Motivation durch Freiheit

Kieler Soziologe setzt auf Anwendungsbezug und offene Lehrformate

Dr. Gerhard Berger ist Dozent an der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Mit viel Leidenschaft begleitet er praxisbezogene Lehrforschungsprojekte, die Studierende der Soziologie im Bachelor absolvieren müssen. In den vergangenen zwei Jahren erfasste er mit seinen Kursteilnehmenden Daten an der Universität, mit deren Hilfe er inzwischen unterschiedliche Typen von Soziologiestudierenden identififizeren konnte. In diesem Semester wagt er sich nun an ganz neue didaktische Ansätze.

Interview: Johanna Rädecke (Studentin/PerLe)

 

 

 

 

 

Herr Berger, in welchem Modul bieten Sie ihr Projekt an?

Gerhard Berger: Seit einigen Jahren sind die zweisemestrigen Lehrforschungsprojekte regelmäßiges Modul in unserem Bachelorstudiengang Soziologie. Die Studierenden belegen dieses im fünften und sechsten Semester.

 

Warum ist es für Studierende wichtig, ein praktisches Lehrforschungsprojekt im Bachelorstudium zu machen?

Gerhard Berger: Es ist unsere Erfahrung, dass dies die zentrale Kompetenz von Sozialwissenschaftlern ist, die am Arbeitsmarkt nachgefragt wird: Eine eigene Studie durchführen zu können. Egal, ob anwendungsorientiert in beispielsweise einem Verband, einer Organisation oder Stiftung, oder eine reine wissenschaftliche Hochschulqualifikation. Das unterscheidet Soziologen auch von anderen Sozialwissenschaften.

 

Wie gestaltet sich die Themenwahl im Modul? Sind die Dozentinnen und Dozenten da frei?

Gerhard Berger: Wir bieten parallele Kurse an, so wie der Bedarf es fordert – wir wollen die Zahl der Studierenden in einem Lehrforschungsprojekt auf 25 Personen begrenzen. Die Themenwahl dieser Kurse ist allein den Dozierenden überlassen und da wir mehrere Kurse haben, ist die Auswahl groß.

 

Was war Ihr Thema in den vergangenen zwei Semestern?

Gerhard Berger: Das war eine kleine Serie zum Thema „Erfolgreiches Studieren“. Es hat mich und andere Koleginnen und Kollegen interessiert, mit welcher Motivation Studierende an das Fach herangehen. Wir hatten das Gefühl, zu wenig über unsere Studierenden zu wissen, insbesondere über die, die Soziologie eher notgedrungen als gefühltes Zweitfach genommen haben. Die Studie war als Panelstudie angelegt, wir haben also die gleichen Leute im zweiten, vierten und sechsten Semester befragt und so eine Serie geschaffen.

 

Woraufhin sollten die Studierenden die Erhebung untersuchen?

Gerhard Berger: Eine der Ideen war die Frage, ob man verschiedene Studierendentypen unterscheiden kann. Also Studierende mit einem sehr unterschiedlichen Blick auf das Fach und seine Anforderungen und natürlich, was sie mit der Soziologie machen wollen. Eine erste Unterteilung war zum Beispiel die Zuordnung zu Studierenden, die Soziologie als ‚gefühltes‘ Hauptfach ansehen, die zweite Gruppe sah Soziologie eher als Nebenfach. Was bedeutet das für das Fach? Für die Studienmotivation, die Abbruchgefährdung und die psychische Belastung…

 

Warum lassen Sie Rohdaten erfassen, anstatt mit Sekundärdaten zu arbeiten?

Gerhard Berger: Es entspricht einem gewissen Trend im Fach, immer mehr mit Sekundärdaten zu arbeiten. Meine bisherige Denke in der Richtung war, dass wir nicht nur die statistische Kompetenz, sondern auch die methodische Kompetenz stärken wollen. Also die Frage behandeln: Wie komme ich eigentlich zu meinen Daten? Das ist eine wesentliche Qualifikation von Sozialwissenschaftlern in vielen Berufsfeldern. Das, was dazu in den entsprechenden Vorlesungen nur theoretisch angesprochen wird, soll in den LFP intensiviert und verstärkt werden. Das ist das eigentliche Ziel von LFP. Mit Sekundärdaten stärkt man nur die statistische Kompetenz, da mit bereits existierenden Zahlen gearbeitet wird. In diesem Semester jedoch habe ich die Rahmensetzung lockerer gezogen. Ich lasse eigene Projekte zu einem weit gegriffenen Oberthema zu und gucke, wie sich das entwickelt.

 

Welches Thema ist das?

Gerhard Berger: Das Thema „Lebenssinn“ und wie man das soziologisch verstehen kann. In diesem laufenden Kurs lasse ich es offen, wie die Studierenden vorgehen können. Also haben sie dann auch die Möglichkeit, mit Sekundärdaten zu arbeiten, wenn dies für ihre Projekte besser passt.

 

Statt einem fest vorgegebenen Thema haben Sie nun einen Oberbegriff, der fast schon philosophisch anmutet. Warum ein neues Konzept? Leitet Sie da die Neugierde oder ist das ein Diskurs in der Soziologie?

Gerhard Berger: Neugierde auf jeden Fall. Ich möchte schauen, was besser läuft, was schlechter läuft und wie dieses Projekt angenommen wird. Es ist auch ein praktisches Ausprobieren, weil Kolleginnen und Kollegen aus anderen Hochschulen berichten, dass dieses Konzept enorme hochschuldidaktische Vorteile bringen würde. Ich war bisher mehr auf der Schiene, die fachlichen Standards und Ziele besser durchsetzen zu können, wenn man den Rahmen etwas enger fasst, aber… es gibt ja auch die andere Philosophie, die besagt, mehr Spielraum zu lassen. Das soll vor allem die Motivation der Studierenden stärken und somit zu besseren Ergebnissen führen. Das heißt aber auch, dass bestimmte Kompetenzen nicht unbedingt vermittelt werden, wenn zum Beispiel keine eigene Erhebung durchgeführt wird.

 

Sie sagten, Sie wollen nicht nur die statistische, sondern auch die methodischen Kompetenzen stärken. Was sind das für Kompetenzen, die Ihre Studierenden aus dem Lehrforschungsprojekt mitnehmen?

Gerhard Berger: Aus der Serie sollten die Studierende lernen, wie sie ihre eigenen standardisierten Erhebungen durchführen und auswerten. Dazu gehörte die Gestaltung eines Fragebogens, die Erhebung und Erfassung der Daten und dann natürlich die eigentliche Auswertung und Arbeit damit.

 

Wie viel Anleitung und Freiheiten geben Sie Ihren Studierenden im Lehrforschungsprojekt?

Gerhard Berger: Ich denke, ich habe bislang eher zu früh eingegriffen, da der Rahmen eng gesteckt war. Das ist in diesem Semester erstmalig anders. Die Frage ist jedoch, wann überhaupt der richtige Zeitpunkt zum Eingreifen ist, da die Lehrforschungsprojekte zeitlich begrenzt sind. Wir wollen ja schließlich auch ein Endprodukt erreichen. Kommt man da überhaupt hin, wenn man Irrwege zulässt? Das ist schwierig, aber in dem neuen Konzept werde ich Fehler erst einmal zulassen und dann überlegen, wie lange ich dabei zugucke (lacht). Irgendwann muss ich auch basale fachliche Standards durchsetzen. Kollegen aus anderen Unis sagen, dass weniger Fehler passieren, wenn man mehr Freiheiten lässt, da die Motivation höher ist, wenn die Themen frei wählbar sind. Das möchte ich gerne ausprobieren.

 

Kann die Lehre an der Uni von dem Fragebogen profitieren?

Gerhard Berger: Das ist die eigentliche Kernfrage bei dem Design dieser kleinen Serie. Abschließend lässt sich diese noch nicht beantworten. Es hat schon dazu geführt, dass die Ergebnisse es mir und den KollegInnen gezeigt haben, wie fern und wie fremd Studierende mit der Soziologie umgehen, die ihr gefühltes Hauptfach in einem anderen Bereich sehen und mit welchen Zumutungen wir sie versorgen, wenn wir davon ausgehen, dass es leidenschaftliche Hauptfachstudierenden sind. Es war schon desillusionierend, dass das bei zwei Dritteln der Studierenden nicht der Fall ist. Die haben dann ein frustrierendes Soziologie-Erlebnis, wenn sie das Fach eher „nebenbei“ studieren.

 

Werden sich diese Erkenntnisse auf die Struktur der Studiengänge auswirken?

Gerhard Berger: Die Erkenntnisse sind noch nicht direkt in die Umstrukturierung des Bachelorstudiengangs eingeflossen, aber ein Stück weit in den Master, der komplett neu konzipiert wurde. Aber das Bewusstsein und die Sichtweise des Kollegiums hat sich auf jeden Fall geändert.

 

Sind diese Lehrforschungsprojekte übertragbar?

Gerhard Berger: Ich nehme an, dass die Psychologen, Pädagogen und Geologen ebenfalls praktisch forschen und erheben. Solche Projekte sind also auf jeden Fall übertragbar.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

Kontakt

Dr. Gerhard Berger, Akad. OR
+49 431 880-3466
gberger@soziologie.uni-kiel.de

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