Einblicke & Praxistipps zur Flüchtlingsberatung

Refugee Law Clinic Kiel: Studierende veranstalten Workshopreihe

Die rechtliche Ausbildung ist geschafft, die Vorlesung im Asylrecht liegt hinter den Mitgliedern der Refugee Law Clinic Kiel (RLCK). Jetzt soll es losgehen: kostenlose Rechtsberatung von Studierenden für Geflüchtete! Aber wie führt man eigentlich so ein Mandantengespräch? Und welche psychologischen oder kulturellen Besonderheiten sind zu beachten? Um diese Fragen zu beantworten haben die Mitglieder der RLCK mit Unterstützung durch das Projekt erfolgreiches Lehren und Lernen (PerLe) eine Veranstaltungsreihe organisiert.


 

Text: Isabelle Haßfurther, Celia Renz
(Refugee Law Clinic Kiel)

A. Unsere Veranstaltungsreihe von Studierenden für Studierende

Im Wintersemester 2015/2016 lief der erste Ausbildungsdurchgang der Refugee Law Clinic Kiel (RLCK) an, nachdem der Plan der Einrichtung einer solchen Initiative von Jura-Studierenden nach angloamerikanischem Vorbild schon längere Zeit bestanden hatte. Die Grundidee hinter der Refugee Law Clinic ist schnell erklärt: Wir Jurastudierenden helfen Geflüchteten, indem wir ihnen kostenlose Rechtsberatung bei asyl- und aufenthaltsrechtlichen Fragestellungen anbieten. Ziel ist es, denjenigen rechtliche Hilfestellung zu bieten, die eine kostenpflichtige Beratung wegen sozialer oder finanzieller Hürden nicht in Anspruch nehmen können. Gesellschaftliches Engagement und praktischer Erfahrungsgewinn gehen dabei Hand in Hand: Ratsuchende erhalten kostenlos Rechtsberatung und Studierende können erlerntes Wissen anwenden.

Die Rechtsberatung begann im März 2016. Jeden Mittwoch berieten nun zwei Teams à zwei Berater_innen in den Räumen des Flüchtlingsrates Schleswig-Holstein e. V.. Die Studierenden hatten bereits an einer Vorlesung zum Aufenthaltsrecht sowie begleitend an praxisorientierten Workshops teilgenommen. Im Interesse sowohl der Hilfesuchenden als auch der Studierenden war es uns ein Anliegen, auch darüber hinaus die fortlaufende vertiefende Ausbildung unserer Rechtsberater_innen zu sichern. Hieraus entstand die Idee für eine Veranstaltungsreihe, die durch den PerLe-Fonds für Lehrinnovation unterstützt worden ist.

1. Die Idee

Hinter der Veranstaltungsreihe stand das Konzept, ein Angebot aus der Initiative selbst heraus zu entwickeln, das vor allem durch den Austausch zwischen Beratenden und Praktiker_innen den Bedarf an vertiefender Ausbildung decken sollte. Das Asyl- und Aufenthaltsrecht ist nicht nur eine sich inhaltlich ständig verändernde Materie, sondern auch ein sehr komplexes Rechtsgebiet, dessen Anwendung durch die faktischen Gegebenheiten noch erschwert wird: Kulturelle Missverständnisse zwischen Beratenden und Geflüchteten, emotional herausfordernde Betreuung bei Anhörungen vor dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), große Fallzahlen und unterschiedliche Spruchpraxis bei den Gerichten sowie ein aufgeheiztes öffentliches Diskussionsklima stellten nur einige Bereiche dar, mit denen wir uns auseinandersetzen wollten.

Die in den Workshops erlernten sozialen Kompetenzen und das Fachwissen sollten dann durch die Teilnehmenden als Multiplikator_innen an Mitstudierende weitergegeben werden. Zudem erhofften wir uns, zwischen Studierenden und den Referent_innen ein Netzwerk aufzubauen. Dafür sollten unterschiedliche Formate je nach Fragestellung, Publikum und Nachfrage gewählt werden. Uns schwebten Workshops, Vorlesungen, Diskussionsveranstaltungen und kreative Formate wie eine Theateraufführung vor.

2. Die Inhalte

Bei acht Workshop-Terminen sollten unsere Mitglieder ihre Kompetenzen ausbauen, auch Interessierte anderer Fachrichtungen waren bei den Veranstaltungen herzlich willkommen. Uns ging es darum, in unserer Ausbildungsreihe von Studierenden für Studierende praxisbezogene Aspekte der Beratungstätigkeit in den Vordergrund zu stellen und so die klassische universitäre Ausbildung um Kernkompetenzen wie Rhetorik und Auftreten für den Umgang mit Mandant_innen zu ergänzen.

Durch die Einbindung externer Referent_innen aus der Justiz, der Anwaltschaft oder aus Sozialberatungsstellen wollten wir die Möglichkeit nutzen, über die rechtliche Einschätzung hinaus verschiedene Facetten der Beratung kennenzulernen. Einerseits sollte den Beratenden der Law Clinic vermittelt werden, ihre theoretischen Kenntnisse optimal anzuwenden, zu erweitern und weiterzugeben. Andererseits hofften wir durch eine solche Veranstaltungsreihe auch insgesamt zur interdisziplinären, praxisorientierten und konstruktiven Diskussion über die Situation geflüchteter Menschen beizutragen.

B. Es geht los – Planung, Organisation und Herausforderungen

Bereits vor der Bewilligung unseres Antrags beim PerLe-Fonds für Lehrinnovation hatten wir uns Gedanken gemacht, welche Themen abgedeckt werden sollten und welche Referent_innen wir dafür gewinnen könnten. Als dann die Zusage von PerLe kam, konnte es losgehen.

1. Didaktisches Konzept, Planung und Kontaktaufnahme

Der erste und aufwendigste Schritt war die Konzeptionalisierung und Kontaktaufnahme zu unseren Kooperationspartner_innen. Dies umfasste zunächst, für das jeweilige Themenfeld ein geeignetes Format zu wählen, wobei wir für die interdisziplinären, für ein größeres Publikum gedachten Termine Vorträge, Theater und Diskussion vorzogen. Für die anwendungsbezogenen und primär als Fortbildung für die Beratenden geplanten Themen boten sich Workshops an. Mit einer groben Idee des jeweiligen Ablaufs traten wir dann an Praktiker_innen heran – in vier Fällen mit Erfolg.

Weil der Förderzeitraum bereits kurz nach der Zusage von PerLe anlief, blieb uns nur sehr wenig Zeit, um Referent_innen für unsere Sache zu begeistern, was uns leider auch einige Absagen einbrachte. Nach gründlicher Überlegung entschieden wir uns dagegen, auch in der vorlesungsfreien Zeit Veranstaltungen anzubieten. Es war aus unserer Sicht nicht zu gewährleisten, in den Semesterferien ausreichend Studierende zur Teilnahme zu motivieren. Leider verkleinerte sich das Zeitfenster für die geplanten Veranstaltungen dadurch jedoch um fast drei Monate.

2. Werbung und Durchführung der Workshops

Nachdem die Termine für die einzelnen Veranstaltungen feststanden, galt es, diese so zu bewerben, dass sich möglichst viele Student_innen angesprochen fühlten. Um die visuelle Präsenz der Refugee Law Clinic Kiel auf dem Campus zu verstärken, entwickelten wir – angelehnt an unser Logo – ein Werbeplakat für die ersten drei Veranstaltungen. Ergänzend schufen wir auf unserer Website die neue Rubrik „Veranstaltungen” und riefen auch über unser Facebook-Profil zur Teilnahme auf. Rückblickend hat sich letztere Methode, die Bewerbung über Social Media, als die effektivste herausgestellt – nicht zuletzt dank der „Teilen“-Funktion, die ohne großen Aufwand eine Vielzahl von Facebooknutzer_innen auf uns aufmerksam machte.

Kleinere Schwierigkeiten ergaben sich in Hinblick auf das Anmeldeverfahren. Wir mussten die Erfahrung machen, dass die meisten Studierenden sich erst sehr kurzfristig für eine Teilnahme entschieden, weshalb wir wenig Planungssicherheit hatten. Die eigentliche Durchführung der Veranstaltungstermine gestaltete sich dann aber problemlos. Für die in Kiel stattfindenden Workshops konnten wir über PerLe und als Hochschulgruppe Hörsäle und Seminarräume in der Universität reservieren. Der Workshop mit der Kanzlei Hogan Lovells International LLP fand in den Räumlichkeiten der Kanzlei statt. Auch die Unterbringung der auswärtigen Referenten konnte mit Unterstützung von PerLe organisiert werden.

C. Rückblick und Fazit

Schlussendlich konnten wir im Förderzeitraum von April 2016 bis Dezember 2016 vier Veranstaltungen realisieren: Einen Workshop zum erfolgreichen Mandantengespräch unter Leitung von vier Anwälten der Kanzlei Hogan Lovells International LLP in Hamburg; einen Vortrag von Richterin am Verwaltungsgericht Dr. Katharina Bork unter dem Titel „Das asylrechtliche Verfahren vor dem VG – Prozessuale Besonderheiten und richterliche Entscheidungsfindung“; eine Gruppensupervision für Beratende und die organisatorische Leitung der RLCK mit Frau Juliane Ade von boscop (berlin open space cooperative eg); sowie einen Workshop zu „Häufigen Fragestellungen in der Flüchtlingsrechtsberatung – Die aktuelle Rechtslage aus Anwaltssicht“ mit Rechtsanwalt Jens Dieckmann.

Anders als ursprünglich geplant, war die Veranstaltung mit Herrn Dieckmann im Oktober 2017 bereits die letzte der Reihe. Zwar standen wir zu diesem Zeitpunkt bereits in engem Kontakt mit weiteren Referent_innen. Geplant hatten wir Vorträge zum Umgang mit Traumata durch das Zentrum für Integrative Psychiatrie Kiel, eine Vorlesung zum Dublin-System, eine Theateraufführung der „Bühne für Menschenrechte“ und eine Podiumsdiskussion mit Praktiker_innen aus dem Bereich der Flüchtlingsrechtsberatung. Formelle Anforderungen in der Fördervereinbarung, der erhebliche – einzig im Rahmen einer studentischen Initiative kaum zu meisternde – Organisationsaufwand für einzelne Veranstaltungen sowie kurzfristige Absagen von Referenten führten jedoch dazu, dass die übrigen vier Veranstaltungen nicht mehr durchgeführt werden konnten. Insofern wurde uns das Zusammenwirken und die erforderliche Abstimmung zwischen verschiedenen Ebenen (Referent_innen, Law Clinic, Teilnehmer_innen, PerLe) ein wenig zum Verhängnis.

Unser Tipp für zukünftige Initiativen, die ein ähnliches Vorhaben verfolgen: Tretet an Kooperationspartner und Referenten wenn möglich schon vor der Förderzusage heran. Erhaltet ihr die Zusage, habt ihr einen großen Teil der Arbeit schon geleistet und euch frühzeitig einen Tag in den – zumeist vollen – Terminkalendern gesichert. Klappt es nicht, habt ihr jedenfalls den Kontakt zu der jeweiligen Person oder Gruppe gewonnen und könnt ihn sicher gewinnbringend im Rahmen eines anderen Projekts einsetzen.

Sinnvoll ist es zudem, eine Art „Reserveteam“ für anfangs nicht bedachte, jedoch im Verlauf des Projekts anfallende Aufgaben zu aufzustellen. Obgleich es regelmäßig effektiver ist, Projekte in kleinen Gruppen auszuarbeiten, vermeidet ihr so die Überforderung aufgrund eines so nicht erwarteten Organisationsumfangs.

Nichtsdestotrotz war die Veranstaltungsreihe für alle Beteiligten ein großer Erfolg. Insbesondere die Berater_innen konnten ihre Kenntnisse im Dschungel des Asyl- und Ausländerrechts vertiefen. In allen Veranstaltungen blieb ausreichend Zeit für Diskussionen, Fragen und Anregungen – dies entspricht unserem Wunsch, unsere Berater_innen nicht nur als Anwender von Rechtsnormen auszubilden, sondern gleichzeitig einen Raum für Kritik, Reflexion und Diskussion zu schaffen. Der interdisziplinäre Austausch wurde angeregt und könnte durch weitere Veranstaltungen, etwa in Form der angedachten, jedoch nicht durchgeführten Termine, vertieft werden Die Kontakte, mit denen wir innerhalb des Förderzeitraumes leider keinen Termin mehr vereinbaren konnten, sind uns erhalten geblieben.

Die hohe Anzahl von Anmeldungen für den neuen Ausbildungsturnus zeigt, dass die Veranstaltungsreihe zudem dazu beigetragen hat, der RLCK ein Gesicht auf dem Campus zu verleihen. Insbesondere die Studierenden der Rechtswissenschaften sehen eine Mitarbeit in der Law Clinic als sinnvolle Bereicherung ihres Studiums an. Hiervon profitieren am Ende die Ratsuchenden, die sich mit ihren Problemen an engagierte und gut ausgebildete Berater*innen wenden können, und denen die Arbeit der Law Clinic in erster Linie zugutekommen soll. Besonders gefreut haben wir uns darüber, dass viele der Teilnehmer_innen angegeben haben, sich durch die Veranstaltungsreihe angeregt zu sehen, sich weiterhin oder erstmals gesellschaftlich zu engagieren.

D. Perspektiven

Im Anschluss an die Veranstaltungsreihe startete der zweite Ausbildungsdurchgang für zukünftige Berater_innen. Die dafür verantwortlichen Studierenden konnten auf die in der Veranstaltungsreihe gesammelten Erfahrungen zurückgreifen und von den geknüpften Kontakten profitieren. So wurde der Workshop bei der Kanzlei Hogan Lovells wiederholt und Themen, die eigentlich schon Gegenstand der Veranstaltungsreihe sein sollten, konnten in das neue Ausbildungsprogramm integriert werden. Die Ausbildung der neuen Berater_innen ist nun abgeschlossen und wir starten mit vielen neuen Gesichtern und gut ausgebildeten Studierenden in das zweite Beratungsjahr. Insgesamt sind derzeit 46 Student_innen beratend tätig.

Ab März 2017 hat die RLCK ihr Angebot erweitert und an wöchentlich zwei Tagen in den Räumlichkeiten des Flüchtlingsrats tätig sind. Nicht zuletzt die engere Zusammenarbeit zwischen Berater_innen und Mitgliedern des Organisationsteams sowie eine neue Teamstruktur, die wir mithilfe der Gruppensupervision erreicht haben, haben die Erweiterung des Beratungsangebots ermöglicht. Dadurch, dass  die Refugee Law Clinic Kiel inzwischen ein eingetragener Verein ist, können wir  auch Spendenbescheinigungen ausstellen. Zudem verfügt sie über eine eigene Rechtsfähigkeit. Die Finanzierung und das Auftreten nach außen, etwa das Abschließen von Verträgen im Namen der Law Clinic, werden dadurch unkomplizierter.

Inzwischen die Beratertätigkeit sogar von der juristischen Fakultät als Schlüsselqualifikation in den Studienplan der Studierenden der Rechtswissenschaften aufgenommen worden. Für uns bedeutet dies einen vorläufigen Höhepunkt unserer Arbeit: Wir sehen darin eine Anerkennung des Engagements aller Mitglieder der RLCK durch die Universität und die Bestätigung, dass die Refugee Law Clinic Kiel qualitativ hochwertige Rechtsberatung anbietet. Die Durchführung der Veranstaltungsreihe war ein Meilenstein auf diesem Weg.

Dieses Projekt wurde mit dem PerLe-Fonds für Lehrinnovation gefördert

 

Weiterführende Links

zu den Seiten der Refugee Law Clinic Kiel

 

 

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