Von Spartonien, Zambonien und der Republik Crock

Wie Planspiele wissenschaftliche Theorien zum Leben erwecken

Verhandeln, Entscheidungen treffen, Kompromisse und Lösungen für Probleme finden – all das sind Fähigkeiten, die gute Politiker mitbringen müssen. Auch für den Wissenschaftsbereich der Internationalen Beziehungen ist ein Verständnis solcher Prozesse elementar. In Seminaren bleiben diese Themen jedoch eher abstrakt, fand der Politikwissenschaftsdozent Julian Wollmann. Deshalb entschied er sich, sie für seine Studierenden mithilfe eines Planspiels erlebbar zu machen.

Text & Bild: Mirjam Michel
(Studentin/PerLe – Projekt erfolgreiches Lehren und Lernen)

 

„In diesem Planspiel müssen sich Studierende in die Rolle eines Staates versetzen und unter Bedingungen von Zeitdruck und Entscheidungsunsicherheit Entscheidungen treffen. Dabei müssen sie die Interessen ihres Staates berücksichtigen und mit anderen Staaten in Aushandlungsprozessen interagieren“, sagt Wollmann. Ohne eine gute Vorbereitung geht das nicht. „Das Wichtigste an Planspielen ist meiner Meinung nach, dass viel Zeit für die Reflexion des Planspiels bleibt. Es ist wichtig, alle Studierende ins Boot zu holen, damit sie ihre Erfahrungen mitteilen. Was ist da passiert? Was ist mir aufgefallen? Dann gilt es das mit wissenschaftlichen Theorien anzureichern. Was von dem, was ich erlebt habe, ist für wissenschaftliche Diskussionen wichtig? Also lässt sich durch mein Handeln vielleicht eine Theorie bestätigen oder sogar verwerfen? Was lässt sich hieraus ziehen, um die Erkenntnisse für Forschung zu verwenden?“

Für das Planspiel zum Thema „Handeln und Verhandeln in den internationalen Beziehungen“ hat Wollmann eine Vorlage von der Georgetown University genutzt und an sein Seminar angepasst. Auf einem fiktiven Kontinent gibt es in dem Planspiel sieben Staaten mit sehr unterschiedlichen Moralvorstellungen, Staatsformen und Ressourcen. Von religiös, aufgeklärt, über Demokratien und Autokratien bis hin zu Staaten mit wenigen und vielen Ressourcen ist alles dabei. Dies soll die Vielfalt von staatlichen und gesellschaftlichen Existenzen auf der Welt simulieren. Jeder Staat besteht dabei aus einer Gruppe von vier Personen, die auch eine Referatsgruppe bilden. Denn im Anschluss an das Planspiel soll jede der Gruppen eine wissenschaftliche Theorie der internationalen Beziehungen vorstellen. Nach den Präferenzen der Studierenden für eine bestimmte wissenschaftliche Theorie, ordnet Wollmann die Studierenden einem Staat zu. „In einem Planspiel geht es nicht um eigene Werte, sondern darum, sich in eine andere Rolle zu begeben“, erklärt er, „So hat das Ganze einen spielerischen Charakter. Gleichzeitig können Studierende auch mal andere Werte präsentieren, ohne dass sie sich dafür schuldig fühlen müssen.“

Taktieren, um ein höheres Ziel zu erreichen

Schon vor Beginn des Planspiels haben die Studierenden Rollenkarten mit Zielen, die sie als Staat verfolgen müssen, per E-Mail erhalten. Zusätzlich bekommen sie kleine Karten mit Geheimnissen. Wer diese löst, erhält Extrapunkte. Zudem erhält jede Gruppe eine Liste, die Ressourcen des jeweiligen Landes darstellt. Diese müssen die Teilnehmenden vermehren, indem sie Verhandlungen führen oder im Ausnahmefall ein anderes Land überfallen und Krieg führen. Gewinner des Planspiels wird die Nation, die am meisten Punkte gesammelt hat. Das erfordert ein großes Maß diplomatischen Geschicks. „Sie müssen versuchen andere Nationen gegeneinander auszuspielen, sich in Konflikten als Vermittler darzustellen oder eigene andere Ziele zurückzustecken, um ein höheres Ziel zu erreichen“, erläutert Wollmann. Insgesamt vier Runden hat das Spiel, die jeweils eine Stunde dauern. Mit diesem Zeitdruck sollen die realen Bedingungen von Verhandlungen simuliert werden, in einer vorgegebenen Zeit möglichst viele Ziele erreichen zu müssen.

Zu Beginn jeder Runde hält jede Nation ein kurzes Plädoyer zum aktuellen Stand der Dinge: Was möchte die Nation in dieser Runde verfolgen? Mit wem möchte sie Kontakt aufnehmen? Im Anschluss folgen die informellen Verhandlungen, in der sich die Staaten miteinander austauschen können. Eine Möglichkeit des Verhandelns ist zum Beispiel der Ressourcentausch. Hilfreich dafür ist die Weltkarte, die jeder Staat zu Beginn erhalten hat. Sie gibt einen guten Überblick darüber, wo es Konflikte und Ressourcen zum Abbauen gibt und wo sich die einzelnen Länder befinden.  Wenn die Nationen ein Ziel erreicht haben, müssen sie dem Weltrat – repräsentiert von Dozent Wollmann – ein Abkommen vorlegen, das von allen beteiligten Staaten unterzeichnet wurde.

 

Henrik Wieners (oben links) in der Rolle des Diplomaten der Republick ‚Crock‘.

 

Der Student Henrik Wieners hat in dem Planspiel die Rolle eines Diplomaten der umweltfreundlichen und liberalen Republik Crock übernommen, die viele Ölressourcen besitzt. In seinem Plädoyer in der Generalversammlung fordert er stellvertretend für Crock die Umwandlung des sogenannten „Niemandslandes“ in ein Welterbe. Im Gespräch verrät er, mit welchen Strategien sein Staat in den Verhandlungen aufgetreten ist. „Wir haben zum Beispiel vorgeschlagen ‚Ihr gebt uns die Stimme für den Weltnaturpark und 800 Soldaten und wir geben euch dafür Öl.‘ Eine richtige Rollenverteilung hatten wir dabei nicht. Wer mit vielen Ländern verhandelt, viele Gespräche führt und gute Deals herausschlägt, hat in dem Planspiel einen großen Vorteil. Deshalb haben wir uns so aufgeteilt, dass ich besonders mit zwei Ländern verhandelt habe und die anderen sich auf andere Länder konzentriert haben. Eines unserer Ziele war dabei beispielsweise, ein Öl-Kartell zu bilden, sodass wir unser Öl immer zwei zu eins tauschen können.“

Am Ende sind es die Staaten Spartonien und Zambonien, die das Planspiel durch geschicktes Verhandeln gewinnen. Dass eine hohe Frustrationstoleranz in der Politik auch dazu gehört, verdeutlicht im Planspiel der Fall des Staates Bampff. Auf Betreiben der anderen Staaten, wird das Land vor dem Weltgericht verurteilt und daraufhin in der Weltgemeinschaft isoliert. „Das lag nicht daran, dass sie schwere Menschenrechtverletzungen begangen haben, sondern daran, dass andere Staaten mehr Verbündete hatten. So ist es ihnen in den Sitzungen gelungen, eine Wirklichkeit zu konstruieren in der Bampff der totale Schurkenstaat ist und alle anderen lupenreine Demokratien. Die anderen Staaten haben dann aus machtpolitischen Gründen für die Verurteilung gestimmt, obwohl ihnen bewusst war, dass Bampff nur eines der Verbrechen begangen hatte“, erklärt Wieners.

„Durch Planspiele wird Abstraktes endlich mal konkret“

Das Planspiel hat Wieners sichtlich Spaß gebracht. Er zieht ein positives Fazit der beiden vergangen Tage. „Durch das Planspiel habe ich ein besseres Verständnis dafür gewonnen, wie Verhandlungen funktionieren, ob das die Deutsche-Bahn-Tarifverhandlungen sind, die momentan laufen oder der Klimagipfel, der gerade zu Ende gegangen ist. Es hat mir verdeutlicht, warum Verhandlungen häufig so lange dauern und dann nur solch minimalen Lösungen wie beim Klimagipfel zustande kommen. Ich kann jetzt viel besser nachvollziehen, wie stressig das als Politiker sein muss, weil ich selbst dieses Hin und Her erlebt habe. Nachdem wir den ganzen Tag verhandelt und Reden gehalten haben und unter Zeitdruck agieren mussten, waren wir gestern Abend erstmal ziemlich müde“, erzählt Wieners. Politiker zu werden, kann sich Wieners deshalb auch nicht vorstellen.  „Wenn ich das sieben Tage die Woche machen müsste, würde ich am Herzinfarkt sterben“, sagt er und lacht, „ich habe also auch neuen Respekt für Politiker gewonnen, dass sie so etwas durchhalten.“

Auch Wollmann ist zufrieden mit dem Verlauf des Blockseminars und plant bereits das nächste Planspiel: „Man kann Politik, glaube ich, nicht verstehen, wenn man das nicht selbst mal ausprobiert hat. Deswegen finde ich es gut, Studierenden die Möglichkeit zu geben, sehr abstrakte Theorien, abstrakte Phänomene und abstrakte Themen durch eigenes Handeln erleben zu können. Durch Planspiele wird Abstraktes endlich mal konkret.“ Wichtig findet er, dass das Planspiel wie in der Realität von politischen Prozessen ein offenes Ende hat.  „Das Interessante an Planspielen ist, dass es auch nach mehreren Stunden und langem Verhandeln am Ende manchmal keine Lösung gibt. So erkennen die Studierenden, dass Demokratie anstrengend ist und nicht immer zum Erfolg führt.“

 

Weiterführende Links

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