Hochschullehre lernen – ein Tabuthema?

Kollegiale Hospitation: Ein Beispiel aus der Kunstdidaktik

Die ersten Lehrerfahrungen an der Uni sind ein Sprung ins kalte Wasser: Viele Nachwuchsdozentinnen und -Dozenten bringen zwar die wissenschaftliche Qualifikation mit, jedoch kaum (fach-)didaktische Kenntnisse. Kollegiale Hospitation kann Nachwuchslehrenden den Stress nehmen.

Text: Friederike Rückert & Eva-Maria Sahle

Wer an einer Schule unterrichten möchte, muss ein Referendariat absolvieren – wer jedoch an einer Hochschule unterrichten möchte, kann dies auch ohne vorherige Aus- oder Weiterbildung im pädagogischen oder didaktischen Bereich tun. Allein die wissenschaftliche Qualifikation ist ausreichend. Diesen Eindruck bekommt man zumindest, wenn man sich vor Augen führt, dass viele Qualifikationsstellen an deutschen Hochschulen mit zwei Semesterwochenstunden Lehre versehen sind. Für diese müssen viele Nachwuchslehrende einfach „ins kalte Wasser“ springen. Wir haben uns überlegt, dass der dadurch entstehende Stress vermeidbar wäre, wenn eine Hospitation bei erfahrenen Hochschullehrenden der eigenen Lehre vorausgeht. Am Beispiel eines kunstdidaktischen Seminars im Master of Education stellen wir vor, wie wir dem Problem der fehlenden Lehrerfahrung in der Hochschullehre begegnet sind.

In dem ausgewählten Seminar ging es um die theoretische Fundierung, Gestaltung und Reflexion fachlicher Lehr- und Lernprozesse im Kunstunterricht unter dem Oberbegriff „Bildkompetenz“. Bei dieser Lehrveranstaltung handelt es sich prinzipiell um ein etabliertes Format, in dem die Dimensionen von Bildkompetenz erörtert und aspektorientiert vertieft werden. Wichtige Bezugspunkte hierfür sind die Ausgangslage der Kinder und Jugendlichen (zum Beispiel Theorien zu bildnerischer Entwicklung und Motivation aber auch Bildmedien im Alltag von Kindern und Jugendlichen), die Reflexion disziplinübergreifender Aspekte (wie beispielsweise die Alltagsästhetik) oder auch die Rezeptionsorientierung durch adressatenbezogene Kommunikations- und Vermittlungstechniken (beispielsweise die Erarbeitung subjektorientierter und assoziativer Bildzugänge).

Klarheit über den Wissenszuwachs gewinnen

Neu in diesem Semester war die Überarbeitung der Inhalte der einzelnen Sitzungen im Hinblick auf ein stimmiges Constructive Alignment der Gesamtveranstaltung. Da das Schreiben einer ca. zwanzig Seiten umfassenden Hausarbeit als Prüfungsleistung für das Seminar in Fachprüfungsordnung und Modulhandbuch festgeschrieben ist, wurden in diesem Semester erstmalig Übungen zur Themenfindung, Entwicklung einer Fragestellung und zum Schreiben der Hausarbeit in das Seminar integriert.[1] Zudem standen Transparenz zum Aufbau des Seminars und Sinn und Zweck der Übungseinheiten an erster Stelle. So wurde gemeinsam mit der Doktorandin das Constructive Alignment der Veranstaltung im Vorfeld überprüft und die Studierenden wurden zu Beginn des Seminars darüber in Kenntnis gesetzt, wie der Seminarinhalt, die einzelnen Themen und Methoden aufeinander abgestimmt wurden und die Prüfungsleistung Stück für Stück erreicht werden sollte.

Der Doktorandin wurde zudem genau dargelegt, welche Lernziele die Gesamtveranstaltung verfolgte und wie der im Modulhandbuch festgeschriebene Kompetenzerwerb konkret in einzelnen Sitzungen mit den jeweiligen Lehrinhalten verbunden werden sollte. Hierbei wurden die festgeschriebenen Kompetenzen in Taxonomiestufen eingeteilt, um so mehr Klarheit über den zunehmenden Wissenserwerb und die Komplexität des Kompetenzerwerbs zu bekommen. Festgelegt wurde zu diesem Zeitpunkt auch, dass die Studierenden zu Beginn des Seminars jeweils zusätzlich individuelle Lernziele formulieren sollten (beispielsweise: „Ich möchte in diesem Seminar sicher mit Fachterminologie umgehen können.“ Oder „Meine Präsentationstechnik soll verbessert werden.“).

Beobachten durch die Hospitations-Raster-Brille

Im zweiten Schritt wurden mit der Doktorandin die Lehr-, Lern- und Feedbackmethoden diskutiert, die in den jeweiligen Sitzungen eingesetzt wurden. Die Doktorandin bekam zu jeder Sitzung einen kompetenzorientierten Stundenverlauf vorgelegt. Nach jeder Sitzung tauschten Dozentin und Doktorandin sich über das Gelingen und das jeweilige Verbesserungspotenzial der Sitzung aus.

Mit Unterstützung der „Wissenschaftlichen Weiterbildung“ der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel wurden zwei Sitzungen vertiefend beleuchtet und ausgewertet. Hierfür trafen sich Dozentin und Doktorandin im Vorfeld mit Katharina Abermeth von der Wissenschaftlichen Weiterbildung und informierten sich über eine mögliche Struktur für diese vertiefende Hospitation der ausgewählten Seminartermine. Festgelegt wurde, dass die reguläre Dozentin die erste vertiefend beleuchtete Sitzung umsetzen würde, die Doktorandin einige Wochen später dann die zweite Sitzung übernehmen würde. Im Vorfeld fertigte jede der Lehrenden jeweils eine ausführliche, kompetenzorientierte Beschreibung der Sitzung an, erstellte ein Stundenraster und sandte es der Kollegin zu. Während der Sitzung beobachtete die jeweils Nicht-Lehrende das Geschehen mithilfe eines Hospitations-Rasters mit den vorgegebenen Beobachtungsschwerpunkten

  1. Einstieg
  2. Struktur der Sitzung
  3. Interaktion mit Studierenden
  4. Vortragsweise
  5. Methoden/Medieneinsatz
  6. Abschluss
  7. Gesamteindruck.

Zusätzlich formulierte die jeweils Lehrende noch einen weiteren, individuellen Beobachtungsschwerpunkt. Im Anschluss an die Sitzung gab zunächst die Lehrende eine Selbsteinschätzung ab, in der sie offenlegte, wie sie die Sitzung selbst einschätzte, was sie für gelungen oder nicht gelungen hielt und an welchen Stellen sie Schwerpunkte im Feedbackgespräch legen wollte. Erst dann wurden die von der Kollegin beobachteten Punkte einzeln besprochen. Im Anschluss an die gesamte Veranstaltung trafen sich die Beteiligten erneut zu einem ausführlichen Gespräch mit der Mitarbeiterin der „Wissenschaftlichen Weiterbildung“, um die Hospitation in der gesamten Lehrveranstaltung und die beiden ausgewählten Sitzungen vertiefend zu besprechen. Auch die Sprechstunde wurde für die Doktorandin geöffnet. Hier wurden Fragen zur Hausarbeit mit den jeweiligen Studierenden im Team diskutiert und Kriterien für das Gelingen einer Hausarbeit der Doktorandin wie den Studierenden transparent gemacht.

Vieles überarbeitet und verbessert

Unser Fazit: Für beide, sowohl die reguläre Dozentin des Seminars, als auch die Doktorandin war die Hospitation eine Bereicherung innerhalb der Lehre. Für die Dozentin war es höchst gewinnbringend, nicht nur die Rückmeldungen der Studierenden am Ende des Semesters zu bekommen, sondern eine weitere fachliche und damit differenziertere Expertise zu jeder Sitzung zu erhalten. Das Seminar wurde hierdurch an vielen Stellen überarbeitet und verbessert.

Für die Doktorandin stellte die Hospitation einen äußerst gewinnbringenden Einblick in die universitäre Lehre dar. Die Möglichkeit jenseits der Studierendenrolle Hochschullehre hospitierend zu analysieren und kritieriengeleitet auszuwerten birgt die Chance für die eigene zukünftige Lehre Weichen zu stellen und um Hürden wie beispielsweise einen passgenauen Adressatenbezug, Logik und Stringenz im Aufbau eines Seminars, Methodenvielfalt oder eine Deckungsgleichheit von Inhalt und Methode sowie eine produktive Frage- und Feedbackkultur von vornherein besser überwinden zu können. Den regen wöchentlichen Austausch über Fachthemen, Methoden und Vermittlungsstrategien haben die Beteiligte mit großer Freude begangen. Für die nötige Ausbildung des professionellen Selbstverständnisses eines Hochschullehrenden kann die eine kollegiale Hospitation ein wertvoller Baustein sein, der das Fehlen eines Pendants zum Referendariat im Hochschulkontext zumindest teilweise ersetzen kann.

[1] Da die Studierenden des Faches Kunst in Kiel im Bachelorstudium in Kiel keine kunstdidaktische Hausarbeit schreiben – sondern nur kunstwissenschaftliche Arbeiten oder Arbeiten im Zweitfach bzw. in der Pädagogik – stellt dies für sie im Masterstudium noch eine Herausforderung dar.

2 Gedanken zu „Hochschullehre lernen – ein Tabuthema?

  1. Sehr spannendes Projekt! Vielen Dank für die Beschreibung. Mich würde noch interessieren, ob die Doktorandin parallel schon in die Lehre eingebunden ist (in einer anderen Veranstaltung). Wird ihre Lehrverpflichtung irgendwie kompensiert? Und wie wird das eventuell finanziert. Wirklich nacharmenswertes Projekt! Daher meine Nachfragen. Und toll, dass die Dozentin ihre Lehre im Sinne des Constructive Alignment so toll vor- und aufbereitet hat. Wäre schön viele so gute Vorbilder zu haben 🙂

    1. Vielen Dank für die Rückmeldung! Und – nein, die Doktorandin lehrt noch nicht selbst an der Hochschule. In ihrer Stelle ist die Lehre zwar vorgesehen, aber nicht von Anfang an verpflichtend. Finanzielle Unterstützung haben wir nicht benötigt…

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