Studierende machten sich für Wahlbeteiligung stark

„Jung und Wählerisch“: Lernen durch Engagement

Wie können junge Menschen motiviert werden, ein aktiver Teil der Gesellschaft zu werden und wählen zu gehen? Diese Frage stellte sich Dr. Christian Meyer-Heidemann, der Landesbeauftragte für politische Bildung, bereits im Jahr 2011. Eine seiner Antworten: Das Projekt „Jung und Wählerisch“, das seit 2012 rund 10.575 Schülerinnen und Schüler mit Studierenden zusammengebracht und einen Dialog über politische Teilhabe angestoßen hat. Vom 22. April bis zum 24. Mai 2019 waren studentische Projektteilnehmende in Berufsschulen, Gemeinschaftsschulen und Gymnasien in ganz Schleswig-Holstein unterwegs, um mit 1800 Schülerinnen und Schülern über die Europawahl zu sprechen – und haben dabei selbst viel gelernt. Ein Rückblick.

Text: Mirjam Michel, Studentin

 

 

Schon zum 7. Mal hat das Projekt in diesem jahr stattgefunden. Die Europawahl erschien vielen jedoch nicht wie irgendeine Wahl. Für viele war es die Schicksalswahl, die über Europas Zukunft entscheiden sollte. Auch für Stefan Mehrens, der zum dritten Mal als Teamer in dem Projekt aktiv war, war es eines der wichtigsten Ereignisse des Jahres. Der 25-jährige hatte gerade sein Studium der Politikwissenschaft und Geschichte beendet, seit 2016 engagiert er sich bei den Jungen Europäischen Föderalisten, einem überparteilichen pro-europäischen Verband: „Nach dem Brexit habe ich mir gedacht: ‚So kann es doch nicht weitergehen mit Europa!‘ Generell erleben wir in der Politik eine Entwicklung, die mir gegen den Strich geht. Jeder, der sich engagieren kann, sollte sich auch engagieren. Die Demokratie lebt von Menschen, die diese Demokratie gestalten. Und wenn die Mehrheit der Demokraten sich nicht engagiert, überlassen wir das Feld den Populisten und Nationalisten.“ Mehrens freut sich, dass er auch dieses Jahr wieder bei dem Projekt dabei sein konnte, um Schülerinnen und Schüler an das Thema ‚Politik‘ heranzuführen und sie zum Wählen zu motivieren.

Vorbereitung: Argumentationshilfen und methodische Tipps

Damit die Studierenden auf den Dialog mit den Schülerinnen und Schülern gut vorbereitet sind, finden vor jedem Projektdurchlauf Einführungsworkshops statt. Je nachdem, welche Wahl gerade stattfindet, erhalten die Studierenden dort inhaltlichen Input. In diesem Jahr lag der Schwerpunkt auf dem thema EU-Politik. Im ersten Workshop erhielten die Studierenden zunächst einen Einblick in die Funktionsweise der EU und den Ablauf der EU-Parlamentswahl. Im Anschluss ging es um Argumentationen gegen EU-Skepsis und EU-Mythen. In Form einer Debatte übten die Studierenden, wie es sich anfühlt, für oder gegen die EU zu argumentieren. Wie reagiert mein Gegenüber? Wie kann ich argumentieren, ohne die Gegenseite persönlich anzugreifen, aber trotzdem bestimmt eine Position vertreten? Für Mehrens war das eine gute Übung, aber auch eine echte Herausforderung. „Es hat mich überrascht, wie einfach es ist, die Europäische Union und generell das politische Establishment durch den Kakao zu ziehen. Und wie schwierig es ist, als Demokrat mit sachlichen Argumenten dagegen anzugehen“, erzählt er.

Nach einer Kaffeepause ging es an die Wahlkampfthemen. Um auch Fragen der Schülerinnen und Schüler beantworten und Impulse geben zu können, brauchten die Studierenden ein Überblickswissen über die Themen der Europawahl. Dazu erarbeiteten sie in Kleingruppen, welche Themenschwerpunkte die Parteien in ihren Wahlprogrammen setzten. Danach präsentierte jede Gruppe die jeweiligen Aspekte aus den Programmen an einer Pinnwand, sodass sich langsam ein Gesamtbild ergab. Welche Partei steht für welche Inhalte ein? Welche Ziele verfolgen die Parteien für Europa? Welche Wahlversprechen machten Sie?

Offen diskutieren statt missionieren

Betont wurde aber auch, dass die Studierenden parteipolitisch unabhängig bleiben sollen. Das Ziel des Projektes ist, Erstwählerinnen und Erstwähler davon zu überzeugen, wählen zu gehen, und nicht, sie in eine bestimmte Richtung zu lenken. „Es geht darum, dass die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit haben, Fragen zu stellen, offen zu diskutieren und auch kritische Anmerkungen zu machen – und das ohne Leistungsbewertung. Mir ist wichtig, dass wir mit dem gesamten Projekt nicht in irgendeiner Weise missionieren“, erklärt Meyer-Heidemann.

Im zweiten Vorbereitungsworkshop ging es um die Lehr-/Lernmethoden. Dieser Teil war essenziell für einen reibungslosen Projekt-Ablauf an den Schulen, denn für einige Studierende war es eine völlig neue Erfahrung, vor einer Gruppe von Schülerinnen und Schüler zu stehen. Wieder fanden sich die Studierenden in Kleingruppen zusammen, um sich verschiedene Vermittlungsmethoden zu erarbeiten und diese anschließend einander vorzustellen. Dazu lagen Materialien mit Ideensammlungen zu verschiedenen Vermittlungsmethoden vor. Aber auch eigene Ideen konnten eingebracht werden. Im darauffolgenden Austausch hatten die Studierenden Gelegenheit, sich gegenseitig Tipps zu geben. Welche Methode hat sich in den letzten Jahren besonders bei den Schülerinnen und Schülern bewährt? Für welche Schülergruppe eignet sich welche Methode am besten? Welche Vor- und Nachteile bringen die verschiedenen Methoden mit sich?

Zu guter Letzt wurden die Studierenden auf die 70 Schulveranstaltungen verteilt. Jeweils drei Studierende, in wechselnden Teams, hielten bis zu 3 Workshops à 90 Minuten an einer Schule. Eine Person aus dem Team nahm nach Absprache Kontakt auf zu den zuständigen Lehrkräften auf, damit sich das Team optimal auf die jeweilige Klasse vorbereiten und den Input individuell anpassen konnte. „Das A und O ist, sich zu treffen und sich gut abzusprechen, wie man vorgehen will. Dann läuft es auch reibungslos“, verriet Katrin Schumacher. Die 26-Jährige studiert Wirtschaft/Politik und Englisch auf Lehramt und war zum zweiten Mal bei dem Projekt dabei. Für sie war es eine wertvolle Erfahrung, die ihr neue Einblicke in die Welt der Schule ermöglicht hat: „Es ist spannend in unterschiedlichen Konstellationen mit verschiedenen Persönlichkeiten zusammen zu arbeiten. Einige sind lebhafter als andere. Um sich als Lehrerpersönlichkeit zu finden, ist es interessant auch mal andere Leute in Action zu sehen, die teilweise nichts mit Lehramt zu tun haben. Die haben häufig einen anderen Blick darauf, wie wir den Schülerinnen und Schülern Politik vermitteln können. Von manchen habe ich gelernt, mehr aus mir rauszugehen und lockerer zu sein. Von anderen habe ich viel inhaltlich mitgenommen. Die waren sehr im Thema und hatten Expertenwissen.“

Positionen aushandeln und Demokratie lernen – jenseits der Benotung

Für Meyer-Heidemann ist das Projekt auch ein Versuch, unterschiedliche Lebenswelten zusammenzubringen. „Ich habe das Gefühl, dass es einigen Teamern, die sich sonst in gymnasialen Welten bewegt haben, gutgetan hat, auch mal in eine Flex-Klasse zu schauen. Das sind Schülerinnen und Schüler, die ohne Schulabschluss abgegangen sind und sich jetzt auf eine Berufsausbildung vorbereiten.“ Besonders der geringe Altersunterschied der Teamerinnen und Teamer wirke sich positiv im Projekt aus, so der Landesbeauftragte. „Für die Schülerinnen und Schüler ist es eine Chance, so dass sie weniger Hemmungen haben, Fragen zu stellen. Es ist also eine Win-Win-Situation.“

Im Anschluss an jeden Dialog mit den Schülerinnen und Schülern können diese den Studierenden noch ein Feedback geben in Form eines Fragenbogens oder auch direkt. Hier zeigte sich, dass viele begeistert waren von der interaktiven Herangehensweise der jungen Teamer. „Das Schöne in unseren Workshops ist, dass die Schülerinnen und Schüler in Bewegung kommen“, sagt Schumacher. Besonders beliebt bei den Teamern und den Schülerinnen und Schülern ist die Positionslinie. „Die Positionslinie bedeutet, dass sich die Schüler im Klassenraum allgemein zu einem EU-Thema, einer These oder einem Wahlgrundsatz innerhalb des Klassenraums positionieren sollen. Dass du dich als Teamer auch teilweise in andere Positionen reinversetzen musst, um die Debatte zu beleben, hat mir sehr viel Spaß gebracht“, erzählt Mehrens. Auch für Schumacher ist es ein persönlicher Favorit: „Ich mag die Positionslinie gern, weil du da räumlich und visuell ein Meinungsspektrum aufzeigst. Du schaffst einen Raum, in dem sich die Schülerinnen und Schüler bewegen können. Über die verschiedenen Positionen kommen sie ins Gespräch, können so miteinander aushandeln und ihre Position verändern. Auch im politischen Diskurs ändern wir unsere Meinung, wenn wir neue Argumentationsstränge, neue Aspekte zu einem Thema hören. Es zeigt, dass Nicht-Festgefahren-Sein von Politik“, erklärt Schumacher.

Sowohl Mehrens als auch Schumacher ziehen rückblickend ein positives Fazit aus dem Projekt. „Ich glaube, ich bin besser darin geworden, Diskussionen zu leiten. Es ist wichtig, die Schülerinnen und Schüler auch diskutieren zu lassen und nicht immer einzugreifen. Als Lehrkraft in der Schule hast du oft das Gefühl, dass du die ganze Zeit die Diskussion anleiten musst. Aber so sollte es nicht sein. Du solltest moderieren, aber die Schülerinnen und Schüler sollten im Mittelpunkt stehen und miteinander sprechen und nicht nur mit dir als Teamer oder Lehrperson. Ich habe auch gelernt, dass jede Schülergruppe anders ist. Auf jeder Gruppe musst du dich wieder neu einstellen“, sagt Schumacher. Auch Mehrens hat es gezeigt wie wichtig es ist, sich neben dem Studium zu engagieren: „Ich bin gerade im Bewerbungsprozess und merke, dass die Fähigkeiten aus dem Studium allein nicht reichen. Vor allem im geisteswissenschaftlichen Bereich sind ehrenamtliche Erfahrungen sehr nützlich, weil du dadurch zusätzliche Fähigkeiten erlernst. Außerdem zeigt es dir ehrenamtliches Engagement noch andere Anwendungsmöglichkeiten des Studiums auf. Als ich angefangen habe zu studieren, habe ich nicht daran gedacht in der politischen Bildung aktiv zu werden. Das ist jetzt aber der Bereich, in dem ich gerne aktiv bin, weil ich erkannt habe, dass es mir Spaß bringt. Ich merke auch, dass es mich persönlich weiterbringt, weil ich so etwas bewegen kann.“

Weitere Informationen zu „jung & wählerisch“ und anderen Projekten des Landesbeauftragten für politische Bildung gibt es unter

 

Auch interessant: Interview mit dem Landesbeauftragten für politische Bildung.

 

 

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