„Nicht nur für die Schublade schaffen!“

Interview zu Freiraum, Fehlerkultur & Herausforderungen beim forschenden Lernen

Beim KunstCampusKiel-Seminar standen studentische Forschung und deren öffentliche Vermittlung am kunsthistorischen Institut im Fokus: Sieben Studierende recherchierten ein Semester lang über Architektur und Kunstwerke auf dem Gelände der CAU, um schließlich ihre Ergebnisse online und auf einem Flyer zu veröffentlichen. Dabei wurde nicht nur ein hohes Maß an Eigenverantwortung von den Studierenden verlangt, sondern auch ein hohes Maß an Gelassenheit und Vertrauen seitens der Lehrenden, verrät Dozentin Dr. Susanne Schwertfeger im Interview.

Interview: Eva-Lena Stange
(Studentin/PerLe)

 

Frau Schwertfeger, wie unterscheidet sich das KunstCampusKiel-Projekt für Sie als Lehrende von einem normalen Seminar?

Dr. Susanne Schwertfeger: Das Projekt unterscheidet sich vor allem darin, dass die Studierenden einen hohen Eigenanteil in der Verantwortung und auch in der Ausrichtung des Kurses übernehmen. Normalerweise gebe ich Werke und Überschriften vor und bin auch dieses Mal mit einer Vorstellung in den Kurs hineingegangen. Beim KunstCampus haben die Studierenden dann selbst in den ersten Arbeitsstunden diese Ausrichtung noch einmal neu vorgenommen: Aus der Fülle ihrer Ideen – meine Ideen waren darunter nur Beispiele von vielen – haben sich bestimmte Themen herauskristallisiert, die in der Gruppe dann noch nachgeschärft wurden.

 

Bei dem Projekt handelt es sich um forschungsbasiertes Lernen, können Sie noch einmal spezifizieren, was das bedeutet?

Der Hauptaspekt – neben der inhaltlichen Ausrichtung, die bei den Studierenden liegt –  ist die Arbeit selber, die sehr nah am späteren Berufsfeld vieler Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker liegt – Texte zu schreiben für eine Öffentlichkeit, die nicht mit der wissenschaftlichen Community gleichzusetzen ist. Und das Ziel, dass die Texte dann vor allem auch von der Öffentlichkeit gelesen werden und nicht als Hausarbeit in der Schublade verschwinden, ist ein weiterer Punkt. Der dritte Aspekt ist, dass man bei dieser Art des Lernens eine besondere Fehlerkultur zulassen muss: Es gibt eben auch Sackgassen, aber selbst wenn ich von außen merke, dass etwas nicht funktioniert, ist es eine Verantwortung der Gruppe, eben diese Sackgassen auch zuzulassen und damit umzugehen. Also all das, was normalerweise von den Lehrenden übernommen wird, – Themenvorgabe, Struktur des Unterrichts, Struktur des Semesters, etc. – das wird alles von den Studierenden übernommen.

 

Hat sich das Verhältnis zu den Studierenden durch die besondere Lehrform des Projekts anders als in einer „normalen“ Seminarumgebung entwickelt?

Absolut. In anderen Kursformen ist es häufig so, dass die Studierenden nur einmal im Referat und einmal in der Hausarbeit glänzen können: In dieser Form, die sehr viel Eigenverantwortung überträgt, merkt man mehr, wie viel Schwarmintelligenz und Organisationstalent da ist, wie viele Kompetenzen jeder Studierende bereits besitzt. Dazu kommt noch die intrinsische Motivation: dass die Studierenden ein stärkeres Interesse haben, an dem Kurs mitzuarbeiten als in einer herkömmlichen Seminarform. Dabei habe ich auch gelernt, dass ich mich als Dozentin sehr viel mehr zurücknehmen kann als gewohnt, ohne dass dabei die Welt untergeht.

 

War das Zurückhalten also auch eine der größten Herausforderungen dieses Projekts?

Ja, auf jeden Fall. In diesem Seminar habe ich eine für mich neue Form der Evaluation ausgewählt, nämlich die TAP-Evaluation, mit der man zwei Termine wählen kann. Damit gab es die Möglichkeit, mitten im Semester evaluieren zu lassen, um noch genug Zeit zu haben, damit ich die Ergebnisse auswerten, annehmen und einbeziehen kann. Ein Ergebnis davon war auch, dass ich noch viel mehr Freiraum lassen könne.

 

Haben Sie noch mehr Tipps für Dozenten und Dozentinnen, die ein ähnliches Projekte planen?

Auf jeden Fall probieren und machen –  auch außerhalb der Förderung durch PerLe. Ich glaube die Herausforderung ist dabei nicht, dass man ein Feld findet, bei dem es um die Anwendung von Kompetenzen geht, sondern dass man ein Projekt findet, das über die Uni oder das Seminar hinaus Relevanz hat – also irgendwo verstetigt wird. Das ist wichtig, um die Idee, nicht nur für die Schublade zu schaffen, zu stärken, und dabei das System Uni zu nutzen, das ja Lehre aus der Forschung heraus bedeutet. Und man sollte sich währenddessen immer wieder bewusst machen: „Die Studierenden können das, ich biete nur Hilfestellungen und ich gebe auf Anfragen Antworten, aber weiß: Fehler können passieren – und dann geht es darum, wie damit umgegangen wird.“ So ist Forschung ja auch, das Ergebnis ist eben nicht immer ja oder nein; und das müssen wir einfach aushalten. Und das den Studierenden beizubringen, ist eine wichtige Herausforderung.

 

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