Methodischer Konstruktivismus & kulturunabhängiges Testen

Fachvortrag mit „Deutsch als Fremdsprache“-Expertin am ZKE

Kulturabhängigkeit im Flüchtlingsdialog: Wie lassen sich Deutsch-Sprachtests für ausländische Studierende möglichst fair gestalten? Und was können Ansätze aus dem „methodischen Konstruktivismus“ in diesem Kontext leisten? Die Studentin Linda Zollitsch berichtet aus einem Projektseminar zum Thema, das am Zentrum für Konstruktive Erziehungswissenschaft stattgefunden hat.

Text: Linda Zollitsch (Studentin)

Bereits zu Beginn des Wintersemesters 2016/17 hatte das Zentrum für Konstruktive Erziehungswissenschaft (ZKE) mit finanzieller Unterstützung vom Projekt erfolgreiches Lehren und Lernen (PerLe) zu einem Vortrag von Frau Müller-Karabil des TestDaF-Instituts zu dem Thema „Kulturunabhängiges Testen“ eingeladen. Im Rahmen ihres Masterstudiums können Studierende der Pädagogik ZKE-Veranstaltungen wie diese als Projektseminare besuchen. Zu den Studierenden gesellten sich  Lehrende der CAU sowie Teilnehmende aus der interessierten Öffentlichkeit. Insbesondere im Kontext der aktuellen Flüchtlingssituation setzten wir uns mit dem Thema Kulturabhängigkeit im Flüchtlingsdialog auseinander. Der Vortrag war gut besucht und mündete in eine lebhafte Diskussion.

Frau Müller-Karabil beschäftigt sich intensiv mit einem Sprachtest für ausländische Studierende, die in Deutschland studieren möchten. Dieser Test wird weltweit eingesetzt und umfasst die Teilbereiche Lese- und Hörverstehen sowie das Sprechen und Schreiben. Ziel dabei ist es,  die Sprachfähigkeit zu prüfen – und eben keine anderen Parameter. Zur Qualitätssicherung gibt es externe Audits sowie interne, testmethodische Überprüfungen. Eine vollständige Kulturfreiheit kann jedoch nie gesichert werden, zumal die Sprache ja ein Teil der Kultur ist, sodass man mit einer neuen Sprache immer auch einen Teil der anderen Kultur (kennen-)lernt.

Wir nahmen uns während der Diskussion im Wesentlichen der Frage an, ob der vorgestellte Test für alle fair ist und allen Getesteten (möglichst) die gleichen Chancen bietet. Frau Müller-Karabil stimmte zu, dass es eine große Aufgabe sei, dies überhaupt zu erreichen. Dafür werden die Aufgabenformate sorgfältig erprobt und  dann weiter angepasst, sodass sie nach Möglichkeit – kulturunabhängig – für alle gleich gut geeignet sind. Zu diesem Zweck gibt es beispielsweise auch einen Nachteilsausgleich für Personen mit Behinderungen (z.B. Sehschwäche).

Im Rahmen der ZKE-Veranstaltung diskutierten wir zudem Probleme, die zwischen verschiedenen Kulturen auftreten können. Um die kulturelle Abhängigkeit zu bestimmen und zu reduzieren, arbeitet das TestDaF-Institut u.a. mit DIF-Analysen (Differential Item Functioning), um Testitems auszuschließen, die aufgrund von persönlichen Merkmalen der Teilnehmenden für Kulturabhängigkeit sorgen.

Zur Vorbereitung auf diesen Vortrag hatten wir Studierenden am ZKE in zwei Sitzungen vorab eine Einführung in den methodischen Konstuktivismus erhalten. Dank dieser Hinführung zum Thema konnten wir die Argumentationsweise der Kolleginnen und Kollegen am TestDaF-Institut verstehen. Wir erfuhren dabei nicht nur, was sich hinter dem Begriff „methodischer Konstruktivismus“ verbirgt, sondern auch, was ebendieser im Flüchtlingsdialog leisten kann.

Vorgehensweise

  • Um Probleme zu lösen wird das Vorgehen der Konstruktion und Rekonstruktion verwendet.
  • Zunächst setzt der Methodische Konstruktivismus im Alltag an, also in der Vorwissenschaft. Hier treten Probleme auf und werden mit der Alltagssprache benannt.
  • Die Grundlage des Vorgehens ist der Dialog. Hier wird die Prädikation aufgestellt, die das Verhältnis des Einzelnen zum Allgemeinen darstellt. Um eine Verbindlichkeit herzustellen, ist Eindeutigkeit notwendig, die mithilfe der Rekonstruktion erzeugt wird.

Zentrale Aspekte des methodischen Konstruktivismus

Der Alltagsbezug ist im methodischen Konstruktivismus ebenso wesentlich wie die Verbindlichkeit. Der Dialog bildet die Grundlage dafür, dass sprachliche Rekonstruktion möglich ist. Handlungen und Widerfahrnisse bilden die Grundlage für Konstruktionen und Rekonstruktionen. Mithilfe des Dialoges erfolgt auch der Umgang mit Fremdem.

Drei Prinzipien des methodischen Konstruktivismus

Die vorangegangenen Erklärungen lassen sich zusammenfassen zu drei Prinzipien, nach denen der methodische Konstruktivismus vorgeht.

  • Elementare Prädikation: Jede Person prädiziert auch im Alltag; mithilfe von Prädikationen werden Objekten Eigenschaften zugewiesen und Sprachhandlungen vollzogen. Wir können etwas einem anderen zugängig machen, indem wir auf etwas rekurrieren, das der Person bekannt ist.
  • Das methodische Prinzip: Jede Handlung folgt einer methodischen Ordnung und somit einer Reihenfolge, in der etwas geschehen muss. Beispielsweise ist man nur dann korrekt angezogen, wenn man erst die Strümpfe und dann die Schuhe anzieht und nicht andersherum.
  • Das dialogische Prinzip: Um wissenschaftliche Lösungen zu erarbeiten, ist das dialogische Prinzip im methodischen Konstruktivismus notwendig. Dadurch können neue Dinge entstehen, die unterschiedlichen Parteien zum Vorteil gereichen. Es folgt klaren Regeln, die von allen Seiten anerkannt werden und nach denen der Dialog geführt wird.

Zusammenfassung

Durch die Einführung in den methodischen Konstruktivismus war es mir möglich, dem Vortrag und der Diskussion besser zu folgen. Mir scheint, dass insbesondere die dialogische Struktur gut geeignet ist, um zwischen den Kulturen zu vermitteln und eine größere Kulturunabhängigkeit möglich zu machen. Darin haben wir gleichzeitig aber auch das Problem erkannt, dass die Dialogpartner überhaupt zu einem Dialog bereit sein müssen und gleichzeitig auch in der Lage dazu sein müssen, ihre Positionen zu überkommen und sich aufeinander einzulassen. Dies scheint – insbesondere im Hinblick auf die Weltpolitik – nach wie vor eine Hürde zu sein. Am Beispiel der Testentwicklung, die uns Frau Müller-Karabil vorgeführt hat, zeigt sich, dass auch hier auf den Kontakt mit den Kulturen und den Dialog gesetzt wird, der ein Element zur Verbesserung der Tests ist. Ebenso hat sie uns deutlich gemacht, dass auch die Tests, nachdem sie erstellt wurden, überprüft und wieder verändert werden. Somit ist auch hier eine Konstruktion und Rekonstruktion zu sehen.

Abschließendes Fazit

Der Vortrag von Frau Müller-Karabil und die Einführung in den methodischen Konstruktivismus haben mir eine Verbindung zwischen theoretischer Basis und praktischer Umsetzung gezeigt. Ich konnte dem Vortrag durch die theoretischen Grundlagen gut folgen und einen praktischen Bezug herstellen. Die Thematik ist jedoch umfangreich und daher meiner Meinung nach erst für Masterstudierende geeignet.

 

Links und weiterführende Informationen

  • TestDaF-Institut
  • DIF-Analyse: Analysemethode in der Bildungsforschung; vgl. Item Response Theorie (IRT)

 

Literaturhinweise methodischer Konstruktivismus – eine Auswahl

  • Janich, Peter (1996): Konstruktivismus und Naturerkenntnis. Auf dem Weg zum Kulturalismus.
  • Kamlah, Wilhelm; Lorenzen, Paul (1992): Logische Propädeutik. Vorschule des vernünftigen Redens.
  • Lorenzen, Paul (2000): Lehrbuch der konstruktiven Wissenschaftstheorie.
  • Mittelstraß, Jürgen (1998): Die Häuser des Wissens. Wissenschaftstheoretische Studien.
  • Mittelstraß, Jürgen (1996): Leonardo-Welt. Über Wissenschaft, Forschung und Verantwortung.

 

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