Lesart – Die andere Art zu lesen

Lernen selbst gestalten: Studentischer Lesekreis zelebriert das Debattieren

Ein Interview mit Julian Temerow und Hanna Kieschnick vom Referat für politische Bildung über einen neuen politischen Lesekreis an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

Interview: Janina Bankstahl (Studentin/PerLe)

 

 

Viele stellen sich Universität vor Beginn des Studiums als Raum für ausufernde Debatten vor, leider kann das in der Realität oft nicht umgesetzt werden: Die Lust am Diskutieren zerschellt an unterschwelligem Leistungsdruck und lieblos gestalteten Referaten. In anderen Studiengängen bleibt zwischen Forschungspraktikum und Prüfungsordnung schlicht keine Zeit für Diskussionen über die Grundlagenliteratur. Vielleicht lässt sich an dieser Stelle Systemkritik üben, aber vielleicht ist es auch einfach an der Zeit, eigene Freiräume zu schaffen. Genau das haben Charlotte, Baran, Julian und Hanna vom Referat für Politische Bildung getan. Sie haben ihren eigenen Freiraum gekapert und gestalten seit dem Sommersemester 2017 einen Lesekreis, der Studierenden die Möglichkeit gibt, in legerem Rahmen über politische Literatur zu diskutieren. Abseits von Seminaralltag und Benotungsdruck liefern sie ein Beispiel dafür, dass Lehre aktiv mitgestaltet werden darf. Ein spannender Ansatz, über den die Mitveranstalter Hanna und Julian im Interview berichten.

 

Dieses Jahr geht das Leseprojekt Lesart bereits in die zweite Runde. Wie seid ihr eigentlich  ursprünglich auf die Idee gekommen, ein solches Angebot auf die Beine zu stellen?

Hanna Kieschnick: Ich bin zwar etwas später zum Referat für politische Bildung dazugestoßen, aber habe damals in meinem Bewerbungsgespräch schon erzählt, dass ich es spannend fände, auch einmal abseits der Seminare in anderer Atmosphäre über politische Literatur zu reden. Ohne, dass ein Benotungsdruck dahinter steckt und man Angst hat, seine Gedanken zu äußern. Lustigerweise hatte das Referat damals schon so etwas in Planung.

Julian Temerow: Die Idee war tatsächlich schon länger da, zum Teil auch durch andere Lesekreise inspiriert, die im Bekanntenkreis stattgefunden hatten. Ein weiterer Anstoß war ein Marx-Workshop vom Referat für politische Bildung. Der war insofern interessant, als dass im Studium diese Art des Diskutierens nur ganz selten vorkommt. Im Endeffekt ist die Lesart vermutlich im persönlichen Gespräch zwischen mir und Charlotte, die letztes Jahr noch Teil des Referats für politische Bildung war, entstanden.

 

Jetzt ist schon ein paar Mal der Begriff Referat für politische Bildung gefallen, der die Lesart ins Leben gerufen hat. Wer genau gehört alles dazu?

Hanna Kieschnick: Wir sind zurzeit zu dritt: Julian, Baran und ich. Julian und Baran studieren beide Geschichte und Politikwissenschaft und ich studiere Internationale Politik und Internationales Recht. Außerdem war Charlotte damals noch mit dabei, aber die ist zurzeit in Wien im Auslandssemester und studiert Philosophie und Soziologie.

Grundsätzlich initiieren und organisieren wir den Lesekreis zwar, das heißt: Wir suchen die Literatur aus und bieten das Projekt an. Aber die Idee ist, dass wir auch selbst mitmachen und im Prinzip nicht leiten und vorgeben, was gemacht wird, sondern dass in der Gruppe entschieden wird, wie vorgegangen werden soll. Also zum Beispiel in welchem Tempo gelesen wird.

 

 

Im letzten Semester habt ihr den Sammelband Die Große Regression gelesen und besprochen, dieses Jahr ist es Gesellschaft als Urteil von Didier Erbion. Wie sucht ihr die Literatur für die Lesart aus?

Hanna Kieschnick: Wir sind zwei Tage, nachdem es erschienen war, im Internet über das Buch Gesellschaft als Urteil von Eribon gestolpert. Ein Kriterium bei der Suche war, dass wir ein breites Publikum ansprechen wollten und dass jeder das Gefühl hat, mitmachen zu können. Deswegen haben wir uns gedacht, dass ein aktuelles Werk, das aktuelle Fragen und Debatten thematisiert, die jeden berühren und mit denen jeder schon mal in Kontakt war, die beste Wahl wäre.

Julian Temerow: Für das Buch der ersten Lesart, haben wir ziemlich lange gesucht. Wir hatten ziemlich viele Bücher zur Auswahl und es ist uns auch ziemlich schwer gefallen zu entscheiden. Im Endeffekt haben wir Die große Regression ausgewählt, weil es ein Sammelband mit Beiträgen von vielen verschiedenen Personen ist. Das hat perfekt gepasst.

 

Ihr habt gerade gesagt, dass ihr eine besonders breite Masse ansprechen wollt. Wie haben sich die Teilnehmenden der ersten Lesart zusammengesetzt?

Hanna Kieschnick: Es war wirklich sehr schön, weil sich die Leute von den Studiengängen, den Fakultäten und auch vom Alter unterschieden haben. Ich würde sagen, dass das die Diskussion und den Ansatz total bereichert hat, weil jeder und jede eine andere Herangehensweise hatte. Zum Beispiel lesen Personen, die etwas mit Philosophie am Hut haben, einen Text ganz anders als ich. Auch Studierende der Naturwissenschaften waren dabei, die nochmal eine ganz andere Perspektive mitbrachten.

Julian Temerow: Vor allem auch, weil andere Fragen gestellt werden, als man selbst stellen würde – zum Beispiel Fragen, die man als Politikwissenschaftler vielleicht schon als beantwortet ansieht. Das führt dazu, dass man noch einmal von Null an etwas herangeht. Es war sehr befruchtend, dass so viele unterschiedliche Personen da waren.

 

Was habt ihr euch für Ziele mit dem Projekt gesetzt?

Julian Temerow: Ein Ziel neben der offenen Diskussion ist auf jeden Fall, Freiräume zu nutzen, ohne Angst zu haben, die Note zu beeinflussen oder sich im Seminar zu blamieren. Außerdem wollen wir politisieren und dafür zu sorgen, dass man sich mehr mit gesellschaftlichen Themen auseinandersetzt. Ein weiterer Gedanke ist, vielleicht eine utopische Version von Universität zu realisieren. Auch ich bin damals mit sehr anderen Vorstellungen an die Uni gekommen und finde die Realität teilweise sehr verschult. Da ist es gut mal ein bisschen auszubrechen und Universität selbst nach den Vorstellungen zu gestalten, wie man sich Lehre und Lernen wünscht.

Hanna Kieschnick: Deswegen haben wir das Projekt auch Lesart genannt: Wir wollten eine andere Lesart versuchen. Wir kritisieren damit auch implizit den Seminaralltag an der Universität, wo ein sehr geleitetes Lesen stattfindet. Das Ganze bleibt doch sehr oberflächlich und ist immer schon in eine bestimmte Richtung vorgedacht. Unser Ziel war, dass man sich mit der Lektüre auseinandersetzt und miteinander austauscht, aber den Text auch auf einer tieferen Ebene kritisieren und ihn mit anderen Texten vergleichen kann.

 

Viele Studierende klagen generell schon über viele Texte im Studium und einen straffen Stundenplan. War es deswegen schwer für Euch, dieses Projekt zu etablieren?

Julian Temerow: Die Lesart wurde wirklich ziemlich positiv aufgenommen. Ich würde schon sagen, dass Projekte dieser Art fehlen. Man muss schon danach suchen und sich engagieren, um etwas zu starten. Wir haben das Glück, die Lesart über den ASTA laufen lassen zu können. Dadurch erreichen wir sehr viele Leute und haben finanzielle Mittel, das Projekt zu unterstützen.

 Hanna Kieschnick: Genau. Wir haben für diese Lesart eine Kapazität von 20 Leuten und konnten für diese über den AStA Bücher bereitstellen. Das ist schon echt gut. Viele haben gesagt, dass sie auf ein Projekt dieser Art gewartet haben. Es gab auch Leute, die leider zu dem angesetzten Termin keine Zeit hatten, aber Lust hätten, einen eigenen Lesekreis zu gründen. Aber natürlich gab es auch Rückmeldungen, dass einfach die Zeit fehle und viele im Studium schon einiges zu lesen hätten.

 

Wie genau gestaltet Ihr die Treffen?

Hanna Kieschnick: Beim letzten Buch war es so, dass es verschiedene Kapitel von verschiedenen Autorinnen und Autoren gab und wir uns vorgenommen haben, über das ganze Semester zu jeder Sitzung ein Kapitel zu lesen. Das wurde am Anfang mit allen Teilnehmenden abgesprochen. Es hat sich immer eine Person dazu bereit erklärt, die Autorin oder den Autoren vorzustellen, einen kurzen Überblick über deren Arbeit zu geben und Fragen vorzubereiten, die man an den Text stellen könnte.

Julian Temerow: Das ging bei Der großen Regression natürlich besonders gut. Bei dem aktuellen Buch müssen wir mal gucken, wie wir vorgehen, aber ich würde sagen, das entscheiden wir dann auch mit den anderen zusammen.

 

Wie kann man mitmachen? Gibt es noch die Möglichkeit, sich anzumelden?

Hanna Kieschnick: Wir sind tatsächlich schon voll ausgebucht, schon kurz nachdem die Mail rausging, haben wir total viele Rückmeldungen erhalten

Julian Temerow:  Aber das Konzept soll auf jeden Fall weiterbestehen. Außerdem haben wir schon Kontakt mit einer Interessierten, die eventuell einen eigenen Lesekreis gründen will. Falls das zustande kommt, wäre es bestimmt möglich, interessierte Personen an sie weiterzuleiten. Und wir sind natürlich auch offen dafür, Studierenden dabei zu helfen, ihre eigenen Lesekreise zu gründen. Es war tatsächlich nicht nur ein Ziel von uns, ein Projekt dieser Art zu initiieren, sondern auch, andere zu inspirieren.

 

Wir hoffen sehr, dass Euch das gelungen ist! Vielen Dank für das Interview!

Mitmachen:

Die Lesart 2.0 ist bereits in die nächste Runde gestartet, leider waren zur Zeit des Interviews bereits alle Plätze belegt. 

Aber der AStA hat just via facebook darüber informiert, dass sich gerade ein weiterer Lesekreis gründet: „Wenn du Lust hast, eines der interessantesten Bücher der gegenwärtigen Identitätsliteratur zu lesen, ‚Gesellschaft als Urteil’ von Didier Eribon, so bist du herzlich eingeladen, vorbeizukommen“, heißt es in dem Post. Und weiter: „Existieren Subjekte auch außerhalb von den Strukturen einer Gesellschaft? Ist es möglich, die Strukturen einer Gesellschaft zu überwinden? Mit diesen und ähnlichen Fragestellungen wollen wir uns kontrovers auseinandersetzen. Wir treffen uns ab sofort einmal pro Woche, voraussichtlich freitags gegen 18 Uhr, in der Universitätsbibilothek Kiel, Leibnitzstr. 9. Bei Interesse oder Fragen zu dem nächsten Termin kannst du dich gerne an Katharina wenden: katharina.zachrau@gmail.com.


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