„Da ist mehr drin“

LORCA-Lehrprojekt: Vom Drama als Thema zum Theater als Methode

In der Romanistik haben Lehramts-Studierende einer aktuellen Inszenierung von García Lorcas Bluthochzeit nachgespürt. Mit im Boot: Der Kieler Dramaturg Jens Paulsen, Übersetzerin Dr. Karina Gómez-Montero, Theaterpädagogin Annette Schenk und zwei volle Kieler Schulklassen.

Schwierige fremdsprachliche Literatur, eine aktuelle Inszenierung und ein heterogenes Publikum: Die Eckpfeiler des Lehrprojekts LORCA waren darauf ausgelegt, die Studierenden herauszufordern. Im Rahmen der Veranstaltung erprobten 15 Teilnehmende u. a. den Transfer theaterpädagogischer Methoden an die Schule, moderierten ein Werkgespräch im Theater, reflektierten mit der Übersetzerin Herausforderungen der Übertragung – und erlebten ein und denselben Text dabei immer wieder neu.

Eindrücke aus dem Kurs:

 

Bodas de sangre – das Theaterstück

Thematisch kreiste die Lehrveranstaltung des Romanistik-Dozenten Victor A. Ferretti um García Lorcas Bodas de sangre (dt. Bluthochzeit; *1933) – eine moderne Tragödie, die nicht eben als leichte Kost gilt. Theaterbesucher müssen sich auf ein komplexes Spiel mit sprachlichen und darstellerischen Ebenen einlassen – und darauf, dass eindeutige Interpretationen und einseitige Lesarten bei Lorca nicht greifen.

Akt I und II des Stücks sind rasch zusammengefasst – sie zeigen ein Rachedrama, das in der Enge der andalusischen Provinz einen tödlichen Ausgang nehmen wird. Doch dann der Bruch: Der dritte Akt der Bluthochzeit kommt plötzlich nicht mehr prosaisch, sondern lyrisch daher. Der Mond tritt als Person auf, Holzfäller werden zum antiken Chor. Kurz: Die Symbolik der ersten beiden Akte wird auf der Bühne konkret – eine hermetische Welt, aus der es kein Entrinnen gibt.

Spielerisch zeigt die Theaterpädagogin Annette Schenk, wie eine Figurenkonstellation anhand von Übungen eingeführt werden kann.

Spielerisch zeigt die Theaterpädagogin Annette Schenk, wie eine Figurenkonstellation anhand von Übungen eingeführt werden kann.

Didaktisch reduzieren, Komplexität erhalten

Am Beispiel dieses eigentümlichen Werks erlebten die Studierenden, wie sich selbst dichte Themen angemessen vermitteln lassen. „Eine didaktische Reduktion muss Komplexität nicht unter den Tisch fallen lassen“, so der Romanistik-Dozent, „Grundantrieb war es, nach Wegen zu suchen, wie sich ein ‚Da ist mehr drin‘ zielgruppenspezifisch im Spiel halten lässt.“

Die Studierenden stellten die Bluthochzeit dann auch tatsächlich in Schulklassen der Hebbelschule Kiel und der Toni-JensenGemeinschaftsschule vor. Zuvor hatte es ein fachdidaktisches Mentoring durch die Husumer Lehrerin und Romanistin Julia Binder gegeben. Ziel war es, den Schüler_innen den Zugang zum Stück zu erleichtern – und gleichzeitig deren Neugierde auf die Inszenierung der Bluthochzeit am Kieler Schauspielhaus zu wecken.

So erprobten die Studierenden in ihren Unterrichtseinheiten beispielsweise ein Gerichts-Rollenspiel, in dem die Schüler_innen den Protagonisten des Stücks den Prozess machten. „Mentorinnen an beiden Partnerschulen haben uns dabei beraten, was im Rahmen einer 45- bis 60-minütigen Unterrichtseinheit mit den Schülerinnen und Schülern sinnvoll umsetzbar ist. Das hat prima funktioniert.“

Schnappschüsse

 

Werkgespräch im Theater

Im Anschluss waren die Schulklassen nicht nur für den anstehenden Theaterbesuch, sondern auch für ein Werkgespräch im Schauspielhaus gewappnet, das ebenfalls von den Romanistik-Studierenden auf die Beine gestellt worden war. Dort standen der Dramaturg der Kieler Inszenierung, Jens Paulsen, und die Schauspieler_innen Rede und Antwort; die Studierenden übernahmen die Moderation. Bereits zuvor war Paulsen im Seminar zu Gast gewesen, um Sinn und Zweck eines Werkgesprächs aus Sicht eines Theatermanns zu erörtern.

Auch die Kieler Theaterpädagogin Annette Schenk (Theater Kiel) hatte das LORCA-Seminar besucht, um dort einen theaterpädagogischen Workshop abzuhalten. „Ich habe selten Studierende so enthusiastisch erlebt wie in Frau Schenks Workshop“, sagt Seminarleiter Ferretti rückblickend, „konkrete Anregungen wurden sogar später in die Referatseinheiten integriert.“

Die Übersetzerin

Eine weitere wichtige Rolle im LORCA-Projekt nahm Übersetzerin Dr. Karina GómezMontero ein. Sie hat die Bluthochzeit für die Kieler Inszenierung ins Deutsche neu übertragen – und kannte dabei bereits die Besetzung des Stücks. Bei der Arbeit hatte sie also nicht nur abstrakte Figuren, sondern die Stimmen konkreter Kieler Schauspieler_innen im Sinn. Ihr Besuch im Seminar gab Anlass für rege Diskussionen über die Besonderheiten von Bühnensprache.

Obwohl das LORCA-Projekt den Beteiligten zeitliche Flexibilität und Engagement abverlangte, sind alle an Deck geblieben: „Die Studierenden haben das Seminar-Konzept wirklich mitgetragen“, lobt Ferretti. Dank des positiven Feedbacks wird schon an Neuem gestrickt: „An die gute Zusammenarbeit mit dem Theater und den Schulen wollen wir anknüpfen“, erklärt er, „und auch mal Lehrerinnen und Lehrer in die Lehrveranstaltungen einladen, damit sie uns aus ihrer Unterrichtspraxis über Erfahrungen mit Vielfalt berichten.“

Dieses Projekt wurde durch den PerLe-Fonds für Lehrinnovation gefördert.

  • Mehr spannende Einblicke präsentiert das LORCA-Team via Instagram

 

Auf den Geschmack gekommen? Wenn Sie mehr über das LORCA-Projekt erfahren möchten, wenden Sie sich gern persönlich an Herrn Ferretti!

Kontakt

Prof. Dr. Victor A. Ferretti

victor.ferretti@philhist.uni-augsburg.de

 

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