Interaktionskompetenz im Fremdsprachenunterricht

Eine neue Perspektive für die LehrerInnenausbildung im Fach Spanisch

Spanisch als Sprache der Interaktion zwischen SchülerInnen und Lehrkräften findet in der universitären Spanisch-Lehramtsausbildung kaum einen Platz. Ein Pilotprojekt in der Romanistik versucht, diese Lücke jetzt zu schließen. Projektinitiatorin Isabel Murillo Wilstermann berichtet von ihren Erfahrungen beim ersten Durchlauf der Lehrveranstaltung.

Text: Isabel Murillo Wilstermann (Projektinitiatorin)

 

„Given its complexity and centrality to teaching and learning, it is fair to say that any endeavour to improve teaching and learning should begin by looking at classroom interaction. (Walsh, 2011, p.2)

 

Im Spanischunterricht befinden wir Spanischlehrkräfte uns in einer besonderen Situation, denn die Sprache, die wir vermitteln, ist sowohl Unterrichtsmittel als auch Unterrichtsziel. Aufgrund dieser doppelten Funktion ist es besonders empfehlenswert, dass die Kommunikationssprache des Unterrichts eben diese Zielsprache ist. Der Gebrauch der Fremdsprache ist in diesem Kontext eine Herausforderung und eine Chance, um deren Erlernen zu fördern. Diese Sichtweise schließt die Muttersprache aus dem Fremdsprachenunterricht nicht aus. Es geht vielmehr darum, Interaktionskompetenzen zu entwickeln, die das Erlernen der Zielsprache begünstigen.

Spanisch als Sprache der Interaktion zwischen SchülerInnen und Lehrkräften findet in der universitären Spanisch-Lehramtsausbildung kaum einen Platz. Wo ist also der Raum für die zukünftigen Lehrkräfte, in dem sie sich für die Unterrichtsinteraktion und die daraus resultierenden Strategien zur Förderung des Spracherwerbs sensibilisieren können? Der Kurs Interaktionskompetenz im Fremdsprachenunterricht liefert eine mögliche Antwort auf diese bildungsrelevante Notwendigkeit, indem er sich auf die (mündliche) Formulierung von Arbeitsaufträgen fokussiert. Dieses Unterrichtssegment wurde ausgewählt, weil es eine authentische Kommunikationsübung darstellt, die sich positiv auf das Erlernen der Sprache auswirkt. Diese hochkomplexen und häufig auftretenden Unterrichtssegmente können mithilfe konversationsanalytischer Methoden genau erörtert werden. Außerdem dient uns das Konzept der Interaktionskompetenz im Unterricht (Walsh, 2006) als Hilfsmittel zur Analyse der Arbeitsaufträge.

 

 

 

Ein horizonterweiternder Sprachpraxiskurs – oder ein Fachdidaktikseminar im Bereich Unterrichtsinteraktion?

Der Leitfaden des Romanistikstudiums beschreibt fünf Säulen der Spanisch-Lehrkräfteausbildung: die Sprachpraxis, die Fachwissenschaften Sprachwissenschaft und Literaturwissenschaft, die Kultur- und Landeswissenschaft und die Fachdidaktik. Das Lehrkonzept des Seminars Interaktionskompetenz im Fremdsprachenunterricht beinhaltet die Kombination von Sprachpraxiselementen und angewandten Linguistik- und Didaktikelementen. Es wurde in den folgenden Teilbereichen gearbeitet:

 

Sowohl die Entwicklung des Lehrkonzepts als auch dessen Realisierung standen vor verschiedenen Herausforderungen. Einige davon waren struktureller Natur – schließlich handelt es sich um ein fachdidaktisches Hauptseminar mit theoretischem Charakter und Sprachpraxiselementen. Das Augenmerk lag hierbei darauf, die Zielsprache in einem spezifischen Kontext zu nutzen und zu erlernen. Die Studierenden sollten die Lektüre für die wöchentlichen Sitzungen vorbereiten, um sie während des Seminars zu diskutieren. Da viele Quellen jedoch auf Englisch verfasst sind, bereitete ich als Hilfestellung Aufgabenblätter auf Spanisch vor, die den zu diskutierenden Inhalt in der Zielsprache wiedergaben, um den MCER-Rahmen (Gemeinsame europäische Referenzrahmen für Sprachen) zu erfüllen. Spanisch war während des Kurses Unterrichtssprache und obwohl einige Studierende anmerkten, dass es schwierig sei, zwischen drei Sprachen zu navigieren, hoben sie hervor, dass es sinnvoll gewesen sei, den Kurs in der Sprache ihres zukünftigen Arbeitskontexts abzuhalten.

 

„Die Übungen, die am meisten zum Erkenntnisgewinn über meine Zukunft als Lehrperson beigetragen haben, sind die Analysen der Transkriptionen. Denn diese Analysen zeigten, was nicht funktioniert hat und warum es nicht funktioniert hat.“ (Kursevaluation eines Teilnehmers)

 

Um den praktischen Inhalt des Kurses zu betonen, schloss ich die Analyse von Filmsegmenten aus dem Spanischunterricht in verschiedenen Ländern mit ein. Dieses audiovisuelle Material erlaubt es den zukünftigen Lehrkräften, Interaktionsfragmente durch eine Lupe zu betrachten und zu analysieren, um linguistische und paralinguistische Mittel und Strategien der Interaktionskompetenz zu identifizieren. Eine weitere Maßnahme, die den Praxisanteil des Seminars erweiterte, stellte die Reflexion dar: Die Studierenden erarbeiteten und formulierten Zusammenhänge zwischen den Inhalten des Kurses und ihrer zukünftigen Lehrtätigkeit.

Welche Rolle soll das e-Portfolio im Kurs spielen?

Begleitend zum Seminar erstellten die Studierenden e-Portfolios. Sie vervollständigten die Portfolios im Verlauf des Kurses stetig und dokumentierten dadurch die Arbeit im Seminar. Zugleich diente das e-Portfolio der Reflexion der Kursergebnisse und stellte die Benotungsgrundlage am Ende des Kurses dar. Das e-Portfolio enthielt folgende Kapitel:

 

  1. Persönliche Vorstellung des/der Studierenden
  2. Erwartungen an den Kurs
  3. Zusammenhänge des Kurses mit dem Lehrberuf
  4. Arbeitsblätter zu jeder Seminarsitzung
  5. Zwei Analysen von Aufgabenstellungen anhand der im Kurs erarbeiteten Methodik
  6. Finale Reflexion über den Inhalt des Kurses.

 

Als Dozentin des Kurses habe ich mich dafür entschieden, e-Portfolios einzubinden, weil diese eine kursbegleitende Dokumentation des Lernerwerbs ermöglichen. Aufgrund des elektronischen Charakters bieten sie außerdem die Möglichkeit, den Wissenserwerb im Audio- und/oder Videoformat zu dokumentieren. Elektronische Portfolios lassen sich in die Website des Kurses einbetten, was den Kurs insgesamt abrundet und den zukünftigen Lehrkräften die Möglichkeit bietet, die Arbeit der Mitstudierenden wertzuschätzen. Die neueste Version des Kurses beinhaltete Etappenziele, zu denen bestimmte Teilbereiche des Portfolios abgearbeitet werden sollten – als Motivation dafür, das Portfolio auch kursbegleitend zu nutzen.

 

 

Die Erstellung der e-Portfolios brachte jedoch einige Schwierigkeiten mit sich. Im Verlauf des Kurses bemerkte ich, dass die Studierenden mit den Aufgaben nicht auf dem erwarteten Stand waren und dass die Fristen, die genau das eigentlich vermeiden sollten, nicht einhielten. Sie nahmen die Hilfe der Tutorin in Bezug auf den technischen Bereich an, aber das Vervollständigen der Website nahm mehr Zeit in Anspruch, als vorher abzusehen war. Hinzu kam, dass technische Schwierigkeiten leichter durch persönliche Kommunikation hätten geklärt werden können als über e-Mails. Um dieser Problematik auf den Grund zu gehen und um ein ausführliches Feedback von den Studierenden zu erhalten, erstellten die Tutorin und ich einen Fragebogen. Ergänzend zu den dadurch gewonnenen Informationen habe ich Interviews mit der Tutorin und drei Studierenden geführt.

 

„Das e-Portfolio war kein Hindernis, aber ich denke, dass die Studierenden einfach zu wenig Interesse daran hatten, mit dem e-Portfolio zu arbeiten. Irgendwann verging ihnen völlig die Lust und sie sagten sich: ‚Das mache ich später, das mache ich später…‘“ (Auszug aus dem Interview mit der Tutorin)

 

Durch die Analyse der Interviews und die Auswertung des Fragebogens konnten folgende Schlussfolgerungen über die Verwendung des Portfolios gezogen werden:

  1. Auch wenn die Mehrheit der Studierenden das e-Portfolio als ein Novum in ihrer Ausbildung wahrnahm, erschien es den Wenigsten als relevantes Hilfsmittel für die LehrerInnenausbildung. Die Hälfte der Studierenden bevorzugt eher eine klassische Hausarbeit.
  2. Die semesterbegleitende und prozessorientierte Arbeit am e-Portfolio kollidiert mit der Gewohnheit der Studierenden, eine einmalige Leistung am Ende des Semesters erbringen zu müssen. Des Weiteren lösten die Etappenziele, und vor allem das Nichterfüllen selbiger, Unsicherheit bei den TeilnehmerInnen aus.
  3. Die Erstellung des e-Portfolios war für die Studierenden von mittlerem Schwierigkeitsgrad. Die Mehrheit forderte keine zusätzlichen Tutorien und einige schlugen eine Einführung in Form eines Kompaktkurses zu Semesterbeginn vor. Die Schwierigkeit der Erstellung der Website stellte also kein Hindernis, wohl aber eine zusätzliche Arbeit dar. Wenn diese zusätzliche Last außerdem als wenig relevant bewertet wird, ist es dringend notwendig, die Arbeit mit diesem Hilfsmittel neu zu konzipieren.

 

 

Bezüglich des Kursinhalts zeigen sowohl die Interviews als auch die Auswertung des Fragebogens, dass die Interaktionskompetenz im Klassenraum und die Aufgabenstellung als sehr wichtig empfunden werden. Die Studierenden schätzen am meisten die Transkriptionsanalysen, die Arbeit mit den Videos und die Formulierung der Zusammenhänge zwischen Kursthema und zukünftigem Lehrberuf. Den Input des Seminars kann man zusammenfassend als Sensibilisierung für ein im Ausbildungskontext noch nicht behandeltes Thema beschreiben. Diese positiv bewerteten Aspekte müssen aufgegriffen und weiter ausgebaut werden. Deshalb wird der nächste Kurs neben den Arbeitsanweisungen auch die Betrachtung von Grammatikerklärungen miteinschließen. Die Einbeziehung des e-Portfolios und seine genaue Rolle betrachte ich als Puzzle, das es anhand von Fachliteratur und durch den Austausch mit erfahrenen Dozierenden zusammenzusetzen gilt.

 

 

Ich möchte mich bei der Tutorin meiner Studierenden, Julia Gocks, für ihre wertvolle Mitarbeit an diesem Blogbeitrag und unseren bereichernden zweisprachigen Austausch herzlich bedanken!

Weiterführende Informationen

  • Am Tag der Lehre 2017 hat Isabel Murillo Wilstermann ihr Lehrprojekt an einem Messestand präsentiert. Hier die zugehörige Illustration: Poster Methodenmesse (PDF)
  • Auf der spanischsprachigen Tagung UNIPRO (Congreso Internacional UniPro. Enseñanza de español como lengua extranjera en contextos universitarios y profesionales) an der Hochschule für Angewandte Sprachen in München hat Frau Murillo Wilstermann ihr Lehrvorhaben ebenfalls vorgestellt. Ein PDF ihrer Präsentation ist hier abrufbar: Tagung UNIPRO (PDF).

 

Dieses Projekt wurde durch den PerLe-Fonds für Lehrinnovation gefördert.

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