kiel.de

 

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