Leichte Sprache: Leicht zu verstehen, schwer zu meistern

Über ein Seminar bei Herrn PD Dr. Alexander Lasch

Praxisnahes Arbeiten mit abwechslungsreicher Didaktik und innovativen Tools: Der Kurs „Leichte Sprache – einfache Sprache?“ hat den Deutschstudenten André Westphal in vielerlei Hinsicht überrascht. Ein Erlebnisbericht.

Text: André Westphal

Brauchen wir überhaupt eine explizit Leichte Sprache? Manch einer könnte einwenden, dass ihm oder ihr eine komplexe Wissenschaftssprache allemal lieber sei als WhatsApp-Slang oder ein Bombardement mit Emojis. Wer diesem Gedankengang folgt, versteht Leichte oder auch Einfache Sprache allerdings falsch. Leichte Sprache richtet sich nämlich ausdrücklich an einen speziellen Adressatenkreis: An jene Menschen, die Probleme damit haben, Texte zu lesen, die andere als selbstverständlich hinnehmen. Zielgruppe der Leichten Sprache sind Menschen mit sprachlich-kognitiven Einschränkungen und Demenzerkrankungen ebenso wie zum Beispiel Menschen mit Migrationshintergrund. Da fällt es natürlich schwer, eine Leichte Sprache für alle zu entwickeln.

Genau zu diesem Thema habe ich im Sommersemester 2016 bei Herrn PD Dr. Alexander Lasch am Seminar „Leichte Sprache – einfache Sprache? Empirische Zugänge zu einer Varietät der Verständlichkeit“ teilgenommen. Ich ging ohne Vorwissen in den Kurs und wurde gleich in mehrfacher Hinsicht überrascht – sowohl thematisch als auch durch die didaktische Aufbereitung des Seminars. Denn ja, ich marschierte etwas blauäugig in den Kurs und erwartete „irgendwas mit möglichst leicht lesbaren Texten“. Es erschloss sich mir dann aber, zumindest in Teilen, ein sehr komplexes Themengebiet, das ich wirklich spannend finde. Deshalb hat sich für mich nun die Gelegenheit ergeben, hier im Lehre-Blog der CAU das Seminar von Alexander Lasch vorzustellen. Zwei weitere Beiträge werden folgen, in denen ich auch die Meinungen einiger anderer Kursteilnehmender sammeln möchte. Zum Abschluss werde ich schildern, was ich selbst aus dem Seminar für mich mitnehmen konnte.

Blended Learning: Kollaboratives Arbeiten mit Apps & Pads

Die Lehrveranstaltung war in vielerlei Hinsicht einzigartig. Beispielsweise hat Alexander Lasch mit modernen Apps und Kommunikationsmitteln gearbeitet, die zumindest mir sonst an der Universität noch nicht begegnet waren. Dazu zählte PiratePad, um Texte online kollaborativ zu bearbeiten, die webbasierte Projekt-Management-Software Trello und der Messenger Telegram, mit dessen Hilfe wir auch außerhalb der Seminarzeiten untereinander kommunizieren konnten. Ich gebe zu: Ein Fan von Trello werde ich nie sein, doch gerade der Einsatz von Telegram im Seminar erwies sich für mich tatsächlich als extrem produktiv. So werden in der Seminargruppe bis heute regelmäßig Beiträge geschrieben. Beispielsweise konnte unkompliziert über die Abgabetermine der Hausarbeiten oder andere Formalia diskutiert werden.

Überrascht hat mich in diesem Zusammenhang nicht nur die Kommunikationsfreude meiner Kommiliton_innen, sondern auch die locker-offene Art von Alexander Lasch selbst, der das Klima in der Gruppe informell und angenehm hielt. Ich denke, gerade dadurch ist die Gruppe heute noch lebendig geblieben – Monate nachdem das Seminar eigentlich zu Ende gegangen ist. Ich selbst finde klasse, dass auf Augenhöhe miteinander gesprochen wird – so wie es sich letzten Endes ja schon Wissenschaftler wie Karl Jaspers in der Mitte des letzten Jahrhunderts in „Die Idee der Universität“ gewünscht haben.

Praktisch arbeiten und forschen im Workshopformat

Doch nicht nur die Zuhilfenahme von Apps, mobilen Endgeräten und webbasierten Produktivitäts-Lösungen für das gemeinsame Arbeiten haben mich positiv überrascht. Klar, als IT-Blogger horche ich da als erstes auf. Auch inhaltlich und in seiner Ausführung war das Seminar für mich etwas Besonderes. Zwar begann Alexander Lasch – wie sollte man auch anders anfangen – mit einer theoretischen Einführung in die Aspekte der Leichten Sprache. Rasch entwickelte sich der Kurs aber zu einer Art Workshop. So wurde vor allem praktisch an Leichter Sprache gearbeitet: In Zusammenarbeit mit dem Martinsclub Bremen e. V. sowie dem Deutsches Historisches Museum (DHM) in Berlin fand eine Aufarbeitung von Texten in Leichter Sprache statt, die tatsächlich von den jeweiligen Institutionen eingesetzt werden sollten.

Dadurch wurde das Seminar zu „Praxis pur“. Viele der Kommiliton_innen fuhren für empirische Tests nach Bremen und Berlin, um dort direkt mit Gruppen aus Adressatenkreisen der Leichten Sprache zu arbeiten. Auf diese Weise wurden die Ergebnisse aus dem Seminar direkt in der Realität überprüft, was wiederum zu einigen unerwarteten Ergebnissen führte.

Regeln für Leichte Sprache nicht ausreichend empirisch belegt?

Für Texte in Leichter Sprache gibt es viele Vorgaben durch das Netzwerk für Leichte Sprache. Ich möchte an dieser Stelle nicht alle aufzählen, sondern nur einige, sehr prägnante Regeln nennen: Etwa sollen Texte in Leichter Sprache Abkürzungen, Silbentrennung am Zeilenende, Verneinungen sowie Konjunktiv-, Passiv- und Genitiv-Konstruktionen vermeiden. Wie sich bei unseren Tests jedoch herauskristallisierte, wurden beispielsweise Passivkonstruktionen und Verneinungen von den Adressaten in der Regel bestens verstanden. Zudem empfanden die Testpersonen die  gegebenen Sätze oft als zu leicht. Hier eröffnen sich viele spannende Anknüpfungspunkte für die Forschung. Aktuell scheinen die Regeln für Leichte Sprache jedenfalls noch nicht ausreichend empirisch belegt zu sein und eher auf Spekulationen zu basieren.

Das Problem ist – auch das wurde im Seminar immer wieder herausgearbeitet –, dass Leichte Sprache sogar zu einem Stigma werden kann: Kommt eine zu simple, zu grobe Sprache zum Einsatz, verfallen die Inhalte in Oberflächlichkeit. Dann fühlen sich die Adressaten nicht verstanden, sondern verschaukelt. Die Unterschiede können klein aber fein sein: „Sie können mit der Bahn reisen“ oder „Mit der Bahn können Sie reisen“ – welcher Satz eignet sich besser für die Adressatenkreise der Leichten Sprache? Im Seminar wurde aktiv an solchen Fragen geforscht.

Mir hat der Kurs deswegen wirklich viel Spaß gemacht. Ob das wohl auch den anderen Kommiliton_innen so ergangen ist? Im Folgebeitrag werde ich ein paar Aussagen anderer Seminarteilnehmer vorstellen – schließlich soll es nicht nur um meine Eindrücke gehen.

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