Raum für gute Lehre

Visionen zu den Neubauten in der Leibnizstraße

Der Campus der Universität Kiel ist im Umbruch. In der Leibnizstraße sind die Bauarbeiten inzwischen unübersehbar und stellen den Startschuss für eine ganze Reihe von Neuerungen dar. Der Slogan „Exzellenz im Norden“ soll sich in Zukunft auch in den Gebäuden widerspiegeln, denn gute Lehre braucht passende Räumlichkeiten, um Kreativität und Motivation zu fördern. Doch wie genau sieht ein guter Lernraum aus? Um sich mit dieser Frage auseinanderzusetzten, haben sich am 13. Dezember 2017 interessierte Menschen aus unterschiedlichen Bereichen im Workshop „Design Thinking“ – einer Methode zur Arbeit im Reallabor Kiel vom Projekt erfolgreiches Lehren und Lernen (PerLe) – zusammengefunden. Unter der Leitung von Sebastian Becker, Design Thinking Berater aus Göttingen, sind spannende Prototypen entstanden, die Raum für gute Lehre bieten.

Text & Fotos: Janina Bankstahl (Studentin/PerLe)

 

 

Im Workshop sollen erste Ideen und Visionen für Räume entwickelt werden, die die Anforderungen der Studierenden an ihre Lernumgebung in den Mittelpunkt stellen. Als Motor des kreativen Prozesses dient dabei die Methode des Design Thinking, die Studierende im Reallabor Kiel als Werkzeug zur Vorbereitung von transformativer Forschung  kennenlernen. In einem sechsstufigen Prozess werden anhand von Beobachtungen Ideen entwickelt, verdichtet und im letzten Schritt ausprobiert. Im Fokus stehen heute die Neubauten in der Leibnizstraße, deren Bau ab 2020, nach Fertigstellung des Juridicums, starten soll. In der Leibnizstraße sollen Fakultätenblöcke in direkter Verbindung zur Universitätsbibliothek entstehen. Für einen rechtzeitigen Baubeginn müssen im Sommer 2018 die ersten räumlichen Konzepte vorliegen.

Wie werden die Lernräume den Bedürfnissen der Studierenden gerecht?

Für die Beantwortung dieser Frage verlassen die Teilnehmenden des Workshops den Arbeitsraum, um Studierende auf dem Campus direkt zu befragen. Obwohl das Spektrum der Antworten groß ist, finden sich immer wieder Schnittstellen. Viele der Befragten wünschen sich Räumlichkeiten für Stillarbeit, besonders häufig wird zudem der Wunsch nach Orten für aktiven Austausch und Gruppenarbeit laut, die bisher rar sind. Auch begegnen die Teilnehmenden des Workshops Studierenden, die neben dem Vollzeitstudium als studentische Hilfskräfte arbeiten und dadurch beinahe das Gefühl haben, „an der Uni zu wohnen“. Daneben gibt es aber auch Studierende, die nur zur Uni gehen „um sich etwas abzuholen und lieber zu Hause lernen“. Über diese Aussagen hinaus wird immer wieder der Wunsch nach einer besseren technischen Ausstattung mit mehr Steckdosen und einwandfrei funktionierendem WLAN geäußert.

 

 

Um die Ergebnisse der Interviews zu verdichten und die gesammelten Daten zu personifizieren, entwickeln die Workshop-Teilnehmenden in einem weiteren Schritt fiktive Persönlichkeiten, sogenannte Personae, auf die sie später ihre Lösungsansätze zuschneiden. So wird beispielsweise in einer Kleingruppe der fiktive Student „Kevin“ geboren. Kevin arbeitet als studentische Hilfskraft und verbringt so viel Zeit an der Uni, dass er die Uni als zweites Zuhause betrachtet. Er wünscht sich eine bessere Technik und mehr Platz zum Lernen. Mit Kevins Hilfe lässt sich die  Ausgangsfrage konkretisieren und lautet nun: „Wie kann dem engagierten und zielstreben Kevin ein Raum zum Leben gegeben werden?“

Bedürfnisse auch auf der Metaebene berücksichtigen

Auch über die Umfrage hinaus ergeben sich interessante Ergebnisse im Workshop. So ist Kai, der als CAU-Alumni am Workshop teilnimmt, erstaunt über die Angepasstheit der heutigen Studierenden. Zu seiner Zeit war Studium auch „Lebensphase und damit die Aneignung von Lernraum“. Auch Ellen, Unternehmensberaterin und ehemalige Studentin der CAU, ist irritiert von dem Bedürfnis der Studierenden nach Räumen für intensive Stillarbeit. In ihren Augen bieten die heutigen Räumlichkeiten der Universität keinen Nährboden für Kreativität. Diese sehr persönlichen Erfahrungen und Einschätzungen fließen ebenfalls in die weiteren Überlegungen der Workshop-Teilnehmenden mit ein und erweitern die Möglichkeiten für die Gestaltung der neuen Gebäude. In diesem Kontext wird die Frage aufgeworfen, ob die Studierenden vielleicht schon so sehr an die zweckorientierten Räume gewöhnt sind, dass ihre Wahrnehmung bereits angepasst und die Fantasie für neue Lernraumvisionen einschränkt ist. So versuchen die Teilnehmenden des Workshops zwischen den Zeilen zu lesen und bei der Entwicklung von Prototypen auch Bedürfnisse, die hinter den Aussagen der Befragten versteckt sind, aufzudecken.

 

 

Wie kann man die Anforderungen der Studierenden praktisch umsetzten?

In der letzten Phase des Workshops stellen sich die Teilnehmenden die Frage, wie sich die gewonnenen Erkenntnisse praktisch in Räumlichkeiten übersetzten lassen. In Gruppenarbeit entwickeln sie erste Ideenfragmente, die anschließend mit allerlei Material, darunter LEGO, Knete und Maisbausteine, die sie zu Visionen optimaler Lernräume umsetzen. Die Modelle vereinen die gesammelten Erkenntnisse über die Bedürfnisse der Studierenden nach Nähe, Distanz und Infrastruktur.

Unter der Überschrift Nähe finden sich in den Modellen auch Orte für Kommunikation und Gruppenarbeit. Runde Tische sollen die Möglichkeit bieten, in Lerngruppen zusammenzuarbeiten, während Lesecafés Raum für Begegnungen und Austausch schaffen sollen. Bisher werden die Innenhöfe der bestehenden Universitätsgebäude von Studierenden kaum genutzt. Allen Prototypen gemeinsam ist, dass sie unterschiedliche Lösungen anbieten, um Innenhöfe und Außenflächen nutzbar zu machen. Ob als Marktplatz in der Funktion eines verbindenden Elements zwischen einzelnen Gebäudemodulen oder als ansprechend gestaltete Grünflächen und Außenbereiche.

Aber auch Ruhe und Abgrenzung ist ein häufig genanntes Bedürfnis der Befragten. Schallgeschützte Räume, die sich für ein Selbststudium anbieten, dienen als Rückzugsmöglichkeit. In einigen Modellen finden sich sogar Duschen und Betten für diejenigen wieder, die  den Großteil ihres Tages an der Uni verbringen. Basis aller Entwürfe ist eine gute Infrastruktur. Steckdosen und WLAN, flexible Räume, Teeküchen und gut ausgestattet Fachbibliotheken halten den Studierenden den Rücken frei, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Ergebnis des Workshops sind also innovative Prototypen (s. rechte Spalte), um guter Lehre passende Räume zu schaffen. Im weiteren Prozess sind diese Utopien nicht nur Grundlage einer Diskussion beim Projekt erfolgreiches Lehren und Lernen (PerLe), sondern wurden dem CAU-Projektleiter für die Umbauten in der Leibnizstraße, Tim Lüdrichsen, bereits vorgestellt und mit ihm diskutiert.

 

Weiterführende Informationen

  • Der „Design Thinking“-Workshop fand im Rahmen des Reallabors Kiel statt

 

 

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