Packende Wissenschaft im Kieler-Woche-Trubel

Science Show bei der Kieler Uni live

Was ist eigentlich ein programmierter Zelltod? Warum rollt der Blattkäfer seinen Penis ein? Und wie lässt sich die Welt mithilfe von Bakterien verbessern? Fragen wie diesen widmeten sich junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler während der Science Show vor Kieler-Woche-Publikum. Dabei ging es durchaus nicht nur um trockene Fakten.

Text & Bilder: Mirjam Michel (Studentin/PerLe)

Forscherin Yoko Matsumara mit Moderatorin Anna Fediuk.

 

Eine erwartungsvolle Stimmung liegt an diesem bewölkten Samstagnachmittag im Kieler Uni Live-Zelt in der Luft. Das Zelt ist gut gefüllt und das Publikum schaut gespannt auf Annika Fediuk, Geophysik-Doktorandin und Moderatorin der heutigen Science Show. Nach einer kurzen Begrüßung und Erläuterung des Prinzips der Show, betreten Jacqueline Lindemeyer und Lina Walter die Bühne. Die beide studieren Biochemie im Bachelor und haben sich für die Veranstaltung etwas ganz besonders überlegt: mithilfe eines kurzen selbstgeschriebenen Bühnenstückes wollen sie „Apoptose“, also den programmierten Zelltod, einem buntgemischten Laienpublikum aus Kindern und Erwachsenen nahebringen. Mit einer ordentlichen Portion Humor, einer Reihe von Requisiten, Comic-Darstellungen in einer Powerpoint-Präsentation und vor allem Vergleichen zum alltäglichen Leben zaubern die beiden dem Publikum das ein oder andere Lächeln ins Gesicht. So seien zum Beispiel die Procaspasen, die Enzyme, die den Zelltod auslösen, „wie der Schoßhund Fifi“, während das Cytochrom C eher einem Rottweiler ähnele.

 

Lina Walter(l.) und Jacqueline Lindemeyer (r.) erklären den Zelltod.

 

Organisiert und begleitet wird die Science Show von Ulf Evert vom Zentrum für Schlüsselqualifikationen (ZfS) und Katharine Simmons, die Kurse am Graduiertenzentrum anbietet. In ihren Kursen beschäftigen sich die beiden mit Präsentation und Wissenschaftskommunikation. Ursprünglich war die Science Show nur für Doktoranden gedacht. Desto mehr freut es Jacqueline und Lina, auch als Bachelorstudierende daran teilnehmen zu können. Jacqueline hat bereits als Poetry-Slammerin Erfahrung sammeln können. Die Science Show ist dagegen für beide noch relativ neu. „Ursprünglich hatte ich geplant einen kurzen Vortrag zu halten. Ulf und Katharine hatten dann die Idee mit dem Sketch“, erklärt Jacqueline. „Ich war nämlich als Bakterium verkleidet auf Bildern vom letzten Jahr zu sehen. Und die beiden haben dann gefragt, „warum nimmst du dein Bakterium nicht einfach mit?“, ergänzt Lina.

 

 

Um sich auf den Abend vorzubereiten, haben die beiden viel geprobt, Texte geschrieben und hin und her geschickt, eine Präsentation vorbereitet. Wie interagiere ich am besten mit der anderen Person? Wie wird das Thema schauspielerisch in Szene gesetzt? Wie stelle ich bestimmte Gesten dar? All diese Fragen mussten geklärt werden, bevor es auf die Bühne ging. „Es ist immer etwas Besonderes das Ganze nochmal mit Katharine zu üben, weil sich dann häufig noch vieles ändert“, erzählt Lina. Katharine Simmons ist vor allem für das schauspielerische Coaching zuständig und gibt als Außenstehende beziehungsweise Nicht-Biologin wertvolle Tipps. „Wir wollen Forschung Leuten nahebringen, die nicht aus der Wissenschaft kommen. Manchmal erklärt man zum Beispiel etwas und benutzt dabei Fachbegriffe, ohne es zu merken. Katharine weist uns dann darauf hin und sagt ‚Moment, das habe ich gerade nicht verstanden‘.“

„Unsere Stärke ist, dass wir sehr individuell arbeiten“

Fünf bis sechs Wochen vor der Veranstaltung treffen sich die Organisatoren der Science Show, Ulf Evert und Katharine Simmons, ein bis zweimal wöchentlich in Einzelcoachings mit den Teilnehmenden, um Fragen zu klären und über Probleme zu sprechen. „Unsere Stärke ist, dass wir sehr individuell arbeiten. Wir arbeiten mit dem, was die Menschen an Erfahrungen und Ideen mitbringen“, erklärt Katharine. Aus der Idee einer Teilnehmerin, ihre Forschung in einem Lied zu vermitteln, sei zum Beispiel eine ganze Choreographie entstanden. „Im Vordergrund steht das Geschichtenerzählen, also seine Leidenschaft für ein Thema zu präsentieren“, meint Ulf Evert.

Die Science Show ist grundsätzlich offen für alle Fachrichtungen. Am heutigen Tag sind es hauptsächlich Biologen, die sich auf die Bühne vor das Kieler Woche-Publikum getraut haben. „Das liegt wahrscheinlich daran, dass die Geisteswissenschaften sehr abstrakt sind und sich die meisten Leute unter ekligen Bakterien oder Zelltod mehr vorstellen können“, meint Jaqueline. Auch an diesem Nachmittag zeigt sich, dass sich Naturwissenschaften trotz der Komplexität der Themen gut zur Veranschaulichung eignen. Katharine und Ulf setzen dabei auch auf exotische Themen. Ein amüsantes Beispiel ist die Forschung von Yoko Matsumara, die sich mit der Vorbereitung zur Fortpflanzung von Blattkäfern beschäftigt. Gelächter tobt durch den Raum, als Yoko in allen Einzelheiten erklärt, wie und warum der Blattkäfer seinen Penis auf- und wieder ausrollt.

„Eine ganz andere Wertschätzung als in einem klassischen Seminar“

Ein Kernthema in allen Vorträgen beziehungsweise Performances ist die Motivation der Forschenden. Während der Mikrobiologe Ryszard Soluch beispielweise hofft, mithilfe seiner Forschung zu Bakterien die Ernährungssituation in der Welt konkret zu verbessern, war es für Mikrobiologin Johanna Ira Blase der Wunsch eine Verbindung zwischen Patienten und Ärzten herzustellen, der sie veranlasst hat zur Wirkung von Medikamenten im Darm zu forschen. Yoko Matsumara geht es vor allem darum, durch einen Einblick in die Tierwelt die Natur besser zu verstehen.

Jacqueline und Lina genießen besonders die Möglichkeit, Forschung in einer entspannten Umgebung präsentieren zu können, ohne Notendruck ausgesetzt zu sein. „Ulf und Katharine freuen sich sehr, dass wir mitmachen. So erfahren wir eine ganz andere Wertschätzung als in einem klassischen Seminar. Das Publikum ist ebenfalls dankbarer, da es ja mehrheitlich noch kein Vorwissen zu dem Thema hat“, sagt Jacqueline. Auch für ihre wissenschaftliche Karriere sammeln die beiden wertvolle Erfahrungen. „Ich kann Leuten nur etwas erklären, dass ich auch wirklich verstanden habe“, meint Lina, „wenn wir uns so intensiv mit einem Thema beschäftigt haben wie bei der Science Show, werden wir nie wieder vergessen, wie dieser bestimmte Mechanismus funktioniert.“ Die Science Show bietet Studierenden zudem die Gelegenheit, ihre Präsentationsfähigkeiten zu trainieren und Selbstbewusstsein im Umgang mit Präsentationen jeglicher Art zu entwickeln. Wie stelle ich mich hin? Was mache ich bei Nervosität?

Nachdem auch die letzte Performance beendet ist, leert sich das Kieler-Woche-Zelt der Uni wieder allmählich und Zuschauer für die nächste Veranstaltung strömen herein. Jacqueline und Lina sind zufrieden und freuen sich bereits auf die Science Show im Rahmen der Night of the Profs im November. „Es ist schön, einfach mal eine positive Rückmeldung zu bekommen ohne gleich Verbesserungsvorschläge zu erhalten, wie dies in wissenschaftlichen Seminaren der Fall ist. Das motiviert dich weiterzumachen, auch wenn es gerade mal nicht so läuft“, sagt Jacqueline. Lina nickt zustimmend: „Das wichtigste bleibt die Neugier, zu forschen, was Neues zu entdecken und zu träumen, was alles daraus erwachsen kann.“ Auch Ulf Evert und Katharine Simmons sind begeistert von dem Potential der jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und planen die Science Show mittelfristig auch in Schulen zu etablieren.

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