Prosodie hautnah erleben

Ein Lernprojekt auf Basis von Lombard-Sprache

Gesprochene Sprache ist wie Musik: Sie vereint Rhythmus, Tempo und Melodie. Aber wie genau produzieren wir Sprechmelodien? Wie können wir sie analysieren? Und wie verhält sich die Betonung zur Bedeutung eines Wortes? Antworten auf Fragen wie diese liefert jedes Sommersemester das Prosodie-Seminar der Allgemeinen Sprachwissenschaft. Professor Oliver Niebuhr hat die Veranstaltung jetzt umgekrempelt, um sie praxisnäher, interaktiver und interdisziplinärer zu gestalten. Ein Erfahrungsbericht.

Bild1

Text: Oliver Niebuhr

I. Fachlicher Hintergrund zur Sprechmelodie

Sprechmelodien sind ein zentraler Bestandteil unserer Alltagskommunikation – Redewendungen wie „nicht in dem Ton, bitte!”, „der Ton macht die Musik”, „ohne Punkt und Komma sprechen” oder „zwischen den Zeilen lesen” verdeutlichen dies. Und wenn Wörter aus Lauten und „melodische Wörter” im Konflikt stehen, dann gewinnen die melodischen, so entsteht Ironie.

Doch wo beginnen und enden melodische Wörter? Wie sind die definiert? Wie können sie variieren? Wie unterscheiden sie sich an den verschiedenen Strukturstellen der Phrase und welche Strukturstellen (Wortklassen) können wir unterscheiden? Wie produzieren wir Sprechmelodie, und wie können wir sie besser aufschreiben als durch „<! , . : ; – ? >“? Theoretische und praktische Kenntnisse zu diesen Fragen zu vermitteln, ist jedes Sommersemester Aufgabe des Prosodie-Seminars in der Allgemeinen Sprachwissenschaft. Im Rahmen des PerLe-Lernprojektes „Prosodie hautnah erleben“ sollte die Lehre im Seminar effektiver, interaktiver und interdisziplinärer gestaltet werden.

Niebuhr_Prosodie

Der „Lombard-Effekt“

In geräuschhaften Umgebungen sprechen wir lauter, langsamer, deutlicher und mit einer ausgeprägteren, kontrastreicheren Sprechmelodie (= sog. „Lombard-Effekt“). In diesem Zusammenhang arbeitet die Analyse gesprochener Sprache in der Kieler Allgemeinen Sprachwissenschaft seit zweieinhalb Jahren zusammen mit der Signalverarbeitung an der Technischen Fakultät an Systemen zur Verbesserung der Autoinnenraum-Kommunikation (ICC). Für das ICC-Projekt wurden weltweit einzigartige Aufnahmebedingungen an der TF geschaffen, in deren Rahmen Sprachproduktion mit realistischem Autolärm überlagert und anschließend wieder vollständig davon isoliert werden kann. Nur so sind  detaillierte phonetische Analysen von Lombard-Sprache ohne den ursächlichen Lärm überhaupt möglich.

Das Lehrprojekt „Prosodie hautnah erleben“ hat diese einzigartige Infrastruktur nicht nur für die Forschung, sondern auch für die Lehre genutzt. Denn: Lombard-Sprache ist melodisch so klar produziert und strukturiert, dass sie selbst von StudienanfängerInnen relativ einfach analysiert werden kann.

II. Die Umsetzung

Die Studierenden des Kurses bilden Dialogpaare und nehmen im vorbereiteten Autosetting und auf Basis von vorbereiteten Lesedialogen ihre eigene Sprache auf. Diese selbstaufgezeichneten und -produzierten Daten bilden die Grundlage …

  • … für das Erlernen von Theorien und Modellen zur Sprechmelodie (des Deutschen)
  • … für das Üben des praktischen Umgangs mit diesen Theorien/Modellen
  • … für selbst-generierte Erkenntnisse zu Problemen/Grenzen der akustischen Analyse und zu Unzulänglichkeiten/Lücken in den Theorien/Modellen

Die Studierenden nutzen ihren Besuch an der TF auch, um einen Einblick in die aktuelle Forschung zur Sprechmelodie zu erhalten. Ganz nebenbei erleben sie den praktischen Nutzen vermeintlich trockener linguistischer Theorien und Modelle. Dadurch bauen die Studierenden Hemmungen gegenüber dem technisch-informatischen Zweig der Linguistik ab (und gerade dieses Fachgebiet ermöglicht den Zugang zu wichtigen Berufsfeldern, die von GeisteswissenschaftlerInnen häufig kaum wahrgenommen werden!). So erhalten die Studierenden  Einblicke in die Vorbereitung und Durchführung von Sprachaufnahmen und lernen, mit „Stolpersteinen“ umzugehen.

Die Vorteile

Bislang wurde die Umsetzung der sprechmelodischen Theorien/Modelle immer an vorgegebenen und vorselektierten (weil einfach zu analysierenden) Sprachbeispielen geübt. Nun können Studierende mit ihren eigenen Daten arbeiten. Melodische Bedeutungen sind schwer zu erkennen und zu unterscheiden. Bei Daten von sich selbst, die man zudem noch mal mit anderer Melodie wiederholen kann, kann die Analyse introspektiv und kontrastiv erfolgen. Zudem erlaubt die neue Vorgehensweise mehr „hands-on”-Gruppenarbeit anstelle von angeleitetem Frontalunterricht.

Erkenntnisse, die Studierende an sich selbst („hautnah“) gewonnen haben und  mit den Erfahrungen der Aufnahme multimedial verknüpfen können, bleiben viel besser „hängen“.

Bild1

 

Schritte

(1) Zunächst gilt es jedoch, die theoretischen (phonologischen) und akustischen Grundlagen zu erlernen.

  • Welche „melodischen Wörter“ lassen sich an jeder Strukturstelle unterscheiden?
  • Welche Bedeutungen/Funktionen haben “melodische Wörter” im Deutschen?
  • Wie produzieren und perzipieren wir Sprechmelodie und ihre Einheiten?

(2) Zur Vorbereitung und Durchführung der Dialogaufnahmen unter „Lombard”-Bedingungen dienen die folgenden Fragen, die es im Seminar ebenfalls zu dikutuieren gilt:

  • Aus welchen Einheiten/Strukturstellen besteht die Sprechmelodie d. Deutschen?
  • Wie werden Sprachaufnahmen digitalisiert?
  • Wie werden Versuchspersonen instruiert, welche Daten werden wie abgefragt?
  • Wie verhalte ich mich während einer Aufnahme?

(3) Hineinschnuppern in die Welt der Sprachtechnologie (durchgeführt in 2 Sitzungen à 90 Minuten in Kooperation mit Prof. Dr. Gerhard Schmidt, TF)

  • Welche sprachtechnologischen Anwendungen gibt es alles, und wie funktionieren sie in etwa?
  • Wie können Sprachwissenschaftler in die Weiterentwicklung der Sprachtechnologie eingebunden werden? Welche Probleme sind derzeit noch ungelöst?
  • Welche (Zusatz-)Kenntnisse sind dafür erforderlich und wo gibt es sie?

(4) „hands-on“:

  • Akustische Analysen und Annotationen der eigenen Sprachdaten
  • Nachbearbeitung der Dialogdaten, Schneiden, Kanaltrennen, Lärmbefreiung
  • Praktische Anwendung d. Wissens über die Theorien/Modellen d. Sprechmelodie
  • Allein u. in kleineren Gruppen ⇒ Ist Analyse/Annotation fremder Daten schwieriger?
  • Welche Lücke klafft zwischen Theorie/Modell und Realität?
  • Gibt es weiterführende Ideen/Erkenntnisse zur Sprechmelodie?

(5) Zusammentragen der Erkenntnisse und Erfahrungen, Remüsé über das Lehrprojekt, Planung der Prüfungsleistung (HA über Datenaufnahme/-analyse).

  • Zwei Studentinnen des Kurses haben bereits ihre BA auf Basis des Projektes geschrieben
  • Die Daten selbst werden derzeit in einer MA, für ein Promotionsprojekt der Projektmitarbeiterin Rabea Landgraf sowie für die phonetische Lehre im Allgemeinen weiter verwendet
  • Es entsteht eine Publikation zum “Lombard”-Korpus der CAU (SPID), in der die Daten und das Projekt ebenfalls berücksichtigt werden → DAGA, Nürnberg 2015.

Verwendung der PerLe-Mittel

Das Lehr-/Lernprojekt „Prosodie hautnah erleben“ wurde mit dem PerLe-Fonds für Lehrinnovation gefördert. Mit den PerLe-Mitteln ist eine wissenschafttlichen Hilfskraft eingestellt worden, die das Lernprojekt begleitet hat. Ihre Aufgaben im Überblick:

  • Entwurf/Weiterentwicklung der zu lesenden Dialogtexte im Vorfeld der Aufnahmen
  • Assistenz/Ansprechpartnerin während der Aufnahme
  • Erläuterungen der sprachtechnologischen Infrastruktur des ICC-Projektes
  • Ansprechpartnerin während der Analyse und Annotation der Sprachaufnahmen

Zudem konnte das Labor für Sprach- und Schallanalyse der Kieler Allgemeinen Sprachwissenschaft ausgebaut werden, beratend begleitet durch die TF (= Erweiterung um eine 3D-Geräuschsimulation). Studierende haben jetzt auch die Möglichkeit, in linguistischen Veranstaltungen allgemein die Veränderungen unter „Lombard“-Sprache auszutesten und die Nicht-Verständlichkeit von Labor-Sprache unter „Lombard“-Bedingungen zu analysieren.

Dies ermöglicht BA/MA-Arbeiten rund um das Thema „Lombard“-Sprache. Generell wird eine engere Vernetzung von Lehre und Forschung begünstigt.

Vortrag über das Lehrprojekt im Powerpoint-Format
(Tag der Lehre, November 2014)

 

Kontakt
Oliver Niebuhr (SFAS / Allgemeine Sprachwissenschaft)
niebuhr@isfas.uni-kiel.de

 

Dieses Lehrprojekt wurde mit dem PerLe-Fonds für Lehrinnovation gefördert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.