Mehr Lebensqualität durch „Demokratische Innovation“

Öffentlicher Vortrag von Dr. Stefan Bergheim im Reallabor Kiel

Dr. Stefan Bergheim vom Frankfurter „Zentrum für gesellschaftlichen Fortschritt“ war an der Kieler Universität zu Gast. In einem öffentlichen Vortrag stellte er sein Methodenrepertoire vor, das auf „demokratische Innovation“ abzielt. Für mehr Mitgestaltung, einen positiven gesellschaftlichen Wandel und eine möglichst hohe Lebensqualität für alle. Die Studentin Dominique Just berichtet.

Text: Dominique Just (PerLe/Studentin)

 

Nach einem spannenden Auftakttreffen konnte ich am 8. Juni die zweite Veranstaltung im Rahmen des von PerLe begleiteten Seminars Das Reallabor besuchen, zu der neben den Studierenden des Seminars wieder Engagierte aus Politik, Zivilgesellschaft und der Bildungslandschaft sowie die interessierte Öffentlichkeit eingeladen waren. Ziel des Seminars ist die Erforschung der Frage „Wie können wir demokratische Prozesse in Kiel gestalten, um ein gutes Leben für alle zu ermöglichen?“. Um der Beantwortung dieser Frage etwas näher zu kommen, war an diesem Abend Dr. Stefan Bergheim vom  „Zentrum für gesellschaftlichen Fortschritt“ zu Gast. Dr. Bergheim stellte Methoden vor, die er als „demokratische Innovation“ beschreibt, und die zu einer hohen Lebensqualität für alle gesellschaftlichen Gruppen beitragen sollen.

Nach einer kurzen Vorstellung des Ablaufs durch Frauke Godat, welche das CAU-Seminar gemeinsam mit Masterstudentin Jana Nau gestaltet, stellte Dr. Bergheim sich selbst und seinen beruflichen Werdegang kurz vor. Schon während seiner Tätigkeit als Volkswirt für führende Banken wurde ihm klar, dass das Bruttoinlandsprodukt nicht der einzige Indikator für Lebensqualität in Deutschland sein könne. Also gründete er 2009 das „Zentrum für gesellschaftlichen Fortschritt“ in Frankfurt, um eine zukunftsformende Dienstleistung für die ganze Gesellschaft anzubieten.

 

 

Nach einer kurzen Einführung ging es auch schon direkt mit einer kleinen Gruppenarbeit los. In Zweiergesprächen diskutierten wir, was aus unserer Sicht große Herausforderungen in Bezug auf die Lebenszufriedenheit in Kiel sind. Wir sammelten die Ergebnisse, und schnell wurde deutlich, dass für die Beteiligten vor allem zwei Bereiche in der Landeshauptstadt eine Rolle spielten: Verkehr und Zusammenleben. Auch andere Bereiche wie Wohnen, Kultur und Freizeit, Umwelt, Bildung, aber auch Politik spielten in den Diskussionen eine Rolle. Die Bereiche Gesundheit und Sicherheit waren dagegen nur selten Thema, was auf eine relativ hohe Lebensqualität in diesen Bereichen hindeuten könnte. Dr. Bergheim erläuterte, dass in anderen Städten ähnliche Beobachtungen gemacht worden seien – wobei das Thema Verkehr in Kiel eine besondere Rolle zu spielen scheine.

Weiter ging es dann mit der Vorstellung Dr. Bergheims Arbeit. 2011 und 12 leitete er im Rahmen des Zukunftsdialogs der Bundeskanzlerin die Arbeitsgruppe „Wohlstand, Lebensqualität und Fortschritt“. Dabei wurde ein Bürger_innendialog zum Thema „Gut Leben in Deutschland“ angestoßen, auf dessen Grundlage Dr. Bergheim vier elementare Schritte für einen „Lebensqualitätsprozess“ erarbeitete:

  1. Dialog mit der Bevölkerung
  2. Visionen entwickeln
  3. Messung von Indikatoren
  4. Handlung

 

Auf Grundlage dieser Schritte hat er das Projekt Schöne Aussichten in Frankfurt ins Leben gerufen, dessen Ergebnisse er im Rahmen seines Kieler Vortrags vorstellte. Nach einem Dialogprozess mit der Frankfurter Bevölkerung, der aus insgesamt 16 Veranstaltungen bestand, entstanden Visionen für ein lebenswertes Frankfurt. Mithilfe messbarer Indikatoren wurden dann Handlungsempfehlungen abgeleitet. Es sind bereits einige konkrete Projekte aus diesem Prozess hervorgegangen, darunter Nachbarschaftsfeste, Repair Cafés und das Projekt  Frankfurter Begegnungen.

Nach der Vorstellung der Projektergebnisse, sprach Dr. Bergheim schließlich über allgemeine Kriterien für demokratische Innovationen (in Anlehnung an den Forschungsschwerpunkt von Frau Prof. Geißel von der Goethe Universität  in Frankfurt am Main)

  1. Inklusive und bedeutsame Partizipation
  2. Wahrgenommene Legitimität
  3. Hochwertiger Austausch
  4. Wirksamkeit
  5. Bildung aller Beteiligten im Prozess

 

 

Nachdem wir die spannenden Ergebnisse aus Frankfurt diskutiert hatten, war es an der Zeit, den Transfer zur „Lebensqualität in Kiel“ zu wagen. In Gruppen diskutierten wir anhand der „Leinwand Lebensqualitätsprozesse“, die Dr. Bergheim entwickelt hat, welche Dialogfragen, Indikatoren, Visionselemente, Hürden oder Dialogbeteiligte wir für Kiel identifizieren können. Aufgrund der knappen Zeit konnten wir nur in Ansätzen darüber sprechen, wie wir uns einen Dialogprozess für Kiel vorstellen, die Ergebnisse fielen dennoch sehr interessant aus und haben bei vielen Teilnehmenden Interesse geweckt, sich tiefergehend mit dem Thema zu beschäftigen.

Eine wichtige Erkenntnis, die ich persönlich aus dem Workshop mitnehme, ist, dass in Bezug auf Dialogprozesse der Weg das Ziel ist. Allein schon das Zusammentreffen unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen und das aktive Zugehen auf selten gehörte und schwer erreichbare Stimmen ist ein großer Gewinn für eine demokratische Gesellschaft, in der Zusammenleben von vielen Menschen als ein Hauptfaktor für Lebensqualität steht.

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