Was Deutschlehrkräfte wirklich können sollten

Studierende erforschen Professionswissen

Was sollten Deutschlehrkräfte wissen und können? Dieser spannenden Fragestellung sind Studierende im Seminar „Linguistisches und sprachdidaktisches Professionswissen erforschen“ nachgegangen – und haben echtes Neuland betreten, denn der empirische Forschungsstand auf diesem Gebiet ist bisher sehr gering. Dabei sind die professionellen Kompetenzen von Deutschlehrkräften Grundvoraussetzung für einen erfolgreichen Unterricht.

Text: Lena Eismann (Projekthilfskraft) &
Nicole Schuh
 (Projektinitiatorin)

Ziele der Lehrveranstaltung

Das Seminar verfolgte das Ziel, den aktuellen Forschungsstand im Bereich des Professionswissens* im Fach Germanistik zu erarbeiten und den SeminarteilnehmerInnen erste Einblicke in empirische Forschungsmethoden zu gewähren. Die neu gewonnen Erkenntnisse sollten in kleinen quantitativen Studien in der Praxis erprobt werden. In den ersten Sitzungen gingen die Studierenden der Fragestellung nach, was überhaupt zum Professionswissen von Deutschlehrkräften gehöre. Die Hauptfragestellung war an dieser Stelle, welche Komponenten im Bereich des Fachwissens und des fachdidaktischeWissens im Rahmen eines Paper-Pencil-Tests messbar zu machen sind und welche nicht. Im Fokus stand dabei zunächst die Festlegung eines zu erforschenden Teilbereichs der Germanistischen Linguistik. Schließlich ermittelten die Studierenden den Bereich „Schreiben“ als gut messbaren Teilbereich in Bezug auf das linguistische und das sprachdidaktische Wissen.

*Das sog. Professionswissen setzt sich im Wesentlichen aus dem Fachwissen, dem fachdidaktischen Wissen und dem pädagogischen Wissen von Lehrkräften zusammen.

verlaufsplan

In den weiteren Sitzungen haben kleine Forschungsgruppen von jeweils fünf Personen Testitems für die Bereiche Grammatik, Orthographie, Interpunktion und Textlinguistik erarbeitet. Die SeminarteilnehmerInnen erstellten ein Messinstrument, das alle wesentlichen linguistischen Dimensionen des Bereiches „Schreiben“ abdeckt. Die von den SeminarteilnehmerInnen entwickelten Items wurden zunächst einem Pretest unterzogen und nach einer weiteren Überarbeitung an Kieler Germanistikstudierenden erprobt.

 

Herausforderungen für die Studierenden

Die Studierenden konnten innerhalb des Seminars ein komplettes Forschungsvorhaben mit dazugehöriger Planungs-, Durchführungs- und Auswertungsphase weitgehend eigenständig organisieren und durchführen. Bereits in der ersten Sitzung erstellten sie einen Verlaufsplan (PDF) für das gesamte Semester, der – leichte Modifikationen inklusive – auch tatsächlich durchgezogen wurde. Die Seminarleitung gab lediglich den Rahmen der Veranstaltung vor und unterstützte die TeilnehmerInnen bei immer wieder auftretenden Schwierigkeiten.

Selbstverständlich mussten einzelne Phasen des Forschungsprojekts aufgrund des zeitlichen Rahmens stark komprimiert werden. So wurde beispielsweise nicht der gesamte Forschungsstand im Bereich des Professionswissens aufgearbeitet, sondern die Studierenden sollten sich gezielt und kritisch mit den fünf wesentlichen Studien verschiedener Fächer auseinandersetzen und hinterfragen, welche Aspekte dieser Studien in das eigene Forschungsprojekt übernommen werden könnten und von welchen Verfahren eher abzuraten ist.

Den Studierenden stand während des Seminars eine Tutorin zur Verfügung, die den Teilnehmerinnen mit Rat und Tat zur Seite stand und vor allem die Organisation der Testdurchführung, die Formatierung des Tests und die Bereitstellung der digitalisierten Ergebnisse übernommen hat. Nur so konnte ein komplexes Forschungsvorhaben ohne größere Probleme innerhalb eines Semesters gelingen.

Die Studierenden mussten im Verlauf des Projekts allerdings auch mit kleineren Niederlagen umgehen: Bereits zu dem geplanten Pretest erschienen lediglich zwei Testpersonen, was eine sinnvolle Überarbeitung der Testitems erschwerte, und zur eigentlichen Testdurchführung erschienen – alle Testtage zusammengerechnet – insgesamt nur 23 ProbandInnen, weshalb die Ergebnisse des Tests keinesfalls als repräsentativ gelten können.

Der Motivation für die Testauswertung und Interpretation der Ergebnisse hat dieser „Rückschlag“ wohl nicht geschadet. Die Erprobung der empirischen Methoden wurde von den Studierenden vor allem im Hinblick auf zukünftige Abschlussarbeiten als gewinnbringend eingestuft, da innerhalb dieser die Durchführung von kleinen empirischen Studien gerne gesehen wird.

Herausforderungen für die Seminarleitung

Für die Seminarleitung war die angemessene Durchführung der forschungsbasierten Lehrveranstaltung eine Gratwanderung: Einerseits wollte man den Studierenden, die allesamt Neulinge auf dem Gebiet der empirischen Forschung waren, eine notwendige Hilfestellung und theoretische Einführung nicht verwehren, andererseits sollte ein selbstständiges Arbeiten in den Kleingruppen gefördert werden und nicht zu kurz kommen. Ursprünglich planten die Studierenden eine relativ geringe Zeit (ein bis zwei Sitzungen) für das eigentliche Erstellen der Testitems in den Seminarverlauf ein. Diese Arbeitsphase konnte durch das Ausgliedern theoretischer Inhalte auf vier Sitzungen ausgedehnt werden.

Die Studierenden erhielten einen Reader mit Informationen zu Testtheorie und Itementwicklung, dessen Inhalt sie sich im Selbststudium aneignen mussten. In der Sitzung wurden diese Inhalte lediglich kurz besprochen, um Fragen rasch zu klären und so mehr Zeit für die Entwicklung des Messinstrumentes zu gewinnen. Es stellte sich nach nur wenigen Sitzungen heraus, dass die Herausforderung der selbstständigen Itementwicklung für die Studierenden schwieriger zu meistern war, als zunächst gedacht. Vor allem im Bereich Sprachdidaktik fühlten sich die TeilnehmerInnen des Projekts nicht sicher genug, um in der Kürze der Zeit adäquate Items für das Messinstrument zu erstellen. Die Seminarleitung entschied deshalb, den Schwerpunkt während des Semesters auf das linguistische Fachwissen zu legen, welches in den noch bevorstehenden Hausarbeiten um das Fachdidaktische Wissen ergänzt werden soll.

 

Abschlusskonferenz

Projektkonferenz

 

Die Ergebnisse des Seminars wurden von den TeilnehmerInnen am 06.07.2015 im Rahmen einer hochschulöffentlichen Projektkonferenz vorgestellt. Sowohl Dozentinnen und Dozenten des Germanistischen Seminars als auch externe BesucherInnen nahmen an der Veranstaltung teil. Vorträge zum Professionswissen, zum Vorgehen und zu Problemen bei der Itementwicklung sowie die Präsentation der Testergebnisse boten einen Einblick in die forschungsbasierte Arbeit des Seminars. Abgerundet wurde die Veranstaltung durch eine Posterausstellung, bei der alle Interessierten die Möglichkeit hatten, mit den Studierenden ins Gespräch zu kommen und Fragen zu stellen.

 

Kleine Postergalerie

Poster+allgemeine+Ergebnisse-page-001 Poster+Interpunktion-page-001 Poster+Orthographie-page-001

Dieses Lehrvorhaben wurde mit dem PerLe-Fonds für Lehrinnovation gefördert.

 

Kontakt

Nicole Schuh
schuh@germsem.uni-kiel.de

2 Gedanken zu „Was Deutschlehrkräfte wirklich können sollten

  1. Wenn dieser Test ernst gemeint ist, dann wundert es mich überhaupt nicht, dass unsere Kinder aus den Schulen ohne relevantes Wissen in die Wirklichkeit entlassen werden.

    Am besten ist die Frage nach dem Fachbegriff für Rückverweis, wo Rückverweis doch eindeutig ist.

    In ihrem Artikel schreiben Sie übrigens auch nicht grammatikalisch korrekt. Sie nutzen das Gender Gap. Das existiert im deutschen, amtlichen Regelwerk nicht.

    Die korrekte Schreibweise für SeminarteilnehmerInnen ist: Seminarteilnehmer/-innen bzw. Seminarteilnehmer(innen).

    SeminarteilnehmerInnen ist ein Kunstwort ohne Bedeutung.

    1. Vielen Dank für Ihren Kommentar!
      Damit Texte im Deutschunterricht angemessen analysiert und interpretiert werden können, bedarf es eines gewissen „Handwerkszeugs“. Mangelt es bereits den LehrerInnen (es handelt sich bei dieser Schreibweise nicht um eine sogenannte Gender_Gap, sondern um das Binnen-I. Das große I im Wortinneren wird im amtlichen Regelwerk, wie Sie völlig korrekt anmerken, nicht behandelt. Daraus muss allerdings nicht die Schlussfolgerung gezogen werden, dass der Gebrauch desselben fehlerhaft ist) an linguistischem Wissen, kann dieses den SchülerInnen bestenfalls rudimentär vermittelt werden.
      Tests, wie der hier gezeigte, können erfassen, ob relevantes Hintergrundwissen von den angehenden Lehrkräften beherrscht wird. Was im Unterricht tatsächlich vermittelt wird und ob, wie Sie es formulieren, „Kinder aus den Schulen ohne relevantes Wissen in die Wirklichkeit entlassen werden“, können solche Messinstrumente natürlich nicht sicherstellen.
      Ziel der Studierenden, die den hier gezeigten Test selbstständig entworfen haben, war es selbstverständlich nicht, ein Mittel der totalen Überwachung zu schaffen, sondern ihren KommilitonInnen eine Möglichkeit der Selbstüberprüfung zu bieten. Wie Sie selbst feststellen, gelingt es den TeilnehmerInnen des Projekts nicht bei jedem Item, relevantes Professionswissen angehender Lehrkräfte zu erfassen. Da es sich hierbei um einen ersten Versuch der Studierenden handelt, wird jedoch (zumindest von Seiten der Projektleitung) keine Perfektion erwartet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.