Geschichte im Netz – Fakten statt „fake news“

Public History: Studierende über digitalen Umgang mit historischem Wissen.

Zwei Klicks bis zu Texten über den Zweiten Weltkrieg, die russischen Oktoberrevolution oder das erste römische Triumvirat – der überwiegende Teil der Menschen informiert sich über Geschichte heutzutage zunächst digital. Doch wie verträgt sich die Schnelllebigkeit des Internets mit dem wissenschaftlichen Anspruch eines Geschichtsstudiums? Das Seminar „Public History: Geschichte im Netz“ des Kieler Professors für Geschichtsdidaktik, Sebastian Barsch, will nicht nur dieser Frage nachgehen, sondern anschließend auch selbst Geschichte für das Netz produzieren. Start eines dreiteiligen Werkstattberichts – von der Idee zum fertigen Produkt.

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Text: Sven Jalas (Projektteilnehmer & -PR)

Das Ziel des Seminars kündigt Professor Sebastian Barsch schon zu Beginn der ersten Sitzung des neuen Semesters an: „Wir wollen hier ein Projekt kreieren, das später in die Öffentlichkeit getragen werden kann.“ Und auch, was der Seminarleiter darunter genau versteht, wird in an diesem Dienstagabend Ende Oktober bereits deutlich. Der Seminartitel gibt die Richtung vor: „Public History – Geschichte im Netz“ soll den Teilnehmer_innen das Thema der Geschichtsvermittlung auf digitalen Kanälen näherbringen. „Wir müssen uns dabei fragen, wie es gelingen kann, historische Erzählungen mit der hinreichenden empirischen Triftigkeit auch für das Internet zu gestalten“, führt Barsch aus. Die Herausforderung an den Kurs laute also: Ein digitales Produkt entwickeln, dem der schwierige Spagat zwischen dem Anspruch wissenschaftlicher Genauigkeit und den Anforderungen an Informationen im Netz gelingen kann. Über die Art der Umsetzung solle im Kurs zu gegebener Zeit gemeinsam entschieden werden, doch ein paar Ideen liefert der Dozent auch hier schon mit: „Man kann das in Form eines Podcasts machen, Videos drehen oder auch einen Blog schreiben. Es gibt viele Möglichkeiten.“

Bei den Studierenden kommen die ersten Ausführungen des Dozenten gut an. Insgesamt acht angehende Historiker_innen im Masterstudium haben sich für die Teilnahme an dem Projektseminar entschieden, nicht alle jedoch ausschließlich aufgrund der Thematik. Vielmehr verursachte der Begriff ‚Public History‘ bei Vielen im Vorwege sogar mehr Fragen als Antworten, die Neugier trieb sie dennoch in den Kurs. ‚Public History‘, was ist das eigentlich?  Für Sebastian Barsch ist das vor allem ein Forschungsschwerpunkt mit zunehmender Bedeutung für das ganze Fach: „Bereiche zur Geschichtsvermittlung boomen zurzeit, achten sie sich doch nur mal auf die vielen Dokumentationskanäle im Fernsehen“, führt der Geschichtsdidaktiker beispielhaft an.

Vermittlung von Geschichtsfakten  in Zeiten des „Postfaktischen”

Während einer insgesamt sechsjährigen Tätigkeit an der Universität zu Köln befasste sich Barsch schon damit, wie Geschichte für verschiedene Zielgruppen aufbereitet werden könnte. Dabei spielen Aspekte der politischen Bildung dann genauso eine Rolle wie etwa die Begriffe der Geschichts- und Erinnerungskultur. „Wie wird über Geschichte vielleicht auch Politik gemacht? Oder wie beeinflusst die Prägung über Literatur, Fernsehen und Computer eigentlich das eigene Geschichtsbild?“, stellt der Seminarleiter fragend in den Raum. Hinzu komme gerade für den Umgang mit digitalen Kanäle im Zeitalter einer immer größeren Informationsflut mittlerweile noch eine neue und für die nahe Zukunft prägende Herausforderung für das Forschungsfeld: die Vermittlung von Geschichtsfakten  in Zeiten des „Postfaktischen“.

Anstelle der klassisch theoriebasierten Lehre setzt Public History bei der Vermittlung von fachwissenschaftlichen Erkenntnissen vor allem auf praxisnahe Erfahrungen. Für Sebastian Barsch ein wichtiger Vorteil: „Ich glaube einfach, dass sich über praktische Arbeiten erlangtes Wissen viel besser bei den Studierenden verankert, da bin ich auch ein bisschen durch meine eigene Vergangenheit vorgeprägt“, erzählt Barsch, der einst mit ähnlichen Methoden acht Jahre lang als Förderschullehrer unterrichtete. Dass es dennoch nicht ganz ohne Theorie geht, erfahren die Kursteilnehmer_innen in den folgenden vier Seminarsitzungen bis Ende November. Diskutiert wird so unter anderem über ‚Narrativität‘ und ‚Storytelling‘, also die Art der Wissensvermittlung von Geschichte, doch kommen auch stärker praxisbezogene Themen wie das ‚Postfaktische‘ bereits zur Sprache – immer das Ziel im Hinterkopf, basierend auf dem Gelernten später einmal selbst Geschichte für das Netz zu produzieren.

Es geht um Beseitigung von Halbwissen und Entschleierung von Mythen

Positiv aufgenommen wird im Kurs dabei vor allem die hohe Aktualität der angesprochenen Themen. „Mit algorithmischen Wahrheiten in sozialen Netzwerken zum Beispiel werden wir ja alle irgendwie tagtäglich konfrontiert“, spielt etwa Feliks Todtmann stellvertretend für die Gruppe auf die gezielte Steuerung von Meldungen auf Plattformen wie Facebook oder Twitter an. Ähnlich verhielte es sich mit dem wachsenden Problem der sogenannten ‚fake news‘. „Mittlerweile kann man fast für jede Aussage, so abwegig sie auch sein mag, irgendwo im Internet Bestätigung finden. Die User erschaffen sich ihre Fakten einfach selbst“, erkennt Masterstudent Todtmann einen wesentlichen Anknüpfungspunkt für die eigene (Aufklärungs-)Arbeit.

Als Instrument dafür legt man sich nach langen Abwägungen schließlich auf einen eigenen Blog fest, mit dem, so der allgemeine Tenor, wohl am besten ein junges, aber auch fachlich interessiertes Publikum angesprochen werden könne. Feliks Todtmann bringt den Grundgedanken dabei auf den Punkt: „Die Leute, die beispielsweise fest daran glauben, wir würden weiter im Deutschen Reich leben, sind mit unserem Vorhaben sowieso nicht zu erreichen.“ Vielmehr ginge es dem Kurs daher um allgemeine geschichtliche Aufklärung, um Beseitigung von Halbwissen und Entschleierung von Mythen. Folgen sollen dazu nun acht Wochen intensiver Projektarbeit. Auf dem Plan: Themenfindung, Erarbeitung eines Leitfadens für das praktische Vorgehen, und letztlich die Fertigstellung des Produktes, angestrebt für den 31.Januar 2017.

Wie die nun skizzierte Idee zur praktischen Umsetzung und Veröffentlichung gelangt, wird Thema des zweiten Beitrages dieser Blogreihe sein, während ein dritter Bericht schließlich einen Ausblick auf Chancen und Möglichkeiten geben soll, das Projekt auch über den universitären Rahmen hinaus fortzusetzen. Erste Weichen dafür sind durch Gespräche mit möglichen künftigen Kooperationspartnern bereits gestellt, wie Sebastian Barsch den Kurs nach der Abstimmung über den Namen des Blogs während der letzten Novembersitzung wissen lässt. Gewonnen hat den Namenswettbewerb übrigens der Vorschlag von Projektteilnehmerin Louise Raschwitz: ‚(HI)STORIES?! – Legenden unter der Lupe‘.

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