Narrativität, Geschichte und Schule

Interdisziplinäre Übung zur Diagnostik fachsprachlicher Kompetenzen

Wie sprechen Schüler*innen eigentlich über Geschichte? Studierende der Kieler Universität wollen es herausfinden.

 

 

Text: Prof. Sebastian Barsch,
Projektinitiator

Geschichte an sich gibt es nicht. In den allermeisten Fällen werden die Überreste aus der Vergangenheit erst dann zu Geschichte, wenn darüber (mehr oder weniger sinnvoll) gesprochen wird, oder wenn die Gedanken und Interpretationen zu diesen Überresten in Form eines Textes aufgeschrieben werden. Die Erkenntnis, dass historisches Wissen sich in der Regel stets sprachlich äußert, fand in den letzten Jahren auch Eingang in die Lehrpläne für den Geschichtsunterricht der meisten Bundesländer. Vorrangiges Ziel des Geschichtsunterrichts ist nun das Erlangen der sogenannten „narrativen Kompetenz“. Was aber genau darunter zu verstehen ist, darüber besteht keineswegs Einigkeit.

Auch gibt es bislang nur erste Ansätze, wie die sprachlichen Äußerungen von Schüler*innen erfasst, also diagnostiziert werden können, um auf Basis dieser Diagnostik individuelle Fördermaßnahmen für das historische Lernen zu entwickeln. Gleichwohl zeigen sich hier drängende Fragen der schulischen Praxis, denn ähnlich wie in anderen Fachdidaktiken wuchs in der Geschichtsdidaktik die Erkenntnis, dass es nicht reicht, Sprache nur als Medium für den Geschichtsunterricht zu betrachten. Vielmehr gilt Sprache nun als eine Gelingensbedingung für guten Geschichtsunterricht.

Ungewohnte Eigenverantwortung: Teamarbeit im Fokus

Das durch den Fonds für Lehrinnovation des Projekts erfolgreiches Lehren und Lernen (PerLe) geförderte Projekt Narrativität, Geschichte und Schule: Diagnostik fachsprachlicher Kompetenzen im Geschichtsunterricht befasste sich interdisziplinär mit diesen Herausforderungen. Gemeinsam mit Inger Petersen, Professorin für Deutsch als Zweitsprache und fachbezogene Sprachförderung und der Professorin für Pädagogische Psychologie Friederike Zimmermann konzipierten wir über zwei Semester ein Seminar, in dem Studierenden diagnostisches Inventar für die Sprachdiagnostik im Geschichtsunterricht in Grundzügen entwickelten. Das Seminar folgte den Prinzipien Forschenden Lernens. Nachdem die Studierenden mit grundlegenden Theorien und Ansätzen von (Fach)sprachdiagnostik vertraut gemacht wurden, entwickeln sie in Tandems unter Begleitung der Dozierenden verschiedene kleine Tests beziehungsweise Aufgaben, die später über die Lernplattform der CAU OpenOLAT online abgerufen und ausgewertet werden können (etwa Bildimpulse mit Schreib-/Sprechaufgabe).

Die Zusammensetzung der Zweierteams wurde ausgelost, was bei einigen Studierenden zunächst Skepsis hervorrief: „Anfänglich war ich misstrauisch, ob meine ausgeloste Tandempartnerin ähnliche Arbeitsabläufe hat wie ich und ob die Zusammenarbeit zwischen uns funktionieren wird“, sagt die Seminarteilnehmerin Alessa Timm im Nachhinein, „das gemeinsame Ziel hat jedoch dafür gesorgt, dass wir schnell zusammenfanden. Durch die Arbeit im Team habe ich mich viel sicherer gefühlt, denn wir haben alles gemeinsam besprochen und jede konnte ihre ganz persönlichen Fähigkeiten mit einbringen.“ Allerdings war die Teamarbeit für einige Studierende auch mit Hürden verbunden. Florian Bardolatzi resümiert: „Die Idee an sich ist gut, ist allerdings auch daran gekoppelt, wie die Partner der jeweiligen Arbeit miteinander zusammenarbeiten. Meistens hat es sich doch nicht anders ergeben, als sich ohnehin in der für das Seminar anberaumten Zeit zu treffen, da es schwierig war, außerkursische Termine abzusprechen, die beiden in ihren Wochenplan passten.“

Wissenschaft ist ein sozialer Prozess

Der starke Fokus auf Teamarbeit sollte nicht nur auf die späteren beruflichen Realitäten der angehenden Geschichtslehrer*innen in Schulen vorbereiten. Vielmehr sollte auch das Bewusstsein dafür geschärft werden, dass Wissenschaft keine Arbeit im stillen Kämmerlein ist, sondern ein sozialer Prozess ist. Insofern die in den Seminaren gestalteten Tests auch Studierenden nachfolgender Semester zugutekommen sollen, indem diese etwa bei der ihrer Forschungsfragen für das Praxissemester darauf zugreifen können, wird zudem die Nachhaltigkeit der intensiven Arbeit gesichert.

Während der Erarbeitung trugen die einzelnen Teams eine hohe Verantwortung für die Gestaltung ihrer Arbeitsprozesse. Dabei wurden sie intensiv sowohl in online- als auch  Sprechstunden beratend begleitet. Bevor die diagnostischen Aufgaben finalisiert wurden, stellten sich die Teams ihre Ergebnisse in einer Critical-Friend-Sitzung gegenseitig vor, um Feedback einzuholen und nicht bedachte Schwierigkeiten zu überwinden. Thore Hansen, angehender Geschichtslehrer kurz vor Abschluss seines Studiums, sah in dieser Form des Arbeitens eine gute Vorbereitung auf seine spätere berufliche Praxis:

„Für mich war es sehr wertvoll, mich mit der umfangreichen Planung einer kompletten Aufgabe zur Diagnostik zu befassen und selbstständig im Team die damit verbundenen Problemen zu lösen. Auch die Inputsitzungen zu Beginn des Seminars waren hilfreich und haben Themenbereiche behandelt, die ich zumindest in meinem Studium, noch nicht angemessen vertiefen konnte.“

Gleichwohl wurde deutlich, dass für einige Studierende ein höheres Maß an Begleitung gut gewesen wäre. „In Gesprächen von Mitstudierenden erfuhr ich, dass viele durchaus mit dem Maß an Eigenverantwortlichkeit überfordert waren“, so Hansen. Alessa Timm sieht in den anfänglichen Schwierigkeiten allerdings auch große Chancen für ihre berufliche Weiterentwicklung: „Am Anfang fiel mir das eigenständige Arbeiten recht schwer, da ich es in diesem Maße nicht gewohnt war. Durch die Zusammenarbeit mit meiner Tandempartnerin und den Feedbackgruppen habe ich jedoch schnell Vertrauen in mich und meine Arbeit gefunden. Einen Test eigenständig zu entwickeln hat dazu geführt, dass ich mich sehr viel intensiver mit dem Thema beschäftigt habe, da jeder einzelne Aspekt ausgiebig mit meiner Tandempartnerin diskutiert wurde. Durch unsere eigene erbrachte Leistung habe ich als Studentin das Gefühl, aktiv etwas zur Didaktik beigetragen zu haben.“

Ein erster Schritt für künftige Projekte

Nachhaltigkeit soll auch über die Laufzeit hinaus erreicht werden, denn die erprobte Zusammenarbeit von Germanistischem sowie Historischem Seminar und der Psychologie soll ein erster Schritt für zukünftige Projekte sein. So werden nicht nur weitere Ideen für interdisziplinäre Lehre angedacht. Auch Forschungsarbeiten sollen aus dieser ersten Zusammenarbeit entstehen. Die Entwicklung fachsprachdiagnostischer Werkzeuge soll etwa durch gemeinsam betreute Masterarbeiten ausgebaut werden. Über weitere Fördergelder soll zudem der Online-Aufgabenpool aufgebaut und wissenschaftlich evaluiert werden.

Nachhaltig ist das Seminar hoffentlich auch für die Teilnehmer*innen selbst. Florian Bardolatzy fasst für sich zusammen: „Ich habe für meine berufliche Entwicklung mitgenommen, dass Diagnostik eine große und wichtige Rolle im Schulwesen spielt, da es wichtig ist, den Stand seiner Schülerinnen und Schüler zu kennen, damit man adäquat damit umgehen kann, das heißt an den richtigen Stellen fördern und nachbessern.“

 

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