Internationalisierung durch Digitalisierung

Erasmus+ Projekt „Antike Stadt“

Flexibilität und Internationalisierung der Lehre dank digitaler Lösungen? Was in der Theorie gut klingt, birgt eine Vielzahl praktischer Klippen, die in Pilotvorhaben erst einmal eruiert und umschifft werden müssen. Ein aktuelles Erasmus+ Projekt in der Klassischen Archäologie beweist den nötigen Pioniergeist: Gemeinsam mit Professorinnen und Professoren fünf weiterer europäischer Universitäten entwickelt der Kieler Professor Stefan Feuser zurzeit das mehrsprachige Online-Modul „Antike Stadt“ („Ancient Cities“). Im Interview berichtet Stefan Feuser von seinen bisherigen Erfahrungen.

 Text & Interview: Ramona Dabringer (Studentin/PerLe)

 

Im Frühjahr hat eine Winterschool in Paris stattgefunden. Dort entwarfen 24 Studierende – fünf davon aus Kiel – selbst Module für den neuen MOOC.

 

Jeder ist ständig online, an der digitalen Welt führt kein Weg mehr vorbei. Nicht nur im privaten Raum, auch in der Lehre ist in diesem Rahmen inzwischen einiges passiert. Die Digitalisierung der Lehre bringt natürlich einige Probleme mit sich, aber auch viele positive Aspekte und Vorteile gegenüber herkömmlicher Lehre. So zum Beispiel eine Internationalisierung von Lehre, die durch die digitale Welt vereinfacht und teilweise überhaupt erst möglich gemacht werden kann. Die Verbindung zwischen Universitäten, Lehrenden und Lernenden, die somit geschaffen wird, ist unheimlich produktiv und findet großen Anklang. Einfacher und schneller Austausch, Kontaktherstellung, multimediale Wissensvermittlung – nur ein paar Stichpunkte, die digitale Lehrmethoden mit sich bringen.

Die Chancen, die sich ergeben, sind also nicht nur von weltweit operierenden Unternehmen für sich entdeckt worden, auch an der Universität ist die Idee von einem vereinfachten Miteinander dank Digitalisierung angekommen. „Die Digitalisierung [trägt] dazu bei, bestehende Herausforderungen wie eine wachsende und zunehmend vielfältigere Studierendenschaft zu bewältigen. Digitale Lehrangebote ermöglichen flexible Studienzeiten, berücksichtigen den individuellen Lernprozess und können die Studierendenmobilität fördern“, stellt auch die Hochschulrektorenkonferenz in einer Pressemitteilung fest.

In der Theorie klingt das alles schön, doch die Umsetzung ist nicht ganz so leicht. Ein Projekt an der Christian-Albrechts-Universität Kiel hat es dennoch gewagt, sich den Hindernissen zu stellen und für Studierende, Lehrende und Interessierte von anderen Einrichtungen das Modul „Antike Stadt“ (Erasmus+) im Fach Klassische Archäologie entwickelt. Was es damit auf sich hat, welche Idee dahinter steckt und welche Probleme das Projekt mit sich bringt, erklärt Prof. Dr. Stefan Feuser vom Institut für Klassische Altertumskunde (Abteilung Klassische Archäologie) in Kiel im Interview. Er hat sich gemeinsam mit weiteren Professorinnen und Professoren aus Europa Gedanken gemacht, wie eine konkrete Durchführung digitalen Austauschs an der Universität aussehen kann.

 


Ganz grundsätzlich: Was steckt hinter dem Projekt „Strategische Partnerschaft – Antike Stadt“?

Prof. Dr. Feuser: Strategische Partnerschaft bedeutet in diesem Fall, dass sich sechs europäische Universitäten für ein Projekt begeistern und sich zusammenschließen. Kiel ist eine dieser sechs Universitäten, mit dabei sind außerdem noch die Aarhus Universitet, die Universitetet i Bergen, die University of Birmingham und die Université Paris I Pantheon-Sorbonne sowie die Open Universiteit Nederland.

Digitalisierung wird im Rahmen der Hochschule immer wichtiger. Studierende kleinerer Fächer haben es schwer, den Ratschlägen nachzukommen, wenn es um Auslandsstudium, Studienortwechsel oder Auslandspraktika geht, weil sich noch nicht genügend Möglichkeiten bieten oder die eigenen finanziellen Möglichkeiten eingeschränkt sind. Das Projekt „Antike Stadt“ will den Studierenden diese Möglichkeiten trotzdem geben, indem es für internationalen Austausch auf digitaler Basis sorgt. Das Ziel des Projekts ist es, für ein kleines Fach der Geisteswissenschaften die Digitalisierung im Rahmen eines Projektes auszuprobieren. Es soll einen für alle zugänglichen MOOC (Massive Open Online Course) und ein Onlineseminar geben, an dem die Studierenden der kooperierenden Universitäten teilnehmen können.

So sind Onlinekurse bei Professoren der anderen Universitäten geplant, bei denen alle Studierenden in einem virtuellen Raum gemeinsam lernen. Als Abschlussarbeit gibt es wie auch in herkömmlichen Seminaren Seminararbeiten oder Gemeinschaftsprojekte.

 

Wie kam es zu der Idee?

Prof. Dr. Feuser: Die Idee der sogenannten MOOCs stammt aus Amerika, wo sie seit 2010 eingesetzt werden. Die Lehre soll damit von den universitären Stätten gelöst und für alle Interessierten frei zugänglich gemacht werden. Natürlich klingt die Theorie einfacher als die Praxis.

Das Projekt hat sich das Prinzip der MOOCs als Vorbild genommen und will die Lehre für eine breite Bevölkerungsschicht zugänglich machen. Das bedeutet, sowohl für Studierende des Fachs, als auch für fachfremde Interessenten an Kunst, Archäologie oder Geschichte, Lehrer, Teilnehmer und Angestellte von Volkshochschulen, aber auch Akteure aus dem Tourismus – oder Kulturmanagementbereich. Lehre eben, die für alle da ist!

 

Was ist das Thema des Projekts „Antike Stadt“?

Prof. Dr. Feuser: Wir befassen uns mit der Antike Stadt als wichtigem Teil des Kulturerbes. Dabei stellen sich Fragen: Wie haben antike Städte funktioniert? Wie hat der Mensch, der dort lebte, seine Umgebung gestaltet? Heiligtümer, Wohnviertel, öffentliche Plätze, welche Funktionen hatten sie jeweils? Was waren Probleme und wie wurden sie gelöst?
Viele europäische Großstädte haben ihre Wurzeln in der Antike, was sich noch im heutigen Stadtplan ablesen lässt. So gibt es nicht nur antike Vorläufer was die Architektur angeht, sondern auch das kulturelle Erbe einer Stadt. All diese Aspekte werden im Projekt behandelt.

 

Wie haben sich die Kieler Studierenden bislang im Projekt eingebracht?

Prof. Dr. Feuser: Wir hatten in diesem Frühjahr eine Winterschule, die in Paris stattgefunden hat. Dort haben 24 Studierende – fünf davon aus Kiel – selbst Module für den MOOC entworfen. Dabei stand im Vordergrund, welche Informationen vermittelt werden sollen und welche Lehrmaterialien verwendet werden. Außerdem suchten die Studierenden weiterführende Literatur für unterschiedliche Lernniveaus und entwickelten Ideen für Aufgaben. Im Nachhinein sollten die Studierenden dann selbst den MOOC und dessen Erstellung bewerten.

Außerdem wurden auch andere Möglichkeiten getestet, so zum Beispiel ein digitales Quiz bei einer Vorlesung, dessen Ergebnisse direkt über das Smartphone bearbeitet werden können und anschließend auf der Leinwand aufgezeigt werden. Das Fazit der Studierenden von der Winterschule war sehr positiv!

2019 wird es noch eine Frühjahrsschule in Aarhus geben, die sich mit der Frage beschäftigt, wie man Lehre in unserem Fach weiter digitalisieren kann.

 

 

 

 

 

Wie schwer war und ist die Realisierung des Projekts? Gab oder gibt es Hindernisse?

Prof. Dr. Feuser: Das größte Hindernis ist wohl der Internationale Kontext. Die unterschiedlichen Zeiträume für Lehre, für Semesterferien und Semester stellen uns natürlich vor eine Herausforderung, was das Timing angeht. Aber auch der administrative Bereich ist in den verschiedenen Ländern unterschiedlich gemanagt. In Kiel gibt es zudem noch keine Richtlinien, was die Onlineseminare angeht, wie sie für die Lehrenden und Lernenden verbucht und geplant werden.

Außerdem sind auch die Sprachbarrieren ein Thema. Englisch ist zwar grundsätzlich eine Sprache, die für alle anwendbar ist, aber vom Projekt wird Mehrsprachigkeit gefordert. Wir sind noch dabei, nach einer passenden Lösung für all das zu suchen. Spannend wird, wie ein mehrsprachiger MOOC angenommen wird.

 

Was ist weiterhin geplant und wie wird die Umsetzung ablaufen?

Prof. Dr. Feuser: Die Lehre ist in den Geisteswissenschaften themenbezogen aufgebaut, unsere Frage lautet also, wie kann man das digital umsetzen? Der aktuelle Plan ist, erst einmal den MOOC, im April 2019 zum ersten Mal anlaufen zu lassen. Die ersten Lehrvideos auf Englisch, Französisch und Deutsch sind gerade erstellt worden. Es gibt jeweils Untertitel in Deutsch, Englisch und Französisch für ein besseres Verständnis. Auch das dazugehörende Skript wird in unterschiedliche Sprachen übersetzt. Zum MOOC gehören dann noch Quizze und Aufgaben, die von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern bearbeitet werden können, und ein online-Forum zum Austausch der Lernenden.

Die Onlinevideos sollen wie eine Serie in einem bestimmten Turnus laufen. Angesetzt sind acht Wochen. Nach diesen acht Wochen, in denen in jeweils einer Woche drei neue Videos von den verschiedenen Professoren online gehen, werden alle Videos und andere Materialien hochgeladen und für alle online verfügbar gemacht. So können sie auch zukünftig in der Lehre an Universitäten und an Schulen eingesetzt werden. Zu den Videos soll es zusätzlich Chats geben, Foren, in denen man sich untereinander und über Ländergrenzen hinweg austauschen kann. Multimedialer Wissensaustausch sozusagen.
Das erste Onlineseminar, das sich an die Studierenden der beteiligten Universitäten richtet, ist für Anfang 2020 geplant und wird auf Englisch statt finden.

 

 

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