Methode: Lernreise

Lernerfahrungen aus einem Seminar von Studierenden für Studierende

Eine Lernreise gemäß der „Theorie U“ bietet Teilnehmenden einer Lehrveranstaltung die Möglichkeit, forschend in ungewohnte Umgebungen einzutauchen und dort im Dialog neue Praxiserfahrungen zu sammeln. Studierende und Lehrende der CAU haben dieses Prinzip im „Future City Lab“ kennengelernt. Die Studentin Julia Steinhauer schildert ihre Lernerfahrungen in einem Blogbericht, ergänzt um ein Methodenvideo, das das Prinzip Lernreise am konkreten Beispiel veranschaulicht.

Text: Julia Steinhauer (Studentin)

 

Im Sommersemester 2019 hatte ich die großartige Möglichkeit als Tutorin den Kurs „Future City Lab“ von PerLe (Projekt erfolgreiches Lehren und Lernen) zu begleiten, in dem es darum ging, wie die Hochschule beziehungsweise das Lehren und Lernen der Zukunft aussehen und wie die Universität mehr mit der Gesellschaft zusammenwachsen kann. In diesem Rahmen habe ich dieses Semester auch zum ersten Mal eine Lernreise gemacht. Eine Lernreise? Also ab aufs Segelboot und raus auf die Ostsee? Nee, nicht ganz.

Bei einer Lernreise geht es zwar darum, sich an einen Ort oder in ein Feld zu begeben, das einem eher unbekannt ist, aber das muss keine Reise im üblichen Sinne bedeuten. Es geht vielmehr darum, an den symbolischen Rand des eigenen Wissens zu gehen und bewusst ins Nichtwissen einzutauchen. In meinem Fall ging meine Lernreise zu einem Seminar des an der CAU Kiel angebotenen Kurses „The University of the Students – Building sustainable communities“ (also auf Deutsch: „Die Universität der Studierenden – Aufbau nachhaltiger Gemeinschaften“). Dieser wurde im Sommersemester 2019 von Jana und Marie, zwei Studentinnen des Nachhaltigkeitsmasters der CAU, angeleitet und im Rahmen ihres yooweedoo Changemaker Projekts Wellenschlagen durchgeführt. Das Besondere dieses Seminarformats ist, dass Studierende andere Studierende unterrichten… „Klingt ja spannend!“, dachte ich mir. Denn einen Kurs, der von Studierenden für andere Studierende gegeben wird, hatte ich in meinen bald sechs Studienjahren so noch nicht erlebt. Außerdem fand ich das Thema des Seminars am 15. Mai 2019 sehr spannend: Gemeinschaftsbasiertes Lernen, wozu auch Frauke Godat von PerLe als Expertin eingeladen wurde, um ihre Erfahrungen damit beizutragen.

Und wie läuft nun so eine Lernreise ab? Vor der Lernreise, geht es darum, die eigene Beobachtung zu schärfen, indem man sich eine oder mehrere Fragen überlegt, der/denen man auf der Lernreise gerne nachgehen möchte. Am besten notiert man vor der Lernreise zusätzlich die eigenen Erwartungen dazu, was einen auf der Lernreise erwartet. Das hilft dabei, sich der eigenen Denkstrukturen und mentalen Modelle bewusst zu werden. Während der Lernreise geht es um aktives Zuhören, also darum mit offenem Geist und Herzen zuzuhören. Am einfachsten geht das, indem man seine Empathie und die eigene Faszination oder Neugierde an dem Erzählten als Einstiegspunkt nutzt, um so eine ko-kreative Energie zu ermöglichen. Nach der Lernreise ist es hilfreich, sich Zeit für eine Nachbesprechung bzw. ein Jounaling (eine Form der schriftlichen Reflexion) zu nehmen, um wichtige Dinge, die man beobachtet hat, das eingeschlossen, was man an sich selbst beobachten kann, festzuhalten. Anhand des vor und nach der Lernreise Aufgeschriebenen kann dann geschaut werden, welche Annahmen bestätigt wurden und was von den ursprünglichen Annahmen abweicht.

Worauf ich bei meiner Lernreise achten wollte

Gleich am Anfang des ersten Seminars des „Future City Labs“, bei dem es darum ging, dass Lehrende, Studierende und Vertreter_innen der Zivilgesellschaft in Austausch kommen und gemeinsam und voneinander lernen, kam die Frage „Wie kann das Denken in Konkurrenz überwunden werden?“ auf. Diese Frage, die einer Teilnehmerin des Seminars formuliert hat, brachte mich sehr zum Nachdenken und hat mich über das Semester hinweg begleitet.  Im Hochschulkontext, lässt sich diese Frage besonders auf das Lernen im Miteinander statt im Wettkampf um die beste Note verstehen. Doch wie kann Kooperation aktiv und gezielt gestaltet werden? Die Frage, wie das im Lernkontext geht und wie sich die Teilnehmenden eines Seminars bei verschiedenen Methoden unterschiedlich verhalten, wollte ich auf meiner Lernreise erforschen.

Vor meiner Lernreise zum Seminar von Wellenschlagen, habe ich mir somit vorgenommen, bei meiner Beobachtung besonders darauf zu achten, wann die Aufmerksamkeit der Teilnehmenden besonders hoch ist, und wie die Interaktion und die Atmosphäre oder Stimmung bei verschiedenen Lernformaten und Methoden ist. Meine Vermutung war es, dass die Aufmerksamkeit steigen würde, wenn die Teilnehmenden in Gruppen gemeinsam etwas erarbeiten, da dabei die vom Theorie U-Begründer Otto Scharmer betonte schöpferische und ko-kreative Energie entstehen kann, bei der durch den Austausch unterschiedlicher Teilnehmender Neues entsteht. Bei meiner Lernreise zur Universität der Zukunft wollte ich daher beobachten, was sich an der Gruppendynamik verändert, wenn die klassische Lernhierarchie von Lehrendem und Lernenden aufgelöst wird und war gespannt, welche Verfahren es braucht, um die Teilnehmenden aktiv zu beteiligen, damit Kooperation statt bloßer Konsum gelingt und Konkurrenzverhalten vermieden wird.

In welchem Format lernt man am besten?
Meine Beobachtungen zur Veränderung der Atmosphäre im Seminar

Das Besondere am Seminar von Wellenschlagen ist, dass der klassiche Top-Down Ansatz in der Lehre, bei dem das Lernen sehr auf die Lehrperson zentriert und hierarchisch organisiert ist, zu einem Bottom-Up Ansatz umgekehrt wird. Im Seminar liegt der Fokus auf dialogischem und co-kreativem Lernen im Miteinander, wie es auch bei der Theorie U der Fall ist. So wird von den Lernenden nicht nur Wissen konsumiert, das sie von den Lehrenden empfangen. Vielmehr haben die Lernenden eine aktive Rolle und sind Mitgestalter*innen des Wissens.

Einen direkten Vergleich dazu, wie unterschiedlich die Lernatmosphäre beim Top-Down und Bottom-Up Ansatz ist, konnte ich im Seminar beobachten.

Nach einem kurzen Energizer, angeleitet von den beiden studentischen Lehrenden im Seminar, Jana und Marie, und einem Kurzeinstieg im Kreis, bei dem alle locker und entspannt aussahen und heiter lachten, folgte die Einladung von Frauke Godat von PerLe  an die Teilnehmenden, mit einer anderen Person ins Gespräch zu kommen, die sie bisher noch nicht so gut kannten. Ich beobachtete, wie es viele Teilnehmende sichtlich Überwindung kostete und dass so ein Zusammenfinden in Zweiergruppen jedes Mal eine Form von Reorganisation beinhaltete. Die Entscheidung, welcher der beiden Partner zuerst antwortet, schien

oft zögerlich – da gingen viele Blicke Richtung Boden. Ich bemerkte, dass die Teilnehmenden noch etwas unsicher mit dem Format waren und nicht so recht wussten, wie sie sich verhalten sollten. Es schien als fehlte ihnen Ordnung, sobald sie die gewohnte Lernhierarchie durchbrachen.

Beeindruckend fand ich, wie die Architektur der Fragen das Verhalten der Teilnehmenden beeinflusste. Gleich mit großen und tiefgründigen sowie sehr persönlichen Fragen einzusteigen, schien vielen zu Beginn etwas schwer zu fallen und kosteten sie Überwindung. Die Fragen, die Frauke ihnen stellte waren: „What would you call a life well lived?“, danach, „What is your definition of success?”, und zuletzt, „What are you passionate about?”. Beim Hören der von der Moderatorin gestellten Fragen wurden viele der Teilnehmenden nachdenklich. „Es gab einen Zwiespalt dazwischen persönlich zu werden und auf der anderen Seite nicht persönlich werden zu wollen“, reflektierten nach der Übung einige Teilnehmende im Abschlussgespräch. Besonders als die Teilnehmenden nach ihrer Leidenschaft gefragt wurden, sagten viele, dass es zuerst ein kleiner Schock war und sich unbehaglich anfühlte darüber mit jemand „Fremden“ zu sprechen. Doch mit jeder Minute konnte ich dabei zusehen, wie die Pärchen, die kreuz und quer mit ihren Stühlen im Raum verteilt saßen oder standen, mehr auftauten und wie ihre Mimik und Gestik sehr emotional wurde. Die räumliche Trennung von den anderen schien einer Art Sicherheit zu geben, ein privates Gespräch zu führen statt vor der ganzen Gruppe reden zu müssen. Und es war deutlich Kooperation erkennbar: Die meisten Pärchen saßen einander zugewandt und spiegelten einander, was auf einen offenen Geist für aktives Zuhören mit geöffnetem Herzen hindeutete, und eine emotionale Verbindung zwischen den Gesprächspartnern ermöglicht.

Doch wie ungewohnt diese Form des Austauschs in Zweierteams war, bemerkte ich noch viel deutlicher, als die Teilnehmenden des Seminars sich zurück an den großen Tisch für einen Kurzvortrag über den Lern- und Forschungs-Raum von C20 in der ALTEN MU, das sich für urbane Transformation einsetzt, begaben. Von außen betrachtet nahm ich das Format des Vortrags eher als eine Konfrontation statt als Austausch wahr: Bei dieser beinahe archetypischen Art und Weise Wissen weiter zu geben, gibt es eine klare Hierarchie: Der*die Lehrende steht in der Regel vor der sitzenden Zuhörerschaft, die auch eher als Masse statt als Zusammenschluss von Individuen fungiert, und positioniert sich frontal zu ihnen, was Autorität ausdrückt. Ich beobachtete, wie die Mienen gleich viel ernster wurden als im Zweiergespräch. Gleichzeitig schien der Tisch den Teilnehmenden eine gewisse Sicherheit zu geben. Einige griffen zu ihren Handys, lehnten sich zurück, andere tranken und aßen. Als der Vortrag über den Raum C20 dann losging, griffen viele, wie automatisch, zu Stift und Papier. Sie schauten nach oben, zum Präsentierenden und auf die Powerpoint-Präsentation, bereit zum Konsumieren. Bei der Frage ob es Fragen gibt, beobachtete ich, wie viele Teilnehmende wegschauten. Dieses Format, an das wir schon seit dem ersten Schultag gewöhnt sind, hat sich augenscheinlich wirklich in unser Lernverhalten eingebrannt.

Die Macht des Greifbarmachens und der Interaktion

Was mich außerdem überraschte, waren die Unterschiede darin wie die Art und Weise, wie etwas gesagt oder erklärt wurde, auf die Workshop-Teilnehmenden wirkte. Bei einem lockereren Umgangston, wie im Stuhlkreis, schien die Aufmerksamkeit zu steigen, die Teilnehmenden blickten nach oben und zur Moderatorin bzw. zur Person, die spricht, statt, wie bei den ernsteren Teilen, zum Beispiel dem Vortrag, eher nach unten.

Bei der Verwendung abstrakterer Sprache, z.B. bei der Rede von „Systemanalyse“ oder Fachbegriffen aus der Theorie U, wie „leverage points for transformation“, schauten die Teilnehmenden eher auf den Boden, zu ihrem Papier, oder machten eine nachdenkliche Miene, wohingegen ihre Blicke bei Verwendung bildlicher Sprache, bei Geschichten, wie z.B. von der Kufunda Learning Village in Simbabwe, und bei Witzen zum Präsentierenden gingen und Schlagworte wie „Geld“ abrupt die Aufmerksamkeit anstiegen ließen. Besonders eindrucksvoll fand ich, zu sehen, wie die Blicke der Teilnehmenden beim Verwenden von Bildkarten den Händen folgten. Es schien als könnte man die Karten benutzen, um, ähnlich wie durch Blickkontakt, eine Verbindung zwischen den Gesprächspartnern aufzubauen. Die Interaktion und Beteiligung der Teilnehmenden des Workshops war besonders hoch, als sie beim Aufbau einer neuen Übung miteingebunden wurden, bei der Design Karten zur Gestaltung von nachhaltigen Gemeinschaften auf dem Boden ausgebreitet wurden. Alle standen im Kreis um die Karten herum. Sie waren sehr interessiert, lächelten, tauschten sich über die Karten aus und ich spürte eine Art von Mitverantwortlichkeit sowie ein Zusammengehörigkeitsgefühl und Sicherheit in der Gruppe. Gemeinsam mit Bewegung und mit Etwas zum Anfassen schien die Aufmerksamkeit beim Lernen gebündelt werden zu können. Besonders spannend war es zudem zu sehen, wie es einen Unterschied machte, ob die Teilnehmenden mit einem neutralen Gegenstand, wie Post-its, ihre Präferenz im Schaubild ausdrückten oder durch einen persönlichen Gegenstand, wie einem Schlüssel, den sie auf eine Fotokarte auf den Boden legten. Die Emotionen bei dem persönlichen Gegenstand schienen viel stärker und einige Teilnehmende reflektierten hinterher, dass sie das Gefühl hatten, sich zu verpflichten oder zu binden, da der Gegenstand einen persönlichen Wert für sie hat.

Über die Methoden und das Format hinaus, bemerkte ich, wie der Raum eine große Rolle spielte, um gemeinschaftliches Lernen erfolgreich stattfinden zu lassen. Durch die Offenheit des C20-Raums hatte ich den Eindruck, dass viel mehr Kreativität zugelassen wurde, da es wirklich genügend Platz gab. Die Atmosphäre war locker und die Teilnehmenden fühlten sich, auch aufgrund des von Jana und Marie bereitgestellten Essens und Kaffee, sichtbar wohl.

Fazit

Als Fazit, konnte ich auf meiner Lernreise beobachten, dass beim Lernen wirklich nicht nur der Inhalt, also die faktenbasierten Informationen, eine große Rolle spielt, sondern vielmehr die Art und Weise zu lernen von Bedeutung ist. Die Methoden, die verwendet werden, die Haltung und Position der Präsentierenden/Moderierenden und der Teilnehmenden, aber auch der Umgangston und die Atmosphäre im Lernraum beeinflussen augenscheinlich enorm die Aufmerksamkeit der Teilnehmenden. Es scheint als bräuchten Lernende mehr, das sie greifen können – sowohl durch sprachliche Bilder als auch im wörtlichen Sinne zum Anfassen! Statt Fragestellungen nur individuell und still zu erforschen bzw. zuzuhören, können der Erfahrungs- und Gedankenaustausch sowie das gemeinschaftliche Lernen, Erspüren und Kreativwerden als Gruppe große Vorteile mit sich bringen. Durch partizipative Lernstrategien, bei denen die Lernenden eine aktive Rolle im Aufbau von Wissen einnehmen, kann eine Verbindung zwischen Kopf, Herz und Hand geschaffen werden, von der in der Theorie U oft die Rede ist. Diese könnte die Hochschullehre fundamental verändern und mehr auf die Individualität der Lernenden eingehen.  Doch bleibt die Frage: Wie kann man diese Formate aus dem Seminar in den Alltag der Hochschullehre einbauen bzw. was muss passieren, damit Lehrende diese interaktiveren Formate nutzen und eine Transformation hin zu einer interaktiveren und partizipativeren Hochschule der Zukunft gelingt?

Übrigens: Im Projekt Wellenschlagen ist inzwischen ein Guide entstanden, der die erfahrungen des Projektteams wunderbar zusammenfasst, der Guide for Building a Sustainable Community on Campus.

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