„Die Lehre braucht mehr Anerkennung!“

Interview mit Vizepräsidentin Ilka Parchmann

Hochschullehre im Gespräch: Zur Halbzeit ihrer Amtszeit zieht Ilka Parchmann im Interview eine Zwischenbilanz. Außerdem spricht die Vizepräsidentin für Lehramt, Wissenstransfer und Weiterbildung der CAU über Freiräume, über den „Spirit Forschung“ und darüber, in welchen Bereichen sie an der Kieler Universität noch Luft nach oben sieht.

Frau Parchmann, was bedeutet „gute Lehre“ für Sie?

Ilka Parchmann: Das ist keine Frage, die sich einfach und schnell beantworten lässt, aber ich kann ein paar Eckpunkte aufzeigen, die wichtig sind. Die erste Grundvoraussetzung ist, dass gute Lehre Ziele setzt – also explizit macht, was die Studierenden nach einer Veranstaltung besser können sollen als vorher. Außerdem sollte gute Lehre wissen und berücksichtigen, welche Lern-Voraussetzungen die Teilnehmenden mitbringen und wie die Dozentin oder der Dozent die eigenen Stärken besonders gut einbringen kann. Das ist im Grunde das, was wir das didaktische Dreieck nennen.

Das lässt sich natürlich noch weiter ausdifferenzieren: Wie gestalte ich die Lernumgebung? Wie gebe ich Feedback? Welche Möglichkeiten von Diagnose habe ich, damit ich im Laufe einer Veranstaltung immer wieder überprüfen kann, was bereits bei den Studierenden angekommen ist – und was nicht? Zudem ist es gut, wenn man mit unterschiedlichen Zugängen möglichst viele Lernende mitzunehmen versucht.

Letztendlich lernen müssen die Studierenden aber selbst – auch das ist mir auch wichtig. Wir können die Lernangebote machen, aber wer sie nicht annimmt und umsetzt, wird am Ende wenig davon haben. Ein Studium bringt eben sehr viel Selbstverantwortung mit sich.

Sie sind erst seit anderthalb Jahren im Amt und haben bereits etliche Erfolge zu verzeichnen – beispielsweise eine Millionenförderung für die Lehramtsausbildung und die Bewilligung einer Phase II für das Projekt erfolgreiches Lehren und Lernen (PerLe). Wie schaut denn Ihre persönliche Bilanz Ihrer bisherigen Amtszeit aus?

Ich bin natürlich sehr zufrieden! Nicht nur wegen der 13 Millionen, die wir jetzt bekommen, sondern weil ich an der Uni tatsächlich erlebe, dass man ganz viel mit den Menschen hier bewegen kann. Ich erlebe die Mitarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen sowohl in den Fächern als auch hier in der Verwaltung als extrem fruchtbar. Das hat, glaube ich, ganz viel dazu beigetragen, dass wir wirklich sehr erfolgreich unterwegs sind. Die Bereitschaft ist groß, mitzuarbeiten, mitzudenken, aber auch zu gucken, was man verändern kann.

 

Und wie würden Sie Ihr Gesamtziel für Ihre Präsidiumszeit umreißen?

Mir wäre es tatsächlich ein sehr großes Anliegen, dass man das Lehramt in Kiel auch als ein besonderes wahrnimmt und weiß, wo dessen Stärken liegen. Wir gehen ja andere Wege als andere Universitäten, die bereits für ihr Lehramtsstudium bekannt sind: Uns sind beispielsweise die Fachlichkeit und die Kooperation zwischen den Fächern besonders wichtig. Ich wäre froh, wenn man am Ende meiner Amtszeit – zumindest angestoßen – wahrnimmt, dass sich hier etwas bewegt, und merkt: „Hey, Kiel ist ein wirklich guter Standort, um Lehramt zu studieren!“

Außerdem ist es mir wichtig, die Zusammenarbeit mit den Schulen, aber auch mit anderen gesellschaftlichen Bereichen, deutlich zu intensivieren. Auch dazu gibt es bereits unglaublich viele einzelne Projekte, die aber noch nicht sehr systematisch miteinander vernetzt sind. Am Ende wünsche ich mir eine klare Angebotsstruktur, damit z.B. die Schulen wissen, was sie sich an der Uni abholen können, und damit die Uni selbst weiß, welche Möglichkeiten und Kanäle sie zur Förderung des Nachwuchses bestehen.

Im Bereich der Weiterbildung wäre es schön, bestimmte Angebote neu zu etablieren, andere dagegen dauerhaft aufzustellen. Den Bereich „Diagnose und Feedback“ möchten wir gern ausbauen. Außerdem wünschen wir uns, dass wir ein paar Leitlinien im Bereich der Lehre zur Orientierung an Ethik und Unternehmertum etablieren können, die in der Weiterbildung unterstützt werden. Studierende können selbst etwas bewegen – das muss nicht gleich das Gründen einer Firma sein, aber vielleicht können sie in der Schule oder gesellschaftlich etwas Neues anstoßen.

 

In welchen Bereichen sehen Sie persönlich beim Thema Hochschullehre an der CAU noch Diskussionspotenzial?

Ich erlebe, dass viele meiner Kolleginnen und Kollegen noch sehr von den Lehrstrategien überzeugt sind, mit denen sie selbst schon studiert haben. Also: „Wenn ich denen Wissen erzähle, haben sie das zu lernen und werden dann irgendwann auch so gut, wie ich es geworden bin“. Man weiß aber aus der Forschung, dass das Lernen auf diese Art nur für wenige Personen wirklich funktioniert. Da kann man, glaube ich, deutlich breiter werden, deutlich andere Möglichkeiten nutzen und immer wieder hinschauen: Wo stehen die Studierenden und wie können sie mir Feedback geben? Auf diese Weise lassen sich alternative Lehr-/Lern- Zugänge schaffen. Das ist natürlich auch eine finanzielle Frage, aber zum Glück haben wir ja von der Landesregierung Extrageld bekommen, um diesen Bereich auszubauen.

Ein zweites Feld, über das wir nachdenken, sind Blended Learning Angebote. Natürlich braucht man Präsenzlehre unbedingt, ich bin beispielsweise überhaupt kein Anhänger davon, das „Flipped Classroom“-Modell bis zum Ende durchzudenken und Vorlesungen gar abzuschaffen. Aber zusätzlich braucht man Phasen, in denen Studierende üben können – dafür eignet sich Blended Learning gut.

Auch dem PerLe-Fonds für Lehrinnovation kommt eine wichtige Funktion zu. Viele Kolleginnen und Kollegen von mir haben den Fonds schon einmal genutzt, zurzeit höre ich verstärkt von jüngeren Kollegen, dass sie überlegen, bis Anfang Januar einen Antrag fürs kommende Jahr zu stellen. Mit dem Fonds lassen sich einfach mal neue Lehrvorhaben anstoßen.

 

Es sind in letzten Jahren ja bereits etliche Projekte im Bereich Service Learning mit dem PerLe-Fonds für Lehrinnovation gefördert worden. Welche Rolle sollte denn die gesamte Universität aus Ihrer Sicht als gesellschaftlicher Akteur einnehmen – und wie könnte sich diese Rolle in der Hochschullehre manifestieren?

Die Rolle, die die CAU als gesellschaftlicher Akteur einnehmen kann, kann man gar nicht zu groß einschätzen! Universität entwickelt ja ein Wissen, das es sonst nirgendwo in diesem Land gibt. Da sollte man möglichst viele Chancen nutzen, dieses Wissen auch mit der Gesellschaft weiterzuentwickeln, in der Gesellschaft nutzbar zu machen und junge Menschen dazu motivieren, selbst an diesem Wissen teilhaben und es weiterentwickeln zu wollen. Ich denke, wir haben als CAU tolle Beispiele, die genau das auf den Weg gebracht haben: PerLe, yooweedoo, opencampus – es gibt wirklich viele Aktivitäten in dieser Richtung. Wir sehen aber auch den dringenden Bedarf, diese Aktivitäten noch besser zu bündeln. Vieles läuft momentan aus Eigeninitiative – als Uni müssen wir natürlich sehen, dass wir das ein bisschen strukturierter auf den Weg bringen können.

Gerade für die Lehre ist Service Learning eine tolle Chance: An vielen Stellen werden wir erleben, wie enorm es die Motivation steigert, wenn Studierende etwas lernen und am Ende auch wirklich etwas umsetzen können. Ein echtes Produkt, eine echte Wirkung, wirklich ins Feld gehen. Man arbeitet nicht für das Regal des Dozenten, der etwas bewertet, sondern macht wirklich etwas, das hilft. Anwendungsfelder gibt es unglaublich viele! Aktuell wird ja viel über Flüchtlingsarbeit gesprochen, aber wir müssen, glaube ich, gucken, dass wir darüber nicht vergessen, dass es auch viele andere Baustellen in diesem Land gibt. Wir haben Kinder, die zum Beispiel vom Elternhaus nicht die Förderung erhalten, die sie eigentlich bekommen sollten – in diesem Bereich könnte man mit Studierenden viel bewegen. Auch dort gibt es bereits tolle Initiativen wie „Balu und Du“, aber ich glaube, man könnte das noch sehr viel systematischer etablieren.

Wenn Service Learning künftig eine Linie für die Lehre wird, motiviert das, glaube ich, beide Seiten und die Gesellschaft hoffentlich auch. Vielleicht wird die Uni dadurch auch noch einmal anders wahrgenommen.

 

Anfang November hat ja der Zukunftskongress – Forschung und Bildung für das 21. Jahrhundert – im Kieler Landeshaus stattgefunden. Was hat sich daraus für Sie konkret fürs Lehren und Lernen an der Hochschule ergeben?

Auch das war sehr vielschichtig: Wir haben richtig interessante Diskussionen zur Rolle der Wissenschaft geführt – und zur Darstellung dessen, was Wissenschaft besonders macht. Es geht ja nicht darum, irgendein Faktenwissen anzuhäufen, sondern darum, immer wieder darüber nachzudenken, wo überhaupt dieses Wissen herkommt. Wie kann man es weiterentwickeln, was sind unsere Methoden, was sind unsere Herangehensweisen? Und dafür braucht man Freiräume.

Wir müssen wieder Zeitfenster und Möglichkeiten für solche Freiräume schaffen. Zum Glück sind die Voraussetzungen an der CAU exzellent, weil wir so unglaublich viele sehr engagierte, sehr gute einzelne Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben, die miteinander reden und weiterdenken.

Ein weiterer Punkt, über den wir auf dem Zukunftskongress viel gesprochen haben: Wie kann man den „Spirit Forschung“ – also das, was Forschung so begeisternd macht – den Studierenden viel früher zugänglich machen. Ich glaube ganz sicher, dass das schon im Bachelorstudium geht. Wenn ich einmal mit einer Forschungsidee unterwegs bin, wenn ich weiß, wofür ich das Wissen brauche, dann lerne ich eben auch anders.

 

Wo wir schon einmal beim Thema Zukunft sind: Können Sie sich eigentlich eine zweite Amtszeit als Vizepräsidentin vorstellen?

Vorstellen kann ich mir immer alles. Diese Aufgabe ist eine ganz tolle, weil sie einem Chancen bietet, die Uni mitzugestalten – und ich wünsche vielen, dass sie diese Chance bekommen, denn das macht wirklich Spaß.

Gleichzeitig ist es natürlich eine sehr fordernde Aufgabe – zumal ich ja auch noch meine andere Aufgabe als Chemiedidaktikerin am IPN habe. Meine Arbeitsgruppe am IPN findet es mal gut und mal nicht so gut, dass ich auch noch Vizepräsidentin bin, weil die Zeit, die ich mit meinen Doktorandinnen und Doktoranden habe, dadurch natürlich sehr eingeschränkt ist.

 

Möchten Sie noch etwas ergänzen?

Es gibt vielleicht noch einen Punkt: Ich glaube, dass Lehre an der Universität wirklich mehr Anerkennung braucht. Dass man Chancen dafür schaffen muss, dass jemand, der sich für Lehre engagiert, nicht gelegentlich von Kolleginnen oder Kollegen zu hören bekommt: „Ach, naja, da bist Du in der Forschung wahrscheinlich gerade nicht so gut – sonst würdest Du Dir nicht so viel Zeit für die Lehre nehmen!“ Diese Unterstellung gibt es leider immer noch.

Wir müssen daran arbeiten, dass sich die Wahrnehmung und die Wertschätzung von Lehre gleichermaßen etablieren wie die Wahrnehmung und die Wertschätzung von Forschung – weil eben beides die Universität kennzeichnet. Wir sind kein außeruniversitäres Forschungsinstitut, wir sind aber auch keine Fachhochschule, in der die Lehre klar im Vordergrund steht.

 

Vielen herzlichen Dank für das Gespräch!

Ein Gedanke zu „„Die Lehre braucht mehr Anerkennung!“

  1. Es stimmt mich sehr optimistisch zu hören, dass es hier ein Präsisium gibt, das die gesellschaftlichen Aufgaben und Potenziale der Uni so in den Mittelpunkt rückt!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.