„Gute Lehre sollte vor allem spannend sein“

Interview mit dem Landesbeauftragten für politische Bildung

Eine funktionierende Demokratie ist darauf angewiesen, dass die Menschen „ein Selbstverständnis als Bürgerinnen und Bürger entwickeln“, findet der Landesbeauftragte für politische Bildung. Früher hat Dr. Christian Meyer-Heidemann selbst an der CAU unterrichtet. Wie er damals politische Vordenkerinnen und -denker mit in den Hörsaal holte, warum er heute Studierende mit Erstwählenden ins Gespräch bringt – und inwiefern die Hochschullehre zurzeit insgesamt einen schweren Stand hat, schildert er im Interview.

 

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Interview: Mirjam Michel (Studentin/PerLe)

 

Was hat Sie dazu bewegt, sich mit politischer Bildung zu beschäftigen?

Dr. Christian Meyer-Heidemann: Ich war schon immer politisch interessiert und habe mich deshalb nach einem Jahr als Sportjournalist und einem Jahr Zivildienst entschieden, an der CAU Wirtschaft/Politik (WiPo) und Mathematik auf Lehramt zu studieren. Im Studium fand ich schnell, dass WiPo das spannendere Fach war, weil es dort immer eine gewisse Dynamik gibt und es noch stärker unsere Lebenswelt betrifft. Nach meinem Examen habe ich zunächst am Institut für Sozialwissenschaften als wissenschaftlicher Mitarbeiter angefangen und dann an der Uni Vechta eine Promotion über den kanadischen Sozialphilosophen Charles Taylor begonnen. In meiner Dissertation habe ich dann versucht, das politische Denken Charles Taylors für die politische Bildung fruchtbar zu machen.

 

Sie sind also durch Charles Taylor zu dem Thema gekommen oder gab es noch einen anderen Anlass?

Dr. Christian Meyer-Heidemann: Es war eher so, dass ich mich schon im Studium mit Fragen politischer Bildung beschäftigt hatte, da ich ja ursprünglich Politiklehrer werden wollte. Auf Charles Taylor bin ich gestoßen, als ich mir abends mal noch ein Buch aus der Bibliothek geholt und das dann bis nachts um drei am Küchentisch durchgelesen habe. Daraus ist dann ein paar Jahre später mein Buch „Selbstbildung und Bürgeridentität“ entstanden, in dem es darum geht, wie wir uns selbst politisch bilden, uns mit dem freiheitlich-demokratischen Rechtstaat identifizieren und uns in dieser Republik, in der wir leben, nicht wie Untertanen verhalten. Es gibt ja genug Menschen, die sagen: „Ich bin nur ein kleines Zahnrädchen im Vergleich zu denen da oben in der Politik“. Ich vertrete hingegen die Perspektive, dass wir uns als Bürgerinnen und Bürger selbst regieren. Das ist hochkomplex und manchmal auch etwas anstrengend. Deshalb ist das Ziel politischer Bildung, dass Menschen – besonders junge Menschen – ein Selbstverständnis als Bürgerinnen und Bürger entwickeln.

 

Welche Erfahrungen haben Sie selbst als Dozent mit Lehre gemacht?

Dr. Christian Meyer-Heidemann: Die Lehre hat mir sehr viel Spaß gemacht und war für mich immer ein Highlight in der Woche. Wichtig war mir dabei, dass ich nicht mit fertigen Antworten ins Seminar gegangen bin und gesagt habe: „Das ist der Kernbestand an Wissen, den ich hier heute in den nächsten 90 Minuten im Seminar vermitteln will.“ Stattdessen haben wir uns die politischen Denker sozusagen als geistige ‚Sparrings-Partner‘ mit einem Grundlagentext, den alle im Vorfeld gelesen hatten, mit in den Raum geholt und uns auch gefragt, was das für uns heute politisch bedeutet. Im Vordergrund stand für mich, dass wir gemeinsam in diesen Denkprozess einsteigen, in einen Dialog treten und die Themen offen und kontrovers diskutieren.

 

Was macht aus Ihrer Sicht gute Lehre aus?

Dr. Christian Meyer-Heidemann: Gute Lehre sollte vor allem spannend sein; dann braucht sie auch keine Anwesenheitspflicht. Wichtig ist, dass Lehre partizipativ angelegt ist, so dass sich die Studierenden angemessen und möglichst oft an dem Denkprozess beteiligen können. Wenn man die Lehrveranstaltung manchmal auch ein bisschen provozierend gestaltet und pointiert zuspitzt, tun die Studierenden das auch. Zudem lebt jedes gute Seminar und jede gute Vorlesung davon, dass das Ganze diskursiv und offen angelegt ist. Natürlich hat man seinen Lehrplan im Kopf und weiß, was man thematisieren will. Der Lernprozess sollte jedoch nicht zu sehr gesteuert werden, sondern Studierenden die Möglichkeit geben, ihre Sichtweisen und Interessen einzubringen.

 

An welchen Stellen könnte die Lehre an der Uni aus Ihrer Sicht noch verbessert werden?

Dr. Christian Meyer-Heidemann: Die Anreize des Wissenschaftssystems sind so, dass junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dazu angeregt werden sich auf ihre Forschung zu konzentrieren und möglichst viel zu publizieren, um ihre Sichtbarkeit zu erhöhen. Strukturell führt das dazu, dass die Lehre leider einen schweren Stand hat. Es gibt Projekte, wie PerLe, die diese Fehlentwicklungen kompensieren sollen. Aber durch diese Projekte allein wird das nicht gelingen, sondern nur durch ein größeres Augenmerk seitens der Unis auf die Leistungen der Dozentinnen und Dozenten in der Lehre. Mein Eindruck ist, dass in vielen Universitäten bei der Berufung von Professorinnen und Professoren hauptsächlich auf das Einwerben von Drittmitteln und auf die Anzahl von referierten Journal-Beiträgen, die jemand geschrieben hat, geachtet wird. Außerdem orientieren sich die Zulagen zu den Grundgehältern der Professorinnen und Professoren stärker an den Leistungen in der Forschung als in der Lehre. Solange sich an diesen Rahmenbedingungen nichts ändert, wird sich auch an der Qualität der Lehre nicht signifikant etwas verbessern.

 

Was sind Ihre Aufgaben als Landesbeauftragter?

Dr. Christian Meyer-Heidemann: Ein wichtiges Prinzip der politischen Bildung ist das ‚Kontroversitätsgebot‘, was bedeutet, dass kontroverse gesellschaftliche Debatten auch als solche in den Bildungsangeboten widergespiegelt werden. Das heißt, wir zeigen überparteilich verschiedene Perspektiven auf die Themen, um Bürgerinnen und Bürger darin zu bestärken, sich ein Urteil über politische Prozesse und Positionen zu bilden. Mir persönlich ist dabei ganz wichtig, dass wir auch junge Menschen als Bürgerinnen und Bürger von morgen erreichen: Jede neue Generation muss immer wieder an die politischen Prozesse und Institutionen herangeführt werden und wir müssen jungen Menschen verständlich machen, was die Werte und Grundlagen unserer politischen Ordnung sind. Dabei müssen wir darauf achten, dass wir auch die Menschen erreichen, die sich von der Politik enttäuscht abgewandt haben.

 

Welchen methodischen Ansatz verfolgen Sie bei Projekten, wie zum Beispiel, „jung & wählerisch“?

Dr. Christian Meyer-Heidemann: Bei diesem Projekt gehen Studierende der CAU in Dreiergruppen in Schulen und steigen mit Erstwählern in ein Gespräch über den Sinn von Politik ein. Das Prinzip ist dabei ein authentischer und niedrigschwelliger Dialog, bei dem auch die Studierenden sich persönlich äußern und über Unsicherheiten reden, die sie vor ihrer ersten Wahl gehabt haben. Dabei widmen sich Studierende und die Schülerinnen und Schüler gemeinsam den Fragen, wie Politik verhandelt wird und warum es Sinn macht daran teilzunehmen. So haben die Schülerinnen und Schüler in einem geschützten Raum, die Möglichkeit Fragen zu stellen, ohne dabei bewertet zu werden. Außerdem rufen wir auch Politikerinnen und Politiker aus dem Klassenraum an damit die Schülerinnen und Schüler ihnen als „Telefon-Joker“ praktische Fragen zur Politik stellen können.

 

Welche Vision haben Sie für die Zukunft politischer Bildung in Schleswig-Holstein? 

Dr. Christian Meyer-Heidemann: Ich würde mir wünschen, dass politische Bildung an Schulen einen größeren Stellenwert bekommt und dort früher und verbindlicher unterrichtet wird. Besonders an den Gemeinschaftsschulen kommt politische Bildung häufig zu kurz, da sie hauptsächlich im Fach ‚Weltkunde‘ angesiedelt ist, welches sich aus Geographie, Geschichte und Politik zusammensetzt. Zudem haben nur circa 16 Prozent der Weltkunde-Lehrerinnen und Lehrer Wirtschaft/Politik studiert, der überwiegende Teil unterrichtet politische Bildung also fachfremd. Es ist wichtig, dass sich die Landesregierung der Lösung des Problems annimmt. Darüber hinaus finde ich es wichtig, den Bürgerinnen und Bürgern die Komplexität von Politik zu vermitteln, die oft in einen Kompromiss mündet.  Denjenigen, die an dieser Stelle laut nach einfachen Schwarz-Weiß-Lösungen rufen, sollten wir verständlich machen, dass das mit demokratischer Politik – dem Abwägen und Aushalten verschiedener Standpunkte – unvereinbar ist.

 

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