Fachwissen an Deutschlernende vermitteln

„KiFo-DaZ“: Studierende entwickeln Lernstationen für DaZ-Schüler*innen

Die Kieler Forschungswerkstatt (KiFo) ist ein außerschulischer Lernort für Schülerinnen und Schüler – und bietet naturwissenschaftlich orientierte Lehr-Lernangebote, die gute Deutschkenntnisse erfordern. Für Schülerinnen und Schüler, die Deutsch als Zweitsprache (DaZ) lernen, gab es dort bislang keine passenden Angebote. Gleichzeitig werden Lehramtsstudierende bisher nicht ausreichend auf einen DaZ-sensiblen Fachunterricht vorbereitet. Im Projekt „KiFo-DaZ“ wurden jetzt einzelne Stationen der Forschungswerkstatt speziell für DaZ-Schülerinnen und -Schüler adaptiert.

Text: Inger Petersen
Projektinitiatorin

 

„Blütenpollen sind sehr widerstandsfähig und relativ resistent gegenüber Zersetzung. Besonders unter anaeroben Bedingungen (ohne Sauerstoff), wie sie zum Beispiel in Seesedimenten, Torfen oder im Ozeansediment herrschen können, sind die Außenwände des Pollens (Exine) extrem haltbar.“

 

Mit diesen Sätzen beginnt ein Arbeitsblatt einer Lehr-Lern-Station des geo:labors der Kieler Forschungswerkstatt. Schülerinnen und Schüler sollen an dieser Station lernen, wie man Pollen analysiert und dadurch Rückschlüsse auf Umwelt- oder Klimaveränderungen ziehen kann. Die auf dem Arbeitsblatt verwendete Sprache ist ein typisches Beispiel für die Art von Sprache, die bei der Vermittlung von Wissen zum Einsatz kommt: Die sogenannte Bildungsprache. Der Textausschnitt enthält z. B. Fachwörter (Blütenpollen, resistent, anaerob, Sauerstoff, Seesediment…) und Adjektive mit bestimmten Endungen (widerstands-fähig, halt-bar). Auf der Satzebene finden wir einen eingeschobenen Nebensatz (wie sie zum Beispiel in Seesedimenten, Torfen oder im Ozeansediment herrschen können) und Wörter, die fest zusammengehören, wie Bedingungen … herrschen.

 

 

Lehrerinnen und Lehrer benutzen diese Art von Sprache ganz selbstverständlich, da sich mit ihr fachliche Inhalte besonders gut versprachlichen lassen. Viele Schülerinnen und Schüler müssen die bildungsprachlichen Fähigkeiten, die sie zum Lernen im Fach benötigen, aber selbst erst erlernen. Dies gilt inbesondere für neuzugewanderte Schülerinnen und Schüler, die noch mitten im Erwerb der deutschen Sprache stecken.

Die Funktion von Bildungssprache sowohl als Medium als auch als Gegenstand des Lernens war der Ausgangspunkt für das im Sommersemester 2017 von PerLe geförderte Projekt KiFo-DaZ – Lehr-Lernstationen in der Kieler Forschungswerkstatt für und mit DaZ-Schüler*innen, das ich als Juniorprofessorin für Deutsch als Zweitsprache und fachintegrierte Sprachbildung in Kooperation mit Ruth Henniges und Katrin Schöps von der Kieler Forschungswerkstatt durchgeführt habe. Das Projekt stellt eine Zusammenarbeit zwischen dem geo:labor, bei dem Fragen rund um den Lebensraum Erde im Mittelpunkt stehen, und der sprachdidaktischen Werkstatt sprach:werk dar, in der Schülerinnen und Schüler die Form, Funktion und den Gebrauch von Sprache untersuchen.

In dem Projekt sollten Studierende im Rahmen eines Seminars ausgewählte Stationen des geo:labors für Schülerinnen und Schüler mit Deutsch als Zweitsprache (DaZ) sprachsensibel überarbeiten. Der Nutzen sollte ein doppelter sein: Auf der einen Seite erwerben Studierende Kompetenzen in den Bereichen Deutsch als Zweitsprache und sprachsensibler Fachunterricht. Auf der anderen Seite erhalten Schülerinnen und Schüler mit Deutsch als Zweitsprache Gelegenheit, die Kieler Forschungswerkstatt zu besuchen und für das sprachliche und fachliche Lernen zu nutzen.

Anpassungen im Projektverlauf & Feedback der Teilnehmenden

Die ursprüngliche Projektidee musste allerdings angepasst werden, nachdem es für die Lehrveranstaltung – angesiedelt im extracurricularen Bereich des ZfL – leider kaum Anmeldungen gab. So entschieden wir uns, den Seminarcharakter des Projekts aufzugeben. Stattdessen haben wir zusammen mit der wissenschaftlichen Hilfskraft, die eigens für das Projekt eingestellt wurde, vier Lernstationen explizit für Schülerinnen und Schüler mit geringen Deutschkenntnissen umgestaltet und diesen Überarbeitungsprozess dokumentiert. Anschließend fand im Herbst 2017 die Erprobung der Materialien an zwei Terminen mit circa 25 DaZ-Lernenden von zwei Kieler Gemeinschaftsschulen und drei studentischen Hilfskräften statt.

Für die Studierenden war die Interaktion mit Schülerinnen und Schülern, die nur über geringe Deutschkenntnisse verfügen, eine neue, herausfordernde und wertvolle Erfahrung. Die meisten Schülerinnen und Schüler gaben in der Evaluation an, dass sie die Aufgaben verständlich und das Thema interessant fanden. Alle waren der Meinung, etwas Neues dazu gelernt zu haben. Eine Lehrerin gab das folgende Feedback: „Tolle Aufbereitung, sehr anschaulich, viele schöne praktische Übungen. Einige Stationen waren allerdings zu textlastig!“ Hier zeigt sich, dass die Materialien noch weiter optimiert werden müssen.

 

 

Sämtliche Überarbeitungsschritte sowie das Feedback der Schülerinnen und Schüler zu den neuen geo:labor-Materialien haben wir sorgfältig dokumentiert. Auf diese Informationen können Studierende zukünftig zurückgreifen, wenn sie sich in den kommenden Semestern daran machen, weitere Lehr-/Lernmaterialien der Kieler Forschungswerkstatt für Schülerinnen und Schüler mit Deutsch als Zweitsprache aufzubereiten und auszuprobieren. Denn langfristig ist geplant, die Überarbeitung von Stationen in die reguläre Lehre zu Deutsch als Zweitsprache und Sprachbildung aufzunehmen.

Zwar erwies es sich als schwierig, im extracurricularen Bereich des Lehramtsstudiums Teilnehmerinnen und Teilnehmer für dieses Angebot zu gewinnen. Wir gehen jedoch davon aus, dass es für Studierende sehr motivierend sein kann, wenn die Ergebnisse ihrer Arbeit nicht einfach in der Schublade einer Dozentin oder eines Dozenten landen, sondern in der Forschungswerkstatt tatsächlich zum Einsatz kommen. Zudem stellt die Erprobung der überarbeiteten Stationen die einmalige Gelegenheit dar, zu den Materialien eine direkte Rückmeldung der Schülerinnen und Schüler zu erhalten und bereits während des Studiums in Begleitung von Lehrenden der Universität erste Erfahrungen im Bereich der sprachsensiblen Gestaltung von Lehr-Lernprozessen zu sammeln.

Kontakt

Prof. Dr. Inger Petersen
petersen@germsem.uni-kiel.de

 

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