Verborgene Kunst auf dem Campus entdecken

Studierende erschließen altbekannte Objekte neu & entwickeln Kunstführer

Wissen Sie, warum die Farben der Christian-Albrechts-Universität ausgerechnet Violett und Weiß sind? Haben Sie je bemerkt, dass die Treppenstufen im gesamten Audimax-Gebäude im Querschnitt Dreiecke bilden? Und ist Ihnen schon einmal die Freiluftgalerie unter den Brücken der Olshausenstraße aufgefallen? Studierende des Kunsthistorischen Instituts der CAU haben einen ungewöhnlichen Campus-Rundgang konzipiert, der die verborgene Kunst auf dem Gelände sichtbar macht.

Text: Nikolai Ziemer
(Projektteilnehmer)

Der KunstCampusKiel-Wegweiser ist kostenlos als Folder erhältlich,
außerdem ist
eine ausführliche Version abrufbar unter
www.kunstgeschichte.uni-kiel.de/de/kunstcampus-kiel.

Campus re-view, oder: „So hab‘ ich das noch nie geseh‘n!“

Das Ungewöhnliche suchen wir gewöhnlich jenseits des Bekannten, denn das Bekannte ist bekanntlich (und vermeintlich) das Gewöhnliche. Umso größer ist die Überraschung jedoch immer dann, wenn wir genau dort, wo wir meinen, alles bereits zu kennen, etwas vollkommen Neues entdecken.

Diesen Effekt wollen wir mit unserem Folder erzielen. Er ist vor allem für die, die meinen, mit dem Campus der CAU vertraut zu sein. Also für uns Studierende, die tagtäglich mit einer Vielzahl von Kunstobjekten auf dem Gelände der Universität in Berührung kommen – vermutlich, ohne es zu merken.

Doch was meint hier Kunst? Das goldgerahmte Ölgemälde an der Wand mit einem kleinen Schildchen daneben, das brav Titel, Künstler/in und Entstehungsjahr nennt? Weit gefehlt – es ist eben nicht die ,ausgezeichnete‘ Kunst, die wir für den Folder zusammengetragen haben. Das Spektrum unserer Objekte umfasst ganz bewusst abseitige Phänomene, auch, um einen klischeehaften Kunstbegriff in Frage zu stellen.

So haben wir beispielsweise die häufig als unansehnlich empfundene Architektur der 1960er und 70er Jahre der Universität untersucht und waren überrascht, wie sehr diese Bauweise für ein dynamisches Miteinander der Studierenden konzipiert ist, und ihre schmucklose Gestaltung einer begründeten Programmatik entspringt, die nur im Kontext der Nachkriegszeit zu verstehen ist. Auch war es uns wichtig, Street Art mit in unseren Folder aufzunehmen, da auch dieser Kunst immer noch der Ruf der ,Schmierei‘ anhaftet.

Erst durch ein tieferes Verstehen entwickeln wir ein differenziertes ästhetisches Verständnis, das sich jenseits der meist intuitiven Kategorien „schön“ und „hässlich“ bewegt. Wir hoffen, mit unserem Folder einen Beitrag dazu, vor allem aber auch zu einem neuen Kennenlernen des Campus der CAU, leisten zu können!

Chronologie: von der Idee zum Folder

Wie aber sind wir dazu gekommen? Und wer sind ,wir‘ überhaupt?

 

Eine siebenköpfige Gruppe von Studierenden, die an der Übung „KunstCampusKiel“, geleitet von  Frau Dr. Susanne Schwertfeger (im Interview erfahren Sie mehr über die Sicht der Dozentin), im Fach Kunstgeschichte im Sommersemester 2017 teilgenommen haben.

Anstoß und Motiv ab der ersten Stunde für uns lautete: Wege zur Vermittlung der Kunst auf dem Kieler Campus finden, die sich als Endprodukt in einem Folder für die Öffentlichkeit niederschlagen soll. Ganz im Sinne der forschungsorientierten Lehre stand uns die Dozentin dabei in der Bearbeitung dieser Aufgabe lediglich in moderierender und impulsgebender Funktion vor. So hatten wir größtmögliche Freiheit in allen Arbeitsprozessen und konnten das Projekt ganz nach unseren Vorstellungen gestalten.

Schon bei der Sichtung aller Kunstgegenstände auf dem Campus der CAU wurde deutlich, wie komplex die Aufgabenstellung war. Nicht nur, weil sich hier beispielsweise eine nicht unbedeutende Menge an Skulpturen im öffentlichen Raum findet, sondern weil ganz generell erst einmal die Frage geklärt werden musste, wie weit der Kunstbegriff für unser Projekt gefasst werden sollte. Dabei war es uns wichtig, auch ,Randbereiche‘ der Kunst wie etwa Street Art oder Design mit in unser Kompendium aufzunehmen. Wir entschieden uns dazu, alle Facetten des Begriffs Kunst darzustellen, das Spektrum also so breit wie möglich zu fächern.

Gleichzeitig musste der Radius ,Campus‘ für das Projekt eingegrenzt werden. Waren anfangs noch der neue (und auch alte) Botanische Garten oder das Uniklinikum im Gespräch, fokussierte sich das Gebiet schließlich auf den näheren Umkreis um das Uni-Hochhaus, die Olshausenstraße sowie die Leibnizstraße.

Nachdem wir das Kunstspektrum und den geografischen Abschnitts abgesteckt hatten, definierten wir für uns eine Zielgruppe, sowie unser daran gekoppeltes Kernanliegen, welches so lautet: Adressat/in ist ein/e Studierende/r der CAU Kiel im höheren Semester, der/die durch unseren Folder einen ganz neuen Blick auf die Kunst und die Architektur auf dem Campus gewinnt.

Nicht nur die Vielfalt der Kunst, sondern das Ungewöhnliche und Unbekannte sollte ermittelt und dargestellt werden. Während sich immer stärker herauskristallisierte, welche Objekte dafür in Frage kamen, wurde auch ein Rundgang ausgearbeitet. Dieser ist jedoch nur fakultativ und durch die allgemeine fußläufige Erreichbarkeit begründet. Denn wenngleich eine thematische Einheit den Folder fassen sollte, sind auch die Objekte für sich, ohne eine bestimmte Abfolge, punktuell betrachtenswert.

Dieser Rundgang, der symbolisch dort beginnt, wo auch das Studium beginnt und endet, nämlich beim Uni-Hochhaus, führt über die Gebäude der Unikirche, des Audimax und des Portikus die Olshausenstraße hinunter, vorbei am IPN und den Graffiti unter den Brücken, und endet schließlich bei den Fakultätsblöcken, der Universitätsbibliothek und der ,Amöbe‘ in der Leibnizstraße.

Für jede der ,Stationen‘ wurde  umfassend recherchiert, sodass neben allgemeinen Informationen etwa zur Baugeschichte auch besondere Details im Fokus der kurzen Darstellungen stehen, die eine Besonderheit hervorhebt, die dem/der Rezipient/in mit hoher Wahrscheinlichkeit vorher unbekannt war. Eben durch diese Besonderheiten soll der Zielgruppe (aber selbstverständlich nicht nur dieser) der Campus in einem vollkommen neuen Licht erscheinen.

Bis wir zu dieser Konkretisierung kommen konnten, musste das Gelände jedoch tatsächlich abgelaufen werden. Erst vor den jeweiligen Objekten, die zuvor nur in der Theorie beleuchtet wurden, konnte erprobt werden, ob diese für den Folder tatsächlich taugen.

Dann begann die Phase der Texterstellung, vor allem aber der Textredaktion. In Tandem-Teams korrigierten wir gegenseitig unsere Entwürfe (pro Person zwei), bis wir diese schließlich auch in der ganzen Gruppe besprachen, als es um den Feinschliff ging. Hauptproblem während der Korrekturphase war, die Texte so knapp wie möglich zu halten, gleichzeitig aber alle relevanten Informationen darin unterzubringen, denn der Folder gestattet nur eine begrenzte Anzahl von Zeichen. Außerdem mussten die Texte ansprechend sein, wobei wir uns im Duktus stets an den/die vorformulierte Addressat/in richteten. Zur Orientierung gestalteten wir einen Geländeplan, auf der Symbole den Ort der Kunstwerke markieren. Diese unterschiedlichen Symbole wurden eigens von einer Kommilitonin designt und stellen ein Charakteristikum der jeweiligen Objekte dar.

Den Folder ergänzt eine Webseite. Dabei entschieden wir uns für eine ansprechende, leicht bedienbare Benutzeroberfläche, die die Möglichkeit bietet, die Texte in ausführlicherer Form wiederzugeben, als es auf dem Folder möglich ist. Außerdem kann so der Corpus beliebig erweitert werden, auch in Hinblick auf nachfolgende Kurse, die das Projekt fortführen könnten.

Fazit

Das Konzept der forschungsorientierten Lehre steht und fällt mit der Dynamik der Teilnehmer/innen. Denn ein Kurs nach diesem Anspruch kann schwerlich einfach besucht, sondern muss aktiv mitgestaltet werden. Bei uns sogar dahingehend, dass am Ende ein Produkt für die Öffentlichkeit entstehen sollte. Normalerweise sind uns Studierenden diese Prozesse aus dem Verfassen einer Seminararbeit bekannt, wobei das Produkt meist nur für die Dozent/innen und schließlich die Schublade bestimmt ist.

Die Initiative war in unserer Gruppe von Anfang an sehr ambitioniert, was sicherlich auch dem Umstand geschuldet war, dass wir mit sieben Leuten einen verhältnismäßig kleinen Kurs bildeten und im Angesicht der eindeutig vorformulierten Ziele umso mehr Einsatz investieren mussten. Nur ein paar Leute weniger und wir wären vermutlich an dem Pensum gescheitert (oder die Übung hätte schlicht nicht stattgefunden). Damit wir unser selbstgestecktes Ziel erreichen konnten, waren viele ,Überstunden‘ nötig und eine ständige Erreichbarkeit über unsere WhatsApp-Gruppe, mit welcher wir uns zwischen den Treffen vernetzten. Während der Sitzungen herrschte stets eine rege Diskussionskultur, an der sich alle beteiligten. Nicht selten kam es vor, dass  auch einige Extrastunden aus freien Stücken in Kauf genommen wurden. Dies fiel vor allem in die Zeit der intensiven Redaktionsphase gegen Ende des Kurses. Sie stellte für uns alle die Kür dar, da hier nicht nur die eigenen Texte, sondern alle Werke mehrfach redigiert werden mussten, bis sie von Umfang und Duktus her stimmig waren.

Es sei an dieser Stelle angemerkt, dass der Kurs erst verspätet starten konnte und sich auch deshalb einige Aufgaben in die vorlesungsfreie Zeit verschleppten. Der Dozentin ist es dabei anzurechnen, dass sie dennoch alle Termine und Deadlines im Blick hatte, sodass wir uns auf die Inhalte konzentrieren und im Zeitplan bleiben konnten. Sie wirkte dort auf uns ein, wo unsere Arbeit zu zerfasern drohte, sodass wir schließlich pünktlich zum neuen Semester das Projekt mit dem gedruckten Folder abschließen konnten.

Gewinn der Übung war für uns neben dem Kennenlernen der redaktionellen Arbeit der Effekt, den wir auch mit dem Folder vermitteln möchten, nämlich ein neuer Blick auf unseren Campus. Darüber hinaus ein Vertiefen unseres kunsthistorischen Wissens, speziell was die Kunst und Architektur der Nachkriegszeit angeht. Im weitesten Sinne aber auch die Stärkung von Softskills wie Teamfähigkeit, Zeitmanagement und Engagement.

Allem voran hat es uns aber einfach viel Freude bereitet, auf kunsthistorische Schatzsuche zu gehen und unseren Kommiliton/innen und allen Interessierten die Entdeckungen zu präsentieren!

Viel Spaß bei der Campus re-view wünschen: Lupita Quintana Böhnke, Sarah Paulinsky, Hadja Rastagar, Almut Rix, Elisa Schermer, Nikolai Ziemer, Lisei Ziesmer, Susanne Schwertfeger

 

Dieses Projekt wurde vom PerLe-Fonds für Lehrinnovation gefördert

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