Grammatikwerkstatt: Altgriechisch für Theolog_innen

Studierende erarbeiten systematische Sprachbeschreibung fürs Fach

Das Tutorium „Altgriechisch für Theolog_innen“ wird seit dem Wintersemester 17/18 in jedem Semester vom Neutestamentlichen Institut angeboten. Parallel zu ihren Altgriechisch-Kenntnissen trainieren die Studierenden dort, neutestamentliche Schriften zu übersetzen. Zusätzlich entwickeln sie in der Veranstaltung zurzeit eine eigene Grammatik, die sprachliche Phänomene im Altgriechischen aufgreift, welche speziell für Theologie-Studierende relevant und herausfordernd sind.

Text: Tabea Thalheim (Studentin)

Die meisten Grammatiken sind für klassisches Altgriechisch entworfen. Doch die Schriften des Neuen Testaments sind in Koinegriechisch verfasst, einer Art Dialekt des Altgriechischen. Standard-Grammatiken behandeln die Abweichungen des Koinegriechischen vom Altgriechischen allerdings kaum.

„Erst wenn man sich mal genauer mit den klassischen Schulgrammatiken beschäftigt, fällt einem auf, wie ungeeignet sie für unseren Gebrauch sind. Sie sind entweder zu kurz oder zu unübersichtlich und gehen auf neutestamentliche Probleme fast nie ein“,

fasst eine Teilnehmerin den Problemstand zusammen. Zudem steht im Sprachkurs des Instituts für Klassische Altertumskunde der Spracherwerb im Vordergrund, sodass dort häufig die Zeit fehlt, um die Studierenden in der Reflexion bestimmter inhaltlich und theologisch relevanter Phänomene zu schulen. Diese Fähigkeit soll daher im Tutorium ausgebaut und in der dort entstehenden Grammatik aufgegriffen werden.

Zu diesem Zweck besprechen die Teilnehmenden in jeder Sitzung ein bestimmtes grammatisches Phänomen. Anschließend übersetzen sie Texte aus dem Neuen Testament, in denen das besprochene Grammatik-Thema gehäuft vorkommt. Der Fokus liegt also nicht nur auf der korrekten Übersetzung, die Tutorin sensibilisiert die Studierenden auch für die Relevanz grammatischer Aspekte für theologischen Aussagen der Texte. Anschließend diskutieren die Teilnehmenden im Plenum, welche Aspekte des Sitzungs-Themas Eingang in die neue Grammatik finden sollten, die sie gemeinsam erarbeiten. Die regelmäßigen Diskussionen verdeutlichen, wo die Herausforderungen für die Studierenden liegen; diese Problemeweichen nicht selten von den Schwerpunkten der klassischen Schulgrammatiken ab.

Abwechselnd verfasst nach den Sitzungen je ein_e Student_in pro Thema zu Hause einen Grammatikeintrag. Dieser wird in der darauffolgenden Woche nochmals im Plenum besprochen, gegebenenfalls korrigiert und ergänzt. So ist zwar je ein_e Student_in für ein Grammatik-Thema hauptverantwortlich, wird aber vom gesamten Tutorium unterstützt, sodass die Bedürfnisse aller Studierender miteinbezogen werden. Das aktive Formulieren des Erlernten trägt dazu bei, dass die Studierenden die Themen nachhaltig verinnerlichen und zugleich ihr Bewusstsein für sprachliche Herausforderungen schulen. Die gemeinsamen Diskussionen trainieren zudem die Reflexions- und Sprachfähigkeit der Teilnehmenden bezüglich des Grammatik-Vokabulars und theologisch relevanter Phänomene.

Die Teilnehmenden berichten, dass das gemeinschaftliche Endprodukt, die Altgriechisch-Grammatik für Theologie-Studierende, nicht nur ein Motivationsfaktor für sie sei, sondern dass beim Schreiben der Grammatik-Einträge auch ein anderes Bewusstsein fürs Thema  entstehe.

„Das Tutorium hilft total dabei, im Übersetzen des Neuen Testaments drin zu bleiben. Jede Woche übersetzt man zusammen, wird korrigiert und wichtige grammatikalische Phänomene können nochmal wiederholt werden. Das ist einfach eine tolle Möglichkeit, gemeinsam am Übersetzen Spaß zu bekommen. Mein Verständnis der Grammatik hat sich sehr verbessert.“,

erzählt eine Teilnehmerin.

Dadurch, dass die Studierenden die Einträge selbst erstellen, werden die Grammatikthemen nicht wie sonst oft nur passiv konsumiert, sondern tatsächlich aktiv erlernt. So bleiben die Formen und Strukturen länger im Gedächtnis verhaftet. Insgesamt nehmen die Studierenden das Tutorium gut an und es zeichnen sich Fortschritte im Umgang der altgriechischen Grammatik – auch in Bezug auf theologische Fragestellungen – ab.

„Die Atmosphäre im Kurs ist super, man hat keine Angst Fehler zu machen und beim Übersetzen fällt einem vieles, was man schon gelernt hat, wieder ein und man kann das gut ausbauen und nochmals vertiefen“,

berichtet eine weitere Teilnehmerin des Tutoriums.

Die Teilnehmenden haben im Laufe des Semsters gute Grammatikeinträge verfasst und sich aktiv in die Diskussion eingebracht. Es hat sich jedoch gezeigt, dass es wichtig ist, gleich zu Beginn des Tutoriums das Ziel und den Sinn der neuen Grammatik genau zu erläutern. Die Teilnehmenden hatten zunächst das Gefühl, dass ihre Aufgabe lediglich darin bestünde, Relevantes aus bestehenden Grammatiken herauszuschreiben. Nach anfänglichen Schwierigkeiten wurde die Zielsetzung erneut besprochen und verdeutlicht, dass die Studierenden in ihren Grammatik-Einträgen eigene Schwerpunkte in Bezug auf inhaltliche und theologische Fragestellungen setzen sollen. Im nächsten Durchlauf im Sommersemester 2019 ist zu Beginn des Tutoriums deshalb noch mehr Zeit dafür eingeplant, die Aufgabenstellung und die Relevanz der Aufgabe gemeinsam mit den Teilnehmenden zu erarbeiten. Zudem wünschten sich die Teilnehmenden des Tutoriums im Wintersemester 2018/19, zusätzlich zu der Grammatik auch ein Wörterbuch anzulegen, das speziell häufig gebrauchtes neutestamentliches Vokabular umfasst.

Im kommenden Sommersemester wird das Projekt fortgeführt und die Grammatik im besten Fall zu Ende gestellt. Wenn das Tutorium weiterhin gut angenommen wird, soll es fester Bestandteil des neutestamentlichen Angebots werden, da es den Theologiestudierenden wichtige Grundlagen für die exegetische Arbeit vermittelt.

Dieses Vorhaben wurde durch den PerLe-Fonds für Lehrinnovation gefördert.

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