Professionalisierung der Lehre durch Job Shadowing

Kurz-Hospitation in neuen Berufswelten

Ohne großen Zeitaufwand den Arbeitsalltag in einem bestimmten Beruf oder Unternehmen kennenlernen, Kontakte knüpfen und Ideen für die berufliche Zukunft entwickeln: Ein Job Shadowing eröffnet einem die Gelegenheit, eine berufstätige Person für eine kurze Zeitspanne bei der Arbeit zu begleiten und dabei ganz unmittelbare Einblicke in deren Tätigkeitsfeld zu erheischen. Frauke Godat vom Projekt erfolgreiches Lehren und Lernen (PerLe) begleitet regelmäßig Studierende bei ihren Job Shadowings und hat diese besondere Form der Hospitation deshalb jetzt auch selbst ausprobiert.

Text: Frauke Godat,
Projekt erfolgreiches Lehren und Lernen (PerLe)

 

Seit mehr als zwei Jahren arbeite ich als Lehrende in der beruflichen Orientierung am Übergang von Studium und Beruf mit dem Ansatz des Job Shadowings in meinen Seminaren. Der Ansatz ist eine weit verbreitete Praktik aus der Personal- und Organisationsentwicklung (s. z.B. Job Shadowing bei den Vereinten Nationen). Das Job Shadowing ist ein Hospitationsansatz, den zum Beispiel Studierende nutzen können, um einen halben oder ganzen Tag eine Organisation, ein Berufsfeld oder in den Arbeitsalltag einer Führungskraft kennen zu lernen. Einige Hochschulen in Deutschland haben das Job Shadowing für Studierende bereits in das Angebot ihrer Career Center aufgenommen (hier ein Beispiel aus der Universität Konstanz).

 

 

 

 

Seit 2019 pilotiert die Personalentwicklung der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) ein Job-Shadowing-Programm für Mitarbeitende. Um die Lernerfahrung und -herausforderungen meiner Studierenden nachvollziehen zu können und um meine eigene berufliche Neuorientierung zu gestalten, habe ich mich für ein Job Shadowing beim gemeinnützigen Verein Visionautik Akademie in Berlin beworben.

Die Visionautik Akademie unterstützt Lernende aller Altersgruppen dabei, Freiräume aufzuspüren, fantasievoll ambitionierte Visionen zu entwickeln und diese professionell umzusetzen. Im November 2019 durfte ich eine Woche lang drei Personen aus der Akademie über die Schulter schauen, also im Grunde drei Jobshadowings in einem absolvieren. Ein Lernziel dabei war die Erweiterung meiner Methoden- und Fachkompetenz in einem meiner aktuellen Arbeitsbereiche, dem transformativen Lernen.

Drei Methoden aus dem transformativen Lernen, die ich kennengelernt habe oder in der Praxis ausprobieren durfte, möchte ich hier kurz vorstellen:

  • An den ersten beiden Tagen habe ich die Projektmanagerin der Akademie für das ERASMUS+ Projekt „Building Capacity for Transformative Learning“ begleitet. Sie hat in der Woche einen virtuellen Book Sprint mit den europäischen Partnerorganisationen geleitet und moderiert*. Die Methode bietet die Möglichkeit, gemeinschaftlich in relativ kurzer Zeit (beispielsweise an ein bis zwei Wochenenden) ein Buch zu schreiben. Das Schreibzentrum an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) organisiert beispielsweise Book Sprints für Studierende. Ich kann mir einen Book Sprint gut in einer forschungsbasierten Lehrveranstaltung vorstellen. In einem sehr kurzen Zeitraum entstehen so qualitativ geprüfte, publikationsreife Texte, die eine breite Öffentlichkeit erreichen. Studierende entwickeln wissenschaftliche Schreibkompetenz und erfahren Wissenschaftspraxis, indem sie in unterschiedlichen Rollen in einem Projektteam arbeiten und publizieren.

 

  • In der Mitte der Woche habe ich im Selbstexperiment den Ansatz „Shadow a Student” der Universität Stanford als Instrument zur Qualitäts- und Lehrentwicklung der Hochschuldidaktik ausprobiert. In Stanford begleiten Lehrkräfte von Schulen für einen Tag einen Schüler oder eine Schülerin, um den Lernalltag aus der Perspektive der Lernenden zu erfahren. Durch die Beobachtungen und Erlebnisse an diesem Tag können die Lehrkräfte dann anschließend in moderierten Gestaltungsprozessen ihren Unterricht weiterentwickeln. Ich habe den Tag mit einem Studenten der Erwachsenenbildung an der HU Berlin verbracht. Gleichzeitig ist dieser Student Absolvent eines Lernprogramms der Visionautik Akademie. Aus dem Lernprogramm heraus hat sich dieser Student bereits als Graphic Recorder selbstständig gemacht. Ich durfte an diesem Tag gemeinsam mit ihm mehr über das generative Scribing als gerade entstehende Praktik in Transformationsprozessen lernen: Dabei werden Meta-Ebenen visuell herausgearbeitet, um übergeordnete Muster, Stimmungen, Dynamiken und entstehenden Zukunftspotenziale sichtbar zu machen.

 

  • An den beiden letzten Tagen durfte ich an einem Workshop zur Berufsorientierung für die Absolvent_innen eines Freiwilligen Ökologischen Jahrs in Berlin teilnehmen. Hier kamen Personen mit unterschiedlichen Bildungsabschlüssen zusammen, was zu spannenden Diskussionen im Workshop führte. Ich habe Übungen, die ich selbst anwende, als beobachtende Teilnehmerin erlebt. Die Selbstreflexion nach der japanischen Lebensphilosophie Ikigai nehme ich für meine eigene berufliche Neuorientierung und zukünftige Formate zur Berufsorientierung an der CAU mit.

 

Zusammenfassend war die Woche in Berlin voller neuer Perspektiven und Praktiken, wie transformative Erwachsenenbildung in einer non-formalen Bildungsorganisation praktiziert wird. Ich habe viele Impulse für meine Arbeit mitnehmen können. Auch hatte ich die Möglichkeit, mit meinen Reflexionsfragen in den Abschlussrunden am Ende jeden Tages auch Lernimpulse weiter zu geben und Alltagspraktiken für die gastgebende Organisation sichtbar zu machen. Des Weiteren, ist mir bewußt geworden, wie wichtig und persönlich nährend der Wissenstransfer und ein kollegialer Austausch mit Bildungsinnovatoren außerhalb der Universität ist.

 

Persönliche Lernpraktiken während meines Job Shadowings

 

* Hier gibt es das Buch aus dem Booksprint zum Nachlesen.

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