Interventionen zur Rettung der Welt?!

Reflexion einer Seminarteilnehmerin

„Wie kann ich die Welt verbessern?“ Eine bedeutungsschwere Frage, die sicher vielen Menschen im Kopf herumgeht. Die Studentin Dominique Lisa Choina ist seit Längerem auf der Suche nach ihrer persönlichen Antwort darauf. Zuletzt hat sie sich – auf dem Weg dorthin – mit „Interventionen“ befasst. Vielleicht sind sie ein Teil der Antwort.

Text: Dominique Lisa Choina

„Was genau sind Interventionen und wie sollen sie dabei helfen, die Welt zu verändern?“ – Das sind Gedanken, die euch jetzt vielleicht in den Kopf kommen. Mir jedenfalls ging es so, als ich mich im Rahmen eines Seminars zur Theorie U, das vom Projekt erfolgreiches Lehren und Lernen (PerLe) an der CAU angeboten wurde, das erste Mal mit Interventions- und Transformationsforschung beschäftigt habe. Interventionen können aus kleinen kurzen Aktionen, aber auch aus aufwändig gestalteten Prozessen bestehen. Der Begriff wird in verschiedenen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Kontexten verwendet und ist daher auch stets etwas unterschiedlich definiert. Gemeinsam haben alle Definitionen, dass eine Intervention als eine Art „Dazwischen-Treten“ verstanden wird, dessen Zweck darin besteht, „eine ohne diese Intervention zu erwartende Entwicklung bzw. Situation zu verhindern oder in Hinblick auf ein angestrebtes Ziel zu verändern.“ (Hübner, 2012). In der Praxis werden Interventionen im Bereich Nachhaltigkeit beispielsweise  in Form des internationalen Parking Days oder beim Konzept der Sozialen Plastik nach Joseph Beuys realisiert.

Bei dem Seminar zur Theorie U ging es darum, die Theorie und damit verbundene Methoden kennenzulernen. Generell haben diese Methoden das Ziel, zur Veränderung eines Systems beizutragen. Ein solches System kann man selbst als Person sein, es kann aber auch um Veränderungen innerhalb eines Unternehmens oder in der Gesellschaft im weiteren Sinne gehen. Die Theorie beschreibt einen Prozess, der dabei durchlaufen werden soll. Er soll Führungspersönlichkeiten dabei helfen, alte Systemstrukturen aufzubrechen und neue Strukturen zu schaffen. Diese neuen Strukturen sollen offen für die Perspektiven der Menschen sein, mit denen man zusammenarbeitet. Hierdurch sollen allgemein akzeptierte und auch innovative Lösungen für aktuelle Probleme gefunden werden. Auch Interventionen spielen dabei eine wichtige Rolle. Im Rahmen der Theorie U können Interventionen in der Phase des Prototypings – dem gemeinsamen Erproben des Neuen – zum Einsatz kommen. Die Idee ist, dass man erste entwickelte Lösungen eines Problems im kleinen Rahmen testet und damit experimentiert, um möglichst früh herauszufinden, welche Ansätze gut funktionieren und welche vielleicht nicht.

Methoden im realen Kontext ausprobieren

Ich studiere im Master „Sustainability, Society and the Environment“ an der Kiel School of Sustainability der CAU. Wir beschäftigen uns dort ausführlich damit, welchen Einfluss wir als Gesellschaft auf unsere Umwelt haben und wie negative Einflüsse wie zum Beispiel klimaschädliche Gewohnheiten und Verhaltensweisen verändert werden können, um unser Klima nachhaltig zu schützen. Vor diesem Hintergrund war also meine Erwartung an das Seminar, mich mit Interventions- und Transformationsforschung vertrauter zu machen, um Methoden zu finden, die dabei helfen können, unsere Gesellschaft insgesamt klimafreundlicher zu gestalten.

Im Seminar zur Theorie U habe ich also einen ersten Einblick erlangt, was Interventions- und Transformationsforschung sein können. Im folgenden Sommersemester 2017 wurde von PerLe ein weiteres spannendes Seminar im Bereich der Transformationsforschung angeboten: „Das Reallabor: Transdisziplinär gesellschaftliche Herausforderungen definieren und Lösungen erforschen“. Es schien mir eine gute Möglichkeit zu sein, die Methoden aus der Theorie U im realen Kontext auszuprobieren, auch wenn ich sagen muss, dass mir nicht ganz klar war, inwiefern Interventionen und Methoden  aus der Theorie U  im Reallabor konkret umgesetzt werden könnten.

Intervention zum nachhaltigen Konsum

Ebenso war mir zu Beginn des Reallabor-Seminars nicht ganz klar, was genau mich erwarten würde. Das traf aber scheinbar nicht nur auf mich zu, sondern auch auf einige andere Seminarteilnehmende sowie Praxis-Akteure, die eingeladen waren, an dem Format teilzunehmen. Wer genauer wissen möchte, was man unter einem Reallabor versteht, kann das hier nachlesen.

In Kurzform kann man sich ein Reallabor als ein Format vorstellen, bei dem Forschungs- und Praxisakteure eng zusammenarbeiten. Das Erforschen von gesellschaftlichen Problemen wird konkret gemeinsam mit Praxisakteuren durchgeführt. Die wissenschaftlichen Akteure sind dabei nicht nur objektive Beobachter, sondern versuchen mit teilweise innovativen Forschungsmethoden und -designs, aktiv in die Praxis einzugreifen. Unser Reallabor hatte das Thema: „Wie können wir demokratische Prozesse in Kiel gestalten, um ein gutes Leben für alle zu ermöglichen?“

Zentraler Bestandteil des Reallabors war die Planung und Durchführung einer Intervention zu dieser Fragestellung auf dem MUDDI Markt der diesjährigen Kieler Woche im Juni. Der MUDDI Markt fand zum 5. Mal auf der Kieler Woche statt und ist ein Ort, an dem nachhaltiger Konsum gezeigt und gelebt wird.

Ninja-Game: Intervention während der Kieler Woche.

 

Ein gutes Leben für alle ermöglichen?

Wir als Teilnehmende des Seminars waren in der Planung und inhaltlichen Gestaltung der Interventionen ziemlich frei. Eine konkrete Intervention, die für den MUDDI Markt entwickelt wurde, war zum Beispiel das „Ninja Game“ von zwei Studierenden, welches eine Art Fang-Spiel ist, bei dem Menschen miteinander in Kontakt kommen und Spaß haben sollen. Hinterher sollten die Teilnehmenden des Spiels über ihre zwischenmenschlichen Erfahrungen während des Spiels berichten und reflektieren. Das Ziel dahinter war, die Beziehung zwischen sozialer Interaktion und Glück zu erforschen. Bei dieser Intervention wurde das Thema des Seminars „Wie können wir ein gutes Leben für uns alle ermöglichen?“ etwas allgemeiner betrachtet und theoretisch erforscht.  Ich persönlich habe zusammen mit einer Kommilitonin eine Intervention durchgeführt, bei der es darum ging, dass Menschen ihre Vision einer offenen Gesellschaft miteinander teilen.

Dazu haben wir Passanten auf dem MUDDI Markt eingeladen, ihre Ideen und Wünsche für eine „offene Gesellschaft“ auf kleine Karten zu schreiben und diese am MUDDI Markt aufzuhängen. Diese Intervention verfolgte das Ziel, Menschen dazu anzuregen über eine Vision nachzudenken, wie sie sich eine offene Gesellschaft wünschen. Die Idee dahinter ist, dass eine geteilte Vision als Motivation für eine Gruppe sehr wichtig ist, um nach etwas Gemeinsamem streben zu können (Pohl, 2012). Um auf die Aktion hinzuweisen und zum Denken anzuregen, sprühten wir im Umkreis des MUDDI Marktes mehrere Fragen mit Sprühkreide auf den Boden: „Wer stört die offene Gesellschaft? Was stört die offene Gesellschaft? Wen stört die offene Gesellschaft?“

Subtil aber wirksam

Obwohl wir die aufgesprühten Fragen eigentlich nur als Hinweis zu unserer eigentlichen Intervention gedachten hatten, stellte sich heraus, dass das Aufsprühen an sich schon eine Intervention war. Viele Leute wurden nämlich vor allem auf die Fragen aufmerksam, weil wir gerade noch dabei waren sie auf den Boden aufzutragen. Tatsächlich kamen dadurch mit mehreren Menschen interessante Diskussionen zum Thema „Offene Gesellschaft“ zustande. Bei dem Teil der Intervention, an dem Leute ihre Ideen und Wünsche aufschreiben sollten, fiel auf, dass auf jeden Fall unter den meisten Menschen eine geteilte Vision einer Gesellschaft besteht, die durch Offenheit, Toleranz und ein Miteinander geprägt sein soll. Es war auch sehr schön zu sehen, wie Gruppen von Menschen, die gemeinsam dort waren, nicht nur mit uns über das Thema sprachen, sondern auch eine Diskussion darüber innerhalb der Gruppe angestoßen wurde. Allein aus unserer Intervention und der Auswertung der genannten Stichpunkte dazu, können wir natürlich keine intensive Auswertung betreiben inwiefern unsere Aktion dazu beitragen konnte, dass die angesprochenen Personen sich weiter mit dem Thema beschäftigen. Wir hatten aber auf jeden Fall den Eindruck, dass die Aktion sehr positiv wahrgenommen und angenommen wurde, und sich zumindest einige der Personen noch nach Ablauf der Aktion mit der „offenen Gesellschaft“ beschäftigt haben.

Es bleibt noch die Frage, ob ich meinem Ziel, die Welt zu verändern, mit den Interventionen nähergekommen bin. Ich würde eindeutig sagen: Ja! Die Veränderungen mögen sehr subtil und klein gewesen sein, aber ich habe aus den Erfahrungen der Seminare mitgenommen, dass wir auch mit den kleinsten Aktionen etwas bewirken können, indem wir Menschen dazu anregen, über bestimmte Themen nachzudenken und Wege aufweisen, wie auch größere Veränderungen entstehen können.

Sowohl die Erfahrungen und Erkenntnisse mit der Theorie U als auch das Reallabor fand ich sehr spannend. Beides waren für mich eher abstrakte Konzepte und beide bleiben für mich methodisch schwierig zu fassen. Auch heute kann ich noch nicht davon sprechen, sie in Gänze verstanden zu haben, aber ich habe in jedem Fall eine bessere Vorstellung davon bekommen, welche spannenden Methoden es im Bereich der Transformationsforschung gibt und erkannt, dass es essentiell ist diese Methoden selbst einmal auszuprobieren, um sie tatsächlich nachvollziehen und selber nutzen zu können.

 

Literatur:

 

Übrigens: Auch im aktuellen Wintersemester 2017/18 findet wieder ein Reallabor-Seminar unter der Leitung von Frauke Godat (Projekt erfolgreiches Lehren und Lernen) statt.

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