Kunstdidatik [neu]: Ästhetische Projekte im Web 2.0

Studierende gestalten und evaluieren Unterricht mit interaktiven Videos

Universität und Schule als Orte qualitativ-empirischer Forschung: Im Lehrprojekt „Kunstdidaktik [neu] verorten“ haben Lehramtsstudierende Formen ästhetischer Auseinandersetzung unter Einbezug zeitgemäßer Medien auf ihre Wirksamkeit hin untersucht.

Text: Martina Ide (Projektinitiatorin)

Das Projekt Kunstdidaktik [neu] verorten hat die Idee der vorhandenen Praxisphase im Lehramtsstudium aufgegriffen und Studierenden bereits zu einem frühen Zeitpunkt innerhalb des Studiums im Fach Kunst (BA) die Möglichkeit geboten, erworbenes Theoriewissen unmittelbar in Unterrichtsszenarien zu transferieren. Das Konzept nutzte die Synergien aus fachlicher und didaktischer Beratung sowie studentischer Einflussnahme und schaffte eine enge Verbindung von fachdidaktischer Theorie und schulischer Praxis. Studierende konnten so fachliches Wissen, künstlerisch-praktisches Handeln und konzeptuelles Planen und Vermitteln unter professioneller Anleitung erproben und evaluieren. Fragen zur Planung von Unterricht wurden mit Modellen und Theorien verzahnt und dabei kritisch reflektiert. Vor diesem Hintergrund lernten die Studierenden Diagnoseinstrumente sowohl zur Beobachtung als auch zur Beurteilung von Unterricht kennen, zugleich erfuhren und reflektierten sie die Wirksamkeit ihres Handelns.

Das Projekt fand an der Schnittstelle von universitärer Ausbildung und Schule statt, in Kooperation mit einem Kieler Gymnasium. Es war implementiert in das Modul Methodische Planung, Durchführung und Analyse von Unterricht im Fach Kunst (FD2), BA. Darin erwerben Studierende unter anderem die Fähigkeit, eine Unterrichtsstunde altersangemessen, schülerorientiert und unter Einbezug zeitgemäßer Medien zu planen, durchzuführen und zu beurteilen.

 

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Scrennshot aus dem Arbeitsprozess mit der Software HyperVid.

 

Die ästhetische Auseinandersetzung erfolgte im Kontext der Thematik Heimat, Ort, Erinnerung… Spurensuche Porträt und untersuchte Formen der Identitätskonstruktion sowie Fragen zum Selbst- und Fremdbild. Dabei waren die Studierenden aktiver Teil aller Prozessbausteine des Projekts, entwarfen und realisierten die Konzeption für das Unterrichtsvorhaben. Ziel war die Gestaltung visueller Hyperstrukturen mittels non-linearer Narrations-Strukturen in Form interaktiver Hypervideos (Erläuterungen in der rechten Spalte). Material und Anlass der Reflexion waren u.a. Beobachtungen aus dem Alltag oder dokumentarische Aufzeichnungen aus dem Lebensraum der Schülerinnen und Schüler. Im Fokus stand das Video, als ein vom Film abstammendes zeitbasiertes Multimedium, das sowohl Sound und bewegtes Bild als auch Text- und Bildsprache mittels elektronischer Aufzeichnung in sich vereinen kann.

Für die Gestaltung von interaktiven Videos wurde die am Institut für Multimediale und Interaktive Systeme der Universität zu Lübeck entwickelte Lernapplikation HyperVid1 verwendet. Von Interesse war dabei, inwiefern die didaktischen Implikationen der Software HyperVid Formen der Wahrnehmung und ästhetischen Reflexion im Rahmen von Kunstunterricht beeinflussen.

Ästhetisch-strukturierte Lehr-Lern-Prozesse besser verstehen

Studierende lernten Verfahren qualitativ empirischer Forschung kennen und erweiterten ihre diagnostische Kompetenz, so dass sie in Anbindung an das eigene Projektvorhaben verstehen konnten, wie das Bedingungsgefüge von Unterricht differenziert zu betrachten und die ästhetische Auseinandersetzung auf ihre Wirksamkeit hin zu untersuchen sind. Des Weiteren fokussierte die Konzeption, digitale Technologien in handlungsbezogene Lernangebote zu integrieren. Das Projekt sensibilisierte dafür, dass Kunstunterricht mit zeitgemäßen Medien ein wichtiger Baustein für Schule auf dem Weg zur medienkompetenten Schule ist. Kompetenzen im Umgang mit zeitgemäßen Medien von Studierenden können durch eine Verankerung und Erprobung im universitären Ausbildungskontext angebahnt werden.

Angewendet wurden Verfahren der qualitativen Empirie mit dem Ziel, ästhetisch-strukturierte Lehr-Lern-Prozesse in ihrer Bedeutung und Wirkung zu verstehen. Als Erhebungsinstrumente haben die Studierenden die teilnehmende Beobachtung und das nichtstandardisierte Einzel- und Gruppeninterview genutzt, die mit inhaltlichen Themen arbeiten, jedoch dem Prinzip des natürlichen Gesprächsverlaufs Raum geben.

 

Implementiert in das Seminar war ein Vortrag von Dr. Jörg Grütjen (Düsseldorf) zum Thema Qualitativ empirisches Forschen in der Kunstpädagogik.

Zum Inhalt:  Was heißt es, qualitativ empirisch zu forschen? Die Leistungen und auch Schwierigkeiten qualitativer Methoden werden deutlich, wenn man sie zur Veranschaulichung Merkmalen quantitativer Ansätze gegenüberstellt. Wichtig ist auch, Forschungs- und Beobachtungsmethoden hinsichtlich spezifisch kunstpädagogischer Relevanz kennenzulernen: Denn die Wahl empirischer Forschungsmethoden sollte dem jeweiligen Gegenstand, also etwa Kunstunterricht in der Schule, angemessenen sein. Und: Welche Untersuchungsschritte sind schon bei der Planung zu bedenken, so dass Beobachtende auch neue oder bisher kaum beachtete Phänomene entdecken? Worauf ist etwa bei narrativen Interviews, teilnehmenden Beobachtungen, Fotoanalysen zu achten? Welche Forschungsbeispiele aus der Kunstpädagogik könnten als aktuell relevant bezeichnet werden?

Dieses Lehrvorhaben wurde mit dem PerLe-Fonds für Lehrinnovation gefördert

 

Kontakt

Martina Ide
Ide@kunstgeschichte.uni-kiel.de

Literatur (Auswahl)

1 Martina Ide, Thomas Winkler: Hypervideo - Neue ästhetische Projekte im Web 2.0. Hyperstrukturen in Lernprozessen, in: Chancen digitaler Medien für Kinder und Jugendliche. Medienpädagogische Konzepte und Perspektiven, hg. v. Jürgen Lauffer u. Renate Röllecke, München 2012.

Thomas Winkler, Martina Ide, Michael Herczeg: YouTube Annotations: Reflecting Interactive, Web based Hypervideos in Teacher Education, in: Proceedings of Society for Information Technology & Teacher Education International Conference (SITE). AACE. 3517-3524.

Jochen Gläser, Grit Laurel: Experteninterviews und qualitative Inhaltsanalyse als Instrumente rekonstruierter Untersuchungen. 4. Auflage, Wiesbaden 2010.

Jan Kruse: Qualitative Interviewforschung. Ein integrativer Ansatz. Mit Gastkapiteln von Christian Schmieder, Kristina Maria Weber sowie Thorsten Dresing du Thorsten Pehl. Weinheim 2014.

Georg Peez: Evaluation ästhetischer Erfahrungs- und Bildungsprozesse. Beispiele zu ihrer empirischen Erforschung, München 2005.

Georg Peez: Handbuch Fallforschung in der Ästhetischen Bildung/Kunstpädagogik. Qualitative Empirie für Studium, Praktikum, Referendariat und Unterricht, Baltmannsweiler 2007.

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