Nachhaltigkeit vermitteln lernen

Podcasts im Lehramtsstudium Biologie

2015 fiel der Startschuss für das UNESCO-Weltaktionsprogramm Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE). Es spricht vor allem Akteure an, die einen konkreten und praxisnahen Beitrag zu Bildungs-Agenden leisten. In diesem Sinne werden Lehramtsstudierende am Kieler Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik (IPN) in ihrer Rolle als BNE-Multiplikatoren unterstützt. Zum Beispiel im Rahmen eines Lehrprojekts, bei dem sich angehende Biologie-Lehrer_innen mit medialen BNE-Vermittlungsformaten für Jugendliche auseinandergesetzt haben. Konkretes Resultat: Eine Audio-Podcast-Serie für die Ausstellung „Ich sehe Was(ser), was du nicht siehst – Virtuelles Wasser begreifen“ in der Flensburger Phänomenta.

Text: Kerstin Kremer
(Projektinitiatorin)

Hintergrund und Zielsetzung

Die Lehrveranstaltung am IPN zielte darauf ab, Studierenden des Lehramts Biologie durch die Beschäftigung mit BNE und Service Learning sowohl fachliches als auch fachdidaktisches Wissen sowie Engagement und Interesse für BNE zu vermitteln (Bildung für nachhaltige Entwicklung in sieben Schritten, 2016). Durch Service Learning im Flensburger Science Center Phänomenta und in Kooperation mit dem Ausstellungsleiter Wolfgang Muth sammelten die Lehramtsstudierenden Erfahrungen bei der medialen Vermittlung von Nachhaltigkeitswissen mit Schülerinnen und Schülern einer 7. Klasse der Goethe-Schule Flensburg.

 

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Fleischkonsum ist immer auch Wasserkonsum. Für die Herstellung von einem Kilogramm Rindfleisch werden im globalen Mittel 15.400 Liter Wasser verdunstet, verbraucht oder verschmutzt.

 

Im Zentrum der Maßnahme stand das Thema „Wasser und Konsum“: Der direkte tägliche Wasserverbrauch in Deutschland beträgt derzeit pro Kopf durchschnittlich 120 Liter. Dieser Zahlenwert reicht jedoch nicht aus, um den tatsächlichen Wasserverbrauch zum Ausdruck zu bringen, der durch unseren Lebensstil durchschnittlich verursacht wird. Dieser schließt auch jenes Wasser ein, das bei der Herstellung der konsumierten Produkte verdunstet, verbraucht oder verschmutzt wird. Unter Berücksichtigung dieser erheblich größeren Mengen an sogenanntem „virtuellem Wasser“ ergibt sich ein täglicher Pro-Kopf-Verbrauch von durchschnittlich 3900 Litern Wasser. Es kommt hinzu, dass in unserer globalisierten Welt nicht mehr davon ausgegangen werden kann, dass das im Herstellungsprozess einer Ware verbrauchte Wasser auch bei uns stattfindet. Statistisch gesehen finden 69 % des Wasserverbrauchs der Deutschen im Ausland statt; häufig in Ländern, in denen Wasserknappheit herrscht (Hoekstra & Mekonnen, 2012).

Das Projekt rückt mit dem Thema „Wasser und Konsum“ eine gesellschaftliche Herausforderung nachhaltiger Entwicklung mit Bezug zum Handeln des Einzelnen in den Mittelpunkt. Die Maßnahme strebt Impulse für die Hochschule und die Lehre in der Didaktik der Biologie auf zwei Ebenen an:

  1. Die Studierenden erwerben Nachhaltigkeitswissen und werden für die Vermittlung der Thematik sensibilisiert und qualifiziert. Dieses Bewusstsein auf Seiten der Studierenden soll positiv in den hochschulöffentlichen Diskurs an der CAU zur Nachhaltigkeit einfließen.
  2. Durch Service Learning  an einem außerschulischen Lernort in Schleswig-Holstein (Phänomenta Flensburg) sammeln die Studierenden Erfahrungen bei der medialen Vermittlung und Reflexion von Nachhaltigkeitswissen bei Schülerinnen und Schülern im Rahmen der Ausstellung und tragen damit die Thematik in die Breite.

 

Seminarkonzept und Umsetzung

Das Seminar gliederte sich in drei Teilschritte. Im ersten Schritt erfolgte eine dozentengesteuerte Einführung in die Konzepte „Virtuelles Wasser“ und Wasserfußabdruck. Die Studierenden wurden in Gruppen eingeteilt und sollten sich in der Folge nun wissenschaftlich fundiert in die Wassernutzung bei der Herstellung eines Konsumproduktes (Kaffee, Rosen/Schnittblumen, Papier, Baumwolle, Tomaten, Fleisch) einarbeiten. Im Seminarverlauf wurde in den folgenden Sitzungen aus fachdidaktischer Perspektive auf Wissensvermittlung und Handlungsmotivierung durch BNE eingegangen, darauf folgten die Schwerpunkte Wissensvermittlung im Museum (Contextual Model of Learning und Konstruktivismus) und Podcasts und Medien bei der Wissensvermittlung mit der Einführung in das Programm Audacity.

Es schloss sich eine studierendenzentrierte Projektphase an, in der die Studierenden ausgehend von der vorgenommenen fachlichen Klärung ein Drehbuch für den Podcast verfassten, in dem sie möglichst alltagsnah Handlungs- und Wirksamkeitswissen vermitteln. Dabei entstanden in Teamarbeit schließlich sechs unterschiedliche Podcasts.

Der Podcast von Victoria Schlüter und Marc Rodemer beschäftigt sich beispielsweise mit der Baumwolle als Rohstoff für die Bekleidungsindustrie, dem Anbau in entfernten und oft wasserarmen Ländern und den ökologischen Bedürfnissen der Baumwollpflanze und gibt so Anregungen für den nachhaltigen Kleiderkauf (vgl. QR-Code auf Poster unten). Bassima Arabi, Lydia Zube und Rosa Schneider binden in ihrem Podcast z. B. den Wasserverbrauch bei der Fleischproduktion an das Thema Ernährung an und vermitteln Hintergrundinformationen in einem Tischgespräch bei der Bestellung im Restaurant. Dabei erfährt der aufmerksame Zuhörer beispielsweise warum Rindfleisch im Gegensatz zu anderen Fleischsorten den höchsten Wasserfußabdruck besitzt und welche Wasserbilanz die vegetarische Soja-Alternative hat (vgl. QR-Code auf Poster unten).

 

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 Als dritte Seminarphase schloss sich die studierendenzentrierte Vorbereitung, Durchführung und Reflexion eines Service-Learning-Tags in der Flensburger Phänomenta an. Die Studierenden entwickelten eine Ralley für die Lerngruppe, die die Podcasts in die Sonderausstellung „Ich sehe Was(ser), was du nicht siehst – Virtuelles Wasser begreifen“ integriert. Der Service-Learning-Tag in Flensburg wurde mit dem Ausstellungsleiter der Phänomenta, Herrn Wolfgang Muth, koordinert. Die Schülerinnen und Schüler erarbeiteten in der Ralley die Stationen der Mitmach-Ausstellung sowie die zu den Produktstationen konzipierten Podcasts zu Kaffee, Rosen/Schnittblumen, Papier, Baumwolle, Tomaten und Fleisch. Es schloss sich eine Feedbackphase der Schülerinnen und Schüler zum Aufforderungscharakter der Podcasts an. Im Anschluss reflektierten die Lehramtsstudierenden mit den Schülerinnen und Schülern die Stationen der Ausstellung und stellten diese in sinnvollen Bezug mit dem Alltag der Siebtklässler.

 

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Evaluation

Die Studierenden reflektierten im Rahmen der Seminarevaluation und dem eigenen Portfolio im Wesentlichen die folgenden Punkte: Bildung für nachhaltige Entwicklung wurde als bedeutsames Element für das Lehramtsstudium Biologie erachtet, dem noch mehr Raum gegeben werden sollte. Hierbei wird der eigenständigen gestalterischen Auseinandersetzung mit dem Gegenstand eine hohe Motivationswirkung zugesprochen. Die Erfahrung beim „Service Learning“ mit Schülerinnen und Schülern in der Phänomenta wurde als einzigartige Lerngelegenheit im Lehramtsstudium wahrgenommen.

 

Die Studierenden schrieben im Portfolio:

„Abschließend lässt sich sagen, dass die Podcastarbeit, also die Produktion und die Ausstellung der Podcasts eine sehr positive Erfahrung war.“

„Zudem werden wir die Überlegung mit in die Zukunft nehmen, Podcasts im Rahmen eines Projekts von Schülern selbst produzieren und ausstellen zu lassen.“

„Podcasts haben sich für uns als eine sinnvolle Methode herausgestellt, die wir auch im späteren Berufsleben weiter einsetzen möchten.“

„Es zeigt sich, dass die Umgebung in der der Podcasts präsentiert wird sehr wichtig ist.“

„Es zeigte sich in der Ausstellung, dass die Schülerinnen und Schüler direkt nach dem Hören großes Interesse daran hatten, das Erlernte zu besprechen und anzuwenden.“

 

 

Zu den Audiopodcasts der Studierenden:

 

Weiterführende Informationen

 

Literatur

  • Sprenger, S., Kremer, K., Kahlen, C. & Beutelspacher, A. (2016). Ich sehe Was(ser), was du nicht siehst – Virtuelles Wasser begreifen. Nachhaltigkeit vermitteln im Mitmach-Museum. MNU Journal, 4(2016), 257-262.
  • Hoekstra, A. Y. & Mekonnen, M. M. (2012). The water footprint of humanity. Proceedings of the National Academy of Sciences, 109 (9), 3232−3237.

 

Dieses Projekt wurde mit dem PerLe-Fonds für Lehrinnovation gefördert

 

Kontakt

Prof. Dr. Kerstin Kremer
kremer@ipn.uni-kiel.de

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