Historiker gegen Halbwissen

„HISTORIES“: Wie aus einem Projektseminar ein Geschichtsblog wird.

Vergangenes so darstellen, wie es trotz aller Unsicherheiten vielleicht war – mit diesem Leitsatz fasst Projektleiter Professor Sebastian Barsch die Hauptanforderung an seine Seminarteilnehmenden zusammen. Im Rahmen seines Kurses zum Thema ‚Public History‘ hatten sich Geschichtsstudierende mit den Möglichkeiten der richtigen Vermittlung historischen Wissens in Zeiten alternativer Fakten beschäftigt. Es entstand die Idee für einen Blog, mit dem sich die angehenden Historiker_innen ansprechend um Aufklärung bemühen. Zweiter Teil eines dreiteiligen Werkstattberichtes – von der Theorie zur Praxis.

Text: Sven Jalas (Projektteilnehmer & -PR)

Der Name ist Programm: „HISTORIES?! – Legenden unter der Lupe“ soll der neue Blog heißen. Eine Plattform gegen Geschichtsklitterung, Mythenbildung, Vergangenheitsfälschung. Kurzum: gegen alles, was heute mit dem Begriff des ‚Postfaktischen‘ einhergeht. Darauf haben sich die acht Masterstudenten im Projektseminar ‚Public History – Geschichte im Netz‘ während eines ersten knapp sechswöchigen Theorieblocks zusammen mit Dozent Sebastian Barsch festgelegt.

 

 

Barsch, Professor für Geschichtsdidaktik, geht es dabei auch um grundsätzliche Fragen an das eigene Studienfach, um die Verantwortung der historischen Wissenschaften oder deren Verhältnis zur Gesellschaft. „Welche Diskurse etwa zur Erinnerungskultur gerade in den sozialen Medien gefochten werden, wie Geschichte generell auch wieder häufiger politisch instrumentalisiert wird – müssen da nicht gerade wir als Historiker versuchen, mal eine Art Gegengewicht zu schaffen?“, fragt der Seminarleiter Anfang Dezember noch einmal in den Kurs. Worte, die Eindruck hinterlassen. Es ist das letzte gemeinsame Treffen im alten Jahr und damit Startschuss für die praktische Arbeit an den Blogbeiträgen, welche weitestgehend eigenverantwortlich ablaufen wird.

Von der Antike bis zur Neuzeit

Eigen- oder Selbstverantwortung sind ohnehin Wörter, die das Projekt großschreibt. So etwa bei der Entscheidung, um welche Geschichtsmythen und Legenden es bei „HISTORIES?!“ eigentlich gehen soll. Sebastian Barsch lässt jeden Seminarteilnehmenden eigene Vorschläge einbringen, die anschließend im Plenum diskutiert werden. Abgelehnt wird letztlich aber nur ein auf dem Thema einer berühmten Internetsatire beruhender Probetext zu der Frage, ob die Stadt Bielefeld wirklich existiert. Für die knappe Mehrheit des Kurses zu viel Klamauk bei zu wenig wissenschaftlicher Relevanz, woraufhin der Beitrag Anfang Januar beim Abgleich erster Zwischenergebnisse wieder von der Plattform verschwindet.

Im Übrigen deckt die Wahl der thematischen Schwerpunkte mehrere Jahrtausende der Weltgeschichte ab – angefangen bei der Schlacht im Teutoburger Wald als deutschem Gründungsmythos, bis hin zum nach wie vor hochaktuellen Reichsbürgermythos, also der Frage nach dem Fortbestehen des Deutschen Reiches ohne gültigen Friedensvertrag nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die formalen Kriterien zur Anfertigung der einzelnen Artikel sind im Vorfeld der praktischen Arbeitsphase indes klar und für jedermann verbindlich festgelegt worden, nicht zuletzt auch um diesbezüglich eine gewisse Einheitlichkeit der Texte zu garantieren. Dazu gehören etwa kurze und auch für ein nicht-akademisches Publikum verständliche Sätze, ein eingängig formulierter Teaser zum besseren Einstieg in den jeweiligen Beitrag, sowie zu dessen visueller Unterstützung auch die Verwendung passenden Bild- und Videomaterials. Seminarteilnehmerin Louise Raschwitz resümiert schon Anfang Januar, die Arbeit habe mehr Ähnlichkeit mit dem Verfassen journalistischer Artikel, als mit universitären Hausarbeiten: „Für mich ist schon erstaunlich, wie sehr sich der Lesefluss ändert, wenn man mal versucht, in einfachen Sätzen, aber eben doch wissenschaftlich korrekt zu formulieren. Ich denke, das ist für alle hier ein nützlicher Lerneffekt.“

Trump als Vorlage, Höcke als Mahnung

Stichtag ist der 31.Januar – bis dahin sollen die acht angehenden Historiker_innen je zwei Legenden genauer unter die Lupe genommen haben. Zur effektiven Kontrolle der verschriftlichten Ergebnisse hat sich der Kurs in Zweierteams eingeteilt, bei denen jeder Partner als Lektor für die Arbeit des jeweils anderen fungiert. Mit Erfolg, schließlich können alle Beiträge pünktlich veröffentlicht werden. Während der Abschlusssitzung zieht Sebastian Barsch dann auch zufrieden Bilanz. Super interessiert sei die Gruppe gewesen, habe eigene Ideen eingebracht und auch den Spaß an der Sache nicht vermissen lassen. „Und außerdem ist mir im Kontext forschenden Lernens heute abermals aufgefallen, wie groß eigentlich der Wert von Seminaren mit handlungsorientiertem Charakter sein kann.“

Zustimmendes Nicken im Plenum, auch die abschließende Diskussionsrunde zur persönlichen Reflexion des Projektes bestätigt den Dozenten in seinem Lehransatz. Insbesondere die Art und Weise der selbstständigen Organisation innerhalb einer größeren Gruppe habe ihm gefallen, meint etwa Feliks Todtmann, während Sonja Konrad nach den Erfahrungen der Seminararbeit vor allem ihre Rolle als Historikerin in der Gesellschaft ganz neu bewertet. Für Martin Engel wiederum bestand und besteht der besondere Reiz der Seminararbeit nicht zuletzt in deren hohem Aktualitätsbezug. „Wenn man etwa sieht, wie da aktuell in den USA geredet wird – ein Mann wie Donald Trump liefert uns ja beinahe täglich neues Material zur Analyse.“ Ein Punkt, auf den zu guter Letzt auch Sebastian Barsch noch einmal Bezug nimmt, jedoch mit einem anderen Beispiel:

„Vor ein paar Wochen hat Björn Höcke, wohlgemerkt hauptberuflich Geschichtslehrer, eine Rede gehalten, in der er mit nationalsozialistischen Sprachmustern für eine andere Erinnerungskultur wirbt. Wenn man sich sowas anschaut, hat unsere Arbeit eigentlich gerade erst begonnen.“

Wie diese auch nach dem offiziellen Semesterende weitergehen soll, welche Chancen und Perspektiven es für „HISTORIES?! – Legenden unter der Lupe“ gibt, wird Thema des dritten und letzten Beitrages dieser Blogreihe sein.

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